Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1898)
- Date
- 1898-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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276 Knaben Hülb versuchten Mordes seitens einer Frau Hertz fand am 24. Januar eine Untersuchung statt. Die Antisemiten suchten daraus bekanntlich einen „Ritualmord" zu machen. Der Vater des Knaben hatte sich nämlich beschwerdeführend an den Justizminister gewandt und dabei ausgeführt, der Bürgermeister Heckmann habe seinen Jungen beeinflußt, auszusagen, daß er die ganze Geschichte erfunden habe. Dieserhalb hatte nun Staatsanwalt Baumgard-Lleve die Anweisung erhalten, sich sofort nach Jffum zur Untersuchung des betreffenden Falles zu begeben. Gegen 11 Uhr traf der Herr Staatsanwalt in Jffum ein, und fand auf dem Bürgermeisteramte die Vernehmung statt. Bürgermeister Heckmann, Beigeordneter Mühlen, Dr. Polzin, die drei Lehrer, der Knabe und der Vater deffelben sowie noch mehrere andere Zeugen waren dazu erschienen. Trotz allem gütlichen Zureden des Staatsanwalts war jedoch aus dem Jungen nicht das Geringste herauszubringen, er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen jedes Verhör, so daß er schließlich entlasten werden mußte. Die Lehrer stellten dem Jungen das beste Zeugniß aus und schilderten ihn als brav und fleißig, dazu sei er aber sehr erregt und besitze große Phantasie. Nachdem die Vernehmung bis 1 Uhr gedauert und nur dasselbe Resultat ergeben hatte, wurde eine Pause gemacht und Nachmittags eine Ortsbesichtigung vorgenommen. Späterhin erschien, dem „Geld. Wochenblatt" zufolge, nun der Vater mit seinem Sohne wieder auf dem Amte und theilte mit, daß derselbe jetzt aussagen wollte; der Staatsanwalt erklärte jedoch die Akten für geschloffen. Die Angelegenheit wegen des beabsichtigten Mordes ist hiermit erledigt, aber die Sache wird wohl noch ein gerichtliches Nachspiel haben wegen Beleidigung des Bürgermeisters Heckmann. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. ** Wien, 16. Februar. In einer Sitzung des niederösterreichischen Landtages beantragte Abgeordneter Schneider: Das rituelle Schächten sowie den Verkauf geschächteten Fleisches und die Einfuhr desselben mit gesetzlichen Strafen zu belegen; selbstverständlich von sämmtlichen antisemitischen — aber auch nur von diesen — unterschrieben. — Außerdem hat der famose Mechaniker Schneider ein klassisches Zeugniß von antisemitischer Gemüthsbildung abgelegt. Auf der Tagesordnung stand die Frage des Vogelschutzes. Der liberale Abg. Dr. Ofner hielt hierzu eine Rede, in der er sich u. a. gegen die Frauenmode, Vogelbälge auf den Hüten zu tragen, wandte. Diesen Anlaß benutzte der Abg. Schneider zu dem Zwischenrufe: „Die Schonzeit für die Juden, die Raubvögel muß aufhören! Für die Juden soll Schußgeld gezahlt werden!" Herr Schneider würde sich jedenfalls brillant ausnehmen, wenn er nach indianischer Mode — wir wollen durch diesen Vergleich die Indianer nicht beleidigen — sich mit den Skalpen getödteter Juden schmücken könnte. Leider ist aber trotz der sehr wirksamen Angriffe, welche die tapferen Antisemiten gegen die moderne Humanität ausführen, die Verwirklichung dieses Ideals kaum noch zu Lebzeiten Schneiders zu erwarten. — Wien wird nun auch ein antisemitisches Theater erhalten! Das Projekt des Kaiserjubiläums-Theaters schreitet seiner Verwirklichung entgegen. Der Gemeinderathhat den Bauplatz im Werthe von 150 000 Gulden unentgeltlich zur Verfügung gestellt, 500 000 Gulden sind bereits zusammengebracht, so daß noch der Betrag von 150 000 Gulden aufzubringen ist. Das Theater soll nur christlich-deutsche Künstler engagieren, nur Schauspiele, welche zur Bildung und Hebung der Sittlichkeit beitragen und von nichtjüdischen Autoren verfaßt sind, auf sein Repertoir setzen. Also nicht die künstlerische Bedeutung, sondern der Taufschein entscheidet. Jeder Schauspieler hat also zunächst seinen Stammbaum vorzulegen, ehe er engagirt wird; die Juden L'Arronge, Fulda, Rosmer, Bernstein, Olden u. s. f. sind verpönt. Wir sind auf die Entwickelung dieser eigenartigen Blüthe antisemitischer Kunst gespannt. Schade nur, meint eine Wiener Zeitung, daß den Juden nicht verboten ist das Theater zu besuchen, es würde gewiß sonst bald verkrachen. ** Budapest, 19. Febr. Das Abgeordnetehaus setzte die Berathung des Kultusbudgets fort. Der Unterrichtsminister erklärte gegenüber einem Abgeordneten der Volkspartei die kirchenpolitischen Gesetze schadeten der Religion nichts. Die Regierung unterstütze die konfessionelle Religiosität, aber nur eine solche, die auf ehrlicher Ueberzeugung und freier Anhänglichkeit an den Glauben beruhe. Einige Abgeordnete sprachen auch von dem Antisemitismus. Dies sei ein gefährliches Beginnen. Mit dem Antisemitismus fange die Sache an und beim Kampfe gegen jeden guten Rock ende sie. Der Minister erinnert daran, daß im Comitat Stabolcs, wo eben jetzt eine heftige sozialistische Agitation betrieben werde, eine Brutstätte des Antisemitismus gewesen sei. Frankreich. ** Paris, 19. Februar. (Deputirtenk a m m e r.) Es herrscht großer Andrang und Erregung. Samary interpellirt über die jüngst in Algerien vorgekommenen Ruhestörungen und führt aus: Die Judenfrage sei seit der Eroberung des Landes vorhanden, sie habe aber seit dem Jahre 1870 an Schärfe zugenommen, namentlich in Folge des Dekrets Cremieux, durch das alle Juden naturalisirt wurden. Der Redner gibt einen historischen