Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-09-08 · Heft 71 (8.9.1898) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 71 (8.9.1898)
Date
1898-09-08
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448924--46719-2495783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1330 pflanzt. An vielen Orten wurde der eine sichere Existenz gewährende Getreidebau begonnen. Es sind hauptsächlich zwei Dinge, die auf die Entwicklung einwirken, nämlich die Abhängigkeit von der Wohl thäNgkeit uud der Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die erstere vermindert theilweise die Lust zur Arbeit; eS ist Thatsache, daß dadurch Kolonisten, die tüchtig arbeiteten, zur Arbeitslosigkeit und Bettelei hingetrieben worden sind, die Folge davon ist Verlust des Selbstbewnßtseins und Hoffnungslosigkeit, wenn es schlimm geht. Die ganze Kolonisation war auf das Bakschischsystem aufgebaut; dasselbe herrschte bei der Aufnahme. Es mußte die Oeffentlichkeit gescheut werden, und es haben sich daher viele sch echte Elemente eingeschmuggelt und es ist ein Proteltionssiistem cingcrifsen. Das Mißtrauen der Kolonisten gegen ihre Leiter ist sehr schädlich. Was das Schulwesen betrifft, so hält dasselbe den Vergleich mit demjenigen in anderen Ländern nicht aus. Die Schulen in den ineisten Kolonien entsprechen nicht den Anforderungen, die man an sie zu stellen berechtigt wäre In Jaffa soll eine Mittelschule errichtet werden, auf die uian große Hoffnungen seht- Redner verlangt vollständige Reorganisation uitb als offizielle Sprache die Hebräische. Es fehlt vor allem in den Kolonien an einer einheitlichen Leitung, dazu soll die künftige Bant verhelfen. (Beifall). Vinetes erhielt das Wort für Stellung der Anträge der Kolonisationskommmisfion; die Resolutionen lauten folgendermaßen: 1. Unter zweckdienlicher Behandlung Palästinas versteht man, daß sie nach einer von der türkischen Regierung dazu erlangten Erlaubnis und nach cinent Plane unter Leitung einer vom Eongretz dazu gewählten Kommission durchgesührt werden soll. 2. Diese zur Ueber Weisung und Leitung derKolouifatiouS angelegen eit eingesetzte Kommission besteht aus 10 Personen und hat ihren Sitz in London und zwar aus England 3, Rußland 2, Galizien 1, Deutschland 1, Rumänien 2, Aktionskomitee 2. Mindestens 3 müssen davon in London wohnen. Die für die AdministrationSaus gaben nöthigen Mittel bepreitet das Aktionskomitee. 3. Die ersten Kolonisationsschritte sollen mit den in der Türkei sich aufhaltenden Juden vorgenommen werden- 4. Zur Erwirkung einer Kolonisationserlatibnis bei der türkischen Regierung soll die Thätigkeit der Kolonialbaut beitragen. 5. Der Eongreß verpflichtet die Zionisten, ihren Einfluß dazu zu benutzen, daß alle Kolonialgesellschaften nach einem den obigen Beschlüssen entsprechenden Plan zu arbeiten, sich bestreben. 6. Der Eongreß ersucht das Aktionskomitee wissenschaftliche Untersuchungen z>>r Klarlegung der rechtlichen Lage der Inden in der Türkei, besonders in Palästina zu veranlassen. Rabbiner Bk a r k u s auö Krakau unterbreitet hierauf dem Eongresie folgende Petition: Die Eolonisatron ist für uns Oestler das Alpha und Omega aller Bestrebungen des religiösen Zionismus. Derselbe hat zwei verschiedene Zwecke im Auge, die sich in dein Schriftverfe vereint finden: Wechiver admosau amau. Er wird versöhnen sein Land und sein Volk. Zuerst das Land, daun das Volk. Auch für diejenigen Juden, die allen Unbilden des Kampfes im Exil trotzen, ist die Wiederbelebung des Heimathlandes das verdienstliche Werk. In ziveiter Linie folgt erst die Schaffung eines Asyls für die Heimathslosen. Das zweite Kind ist uns ebenso an das Herz gewachsen, wie das erste. Wir begrüßen daher in dem Baseler Eon gr»sse den ersten, rnn politischen Verlretungskörper, den die Judenheit seit 1800 Jahren aus sich selbst heraus geschaffen hat. Wir räumen ihm alle