Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1898)
- Date
- 1898-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1311 Feuilleton. -E^G Verkauft. K-L1— Eitle Erzählung aus Ungarn. 7) Von Samuel B. Rosuer. Der Arzt sah zu spät das Unheil, das er angerichtet. Es ist bedauerlich, daß es viele Aerzte nicht ahnen oder nicht ahnen wollen, welche hohe ethische Mission sie dem Gesunden gegenüber zu erfüllen haben. Und diese hat auch den Vorzug, daß sie nie fehlschlägt, während ihre Mission den Kranken gegenüber in vielen Fällen mehr als problematisch bleibt, denn die Mixturen und Pülverchen vermögen oft herzlich wenig gegen die Krankheit auszurichten, während die Zuversicht und belebende Hoffnung, welche die Zugehörigen der Kranken an das Erscheinen des Arztes knüpfen, ihr Gemüth stets tvie himmlischer Thau berührt. Als der Arzt zu Rüben trat und seine Hand erfaßte, fühlte sich dieser schon wieder etwas bester. Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und verlangte nach Wasser. „Na, was machen Sie für Geschichten," schalt der Arzt, indem er sich setzte und eifrig die Gläser seines Zwickers putzte. „Meinen Sie denn, wir sind unfehlbar? Wenn Sie wüßten, wie viel Leute munter herumlaufen, für die ich keinen Deut gegeben hätte! Wenn Sie's nicht weiterplaudern, will ich Ihnen vcrrathen, daß die ganze Geschichte nicht viel heißt. Es ist schon viel, ja es ist schon Alles, wenn wir nichts verderben und verhindern, daß durch Andere verdorben wird. Die Natur, die Natur, das ist die Hauptsache!" „Herr Doktor sind immer so bescheiden," bemerkte Dina verbindlich. „Ach, was bescheiden," warf der Arzt geringschätzig hin, „verdammt genug, daß es so ist, aber es ist so. Na, wissen Sie, überall schwatze ich es ja nicht aus, aber Ihnen sage ich's! Hören Sie mal, wie ich erst vor einigen Tagen aufgesessen bin. Habe da einen diphteritiskrankcn Bauernschlingel von sechs Jahren in Behandlung. Verlauf der Krankheit miserabel, Belege rühren sich nicht vom Fleck, von Tag zu Tag steigendes Fieber, Nahrungsaufnahme gleich Null, Diagnose.- unrettbar verloren. Am fünften Behandlungstag stellt sich noch zum lieber stuß krupartige Aupina ein, der Kerl bellte —" Vom Krankenbett drang in diesem Augenblick ein hohles, heiseres Husten und der Arzt unterbrach sich, indem er aushorchtc. „Hm — ja," fuhr er dann fort, indem er sich bemühte, seine Betroffenheit zu verbergen, „das ist gar nichts dagegen, der Kerl bellte, sag' ich, wie ein veritabler Hund. Urinirung spärlich, vollständige Apathie. Tags darauf, denke ich beim Vorübergchen: Du gehst noch einmal hinein — es ist nämlich ein wohlhabender Bauer — dem Kranken schad's nichts mehr und dir kann es nur nützen. Mein Gott, time 18 money, Visiten sind Geld. Ist er bereits sanft in's Jenseits hinübergeschlummert, so thut das nichts. Es ist immer von wohlthuendem Einfluß aus die Honorirung, wenn man sieht —" hier schlug er einen parodirenden Pathos an — „daß der Arzt auch mit dem Herzen bei seiner Arbeit ist, daß er seinen theuren Patienten, bis über's Grab hinaus seine Fürsorge angedeihen läßt! — Hast Du aber vollends Glück und erscheinst gerade in dem Moment, wenn er den letzten Gluckser thut, dann kannst Du sagen —" er verfiel wieder in Pathos — „bis zum letzten Athemzug die Pflicht erfüllt zu haben." „Sie sind aber wirklich originell, Herr Doktor," sprach Dina, welche die Absicht des biederen Mannes bemerkte, den Ernst der Situation durch sein drolliges Geplauder zu mildern. „Ach, was ein elender Stümper bin ich, der die Kunst bis an sein Ende nicht mehr erlernt, da muß man zu unseren jungen Herren gehen, die Verstehens, daß es eine Lust ist. Hochnotpeinlicher Ernst, das Gesicht in tausend Falten, kurze, tiefsinnige Redeweise, wie ein delphisches Orakel, dazu Cilindcr, Frack, weiße Weste — und das muß alles gut bezahlt werden, der Frack, der Cilindcr und die Gesichtsfalten. Doch um zu meinem Fall zurückzukehren, ich fetzte also meine trostloseste Leichenbittermiene auf und gehe in Gottesnamen hinein. Aus dem Krankenzimmer schlug mir ein höllisches Ge trommel entgegen. Der Vater empfing mich mit den Worten: „S ist nit zum Aushalten mit dem Racker, Herr Doktor." „Mit wem?" fragte ich ungläubig. „Na, mit dem Patschienten." Ich dachte an einen furchtbaren Todeskampf. „Ja, Vetter," sagte ich kleinlaut, „S Sterben ist eben kein Kinderspiel." „Was, Sterben?" sprach der Bauer, „gar ka Spur. Da schauenS!" Damit machte er die Thür auf — und richtig saß dort der Schlingel aufrecht im Bette am Reste eines Stück Schwarzbrodes knuspernd und war im Begriffe, das Bett in Trümmer zu schlagen, weil man ihm ein zweites vorenthielt, bis man mich befragt haben würde. Sie können sich vorstellen wie mir da im stolzen Bewußtsein unserer wissenschaftlichen Triumphe zu Muthe war!" — Die Geschichte wurde mit so urwüchsiger Komik vorgetragen, daß Dina trotz des schirmten Kummers, der an ihrem Herzen nagte, lächeln mußte. „Nun kommt die andere Seite der Medaille," fuhr der Doktor fort, „die Unfehlbarkeit unserer