seine politischen Vertretungsrechte ein. Aber — wenn unsere Volksmassen dafür mit Gut und Blut einstehen sollen, so muß derselbe Beweise siiner Leistungsfähigkeit geben. Wir wollen Thaten sehen. Der Eongreß viirdicirt sich die Fähigkeit, nach Möglichkeit das angcstrcbtc Ziel zu erreichen, welches sieben Millionen Juden Hilfeleistung verheißt Wohlan, wir verlangen eine kleine Probe von ihm. 7000 jüdische Seelen befinden sich in Argentinien in den (Kolonien des sel. Baron Hirsch in einer geradezu verzweifelten Lage. Ihr Norhschre. dringt zu uns trotz aller Bcrcitlnngsvcrsuchc seiner Bedränger. Diese Lage ist durch eine merkwürdige Eoll ssion wohlthättgcn WollenS uud praktischen Könnens geschaffen worden. Als Delcgirter der Krakauer Zionisten habe ich das Mandat übernommen air den verehrten Eongreß eine Petition zu richten, zu welcher wir rrus besonders gedrängt fühlen, da wir s l,r gegen unsere Absicht, Mitschuldige eines Verbrechens geworden sind. Wir waren diejenigen, durch deren Vermittlung das argentinische Proj et arrs dem etat d’etnde. dem Stadium des Studiums, in die Wirklichkeit gebracht worden ist. Ja, cs geschieht da ein großes Verbrechen. Diese Beinitleideirswcrthen find b.m Mordstah! halbwilder Gancho's ihre Frauen der Schändung, ihre (Existenz dem Fraß der Heuschrecken und der Schmach des Bettlers preisgegeben. Ich habe einen Zeugen rnitgebracht. in der Per sorr des Eoloiirsten L.ipe, der ein ^engniß seiner ttnbeschol tenheit Seitens der Administration des I. E. A. in Buenos Ar.rrcs in Händen hat, worin zugleich als Grund des Arrsgcbens der Ansiedlung der Fall angegeben ist lialierzeli madatu uiia lnju, weil man ihm eine Tochter getödtet hat. Dieser traurige Fall sieht keineswegs vereinzelt da. Ein Verhör dieses Zeugen wird Ihnen alle Einzelheiten bestätigen, w.lche über dre schrccklichcrr Zrrstände in die Oeffentlichkeit gelangt sind. Ritorim dirvre eines. Gleichzeitig hat sich aber auch der Dclcgirte des Zionistenvereins in Buenos Ayres eingefnndcn, Herr Eoloncl Sorr, der die Strapazerr einer solchen Reise trotz seines Alters nicht gescheut hal, ein Mann, der als erfindungsreicher Ingenieur von zwei russische,l Kaisern persönlich ausg zeichnet worden ist, und durch seine Leistrurgerr, ivie durch die Beherrschung von acht Sprachen auch ein tlassisches Zengniß für die Macht der Energie bcibringt, welche cirre eigenartige Bildung dem Menschen im Kampfe ltm’s Dasein zu verleihen geeignet ist. Derselbe hat Vieles mit eigenen Augen gesehen, und beftä tigt vollständig alle bekannten Einzelheiten. Das Grnndübcl liegt in der Wahl gcrvissenloser Administratoren, die der weite Oecan vor der persönlichen Eon trolle^ durch die Londoner Verwaltung schützt, und die immer im Stande sind, gewöhnliche Eommissionen durch potciiitinsche Dörfer zu mystifizircn. Der Eongreß, der nur vor dem Forum der rmll liehen Machthaber verirrten will, hat hier eine lehr dankbare Ausgabe, cirre Probe seiner Leistungsfähigkeit arr jüdischen Polentatcn zu liefern, also eine Thal vor den Augen des Volkes zu leisten, das vorerst einmal eine solche sehen will. Diesen Wunsch hat ja auch ein geehrter Vorredner, Sr. Ehrw. Rabbiner Sonnino von Reapel in folgenden Worte» dargelcgl: Et voili > xmnwrll le Sionisme peut, se)<>u moi. satisfaire ä toutes les opinions. ear il doit euiployev des avguments rattoives par des projc'fs et par des (aits pratique.s proport,ionnes; et aiusi. tous traternisev suus son drapeau. Wenn Neapel und Krakau ein und dieselbe Anschauung berukünden, so dürfte das wohl dcnr extremsten Fortschrittler genügen, um jeden Verdacht rr.hodox separatistischer Wünsche niederzuschlagen. Der Eigcndüntel und wohl arich der Religionshaß ge wisser Erwählter, in deren Händen die großartige Stiftung des sel. Baron Hirsch ruht, sträubt sich dagegen, durch Ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.