Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1898)
- Date
- 1898-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1309 Facit zu ziehen. Der äußere Verlauf des Congresses war im Großen und Ganzen ein würdiger. Es wurde mit Ernst, Fleiß und großer Ausdauer gearbeitet: Am Morgen wurde begonnen und mit kurzer Unterbrechung bis in die Nacht, am letzten Tage sogar bis zum nächsten Morgen fortgetagt. Berücksichtigt man die nationale, soziale und sprachliche Buntscheckigkeil, die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der vertretenen Anschauungen und Geistesrichtungen, ferner den Umstand, daß ein großer Theil der Versammlung jeder parlamentarischen Gewöhnung und Schulung entbehrte, so wird man der Haltung des Congresses feine Anerkennung nicht versagen können. Zwar fehlte es an Störungen, ja peinlichen Scenen, namentlich im Verlaufe der Schlußsitzung, nicht gänzlich, aber sie gehörten, wie die Gerechtigkeit zu konstatiren gebietet, zu den Ausnahmen, wurden von Einzelnen unter dem Protest der Majorität verschuldet und sind mit der Abspannung und nervösen Erregtheit einigermaßen zu erklären, welche in Folge der langen, ununterbrochenen Dauer und großen Hast der Verhandlungen Platz gegriffen hatte: cs war dies eine Folge dcs Fehlers, daß man ein zu großes Arbeitspensum für eine verhältnißmäßig zu geringe Arbeitszeit festgesetzt hatte, und die überdies kurze Frist durch die Verdolmetschung in die verschiedenen Sprachen noch mehr verkürzte. Wenn trotz alledem die Verhandlungen im allgemeinen einen würdigen Verlauf nahmen und glücklich bis zu Ende geführt wurden, so gebührt das größte Verdienst dem Präsidium. Man kann die Leitung der Geschäfte durch Herrn Dr. Herz! nur mit Ausdrücken des Lobes und der höchsten Anerkennung erwähnen: Seine fascinirende, kraftvolle, imponirende Persönlichkeit, seine Vornehmheit und Ruhe, die ihn auch in Augenblicken des ärgsten Tumultes und der größten Aufregung nicht verließ, feine Umsicht, Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart, mit der er den größten Schwierigkeiten des Augenblicks begegnete, feine Energie und Ausdauer, die er sich bis zum Schluffe zu bewahren wußte, qualisizirten ihn, wie keinen Andern, zur Leitung der heiklen, keineswegs leicht zu regierenden Versammlung. Wenn er die Straffheit der Geschäftsführung bisweiten bis zur Rigorosität steigerte, so geschah dies nicht aus Parteilichkeit — auch dies muß der Wahrheit gemäß konstatirt werden, — sondern, um überhaupt eine Erledigung der Tagesordnung zu ermöglichen. Einen schweren Fehler, vielleicht einen der schwersten der ganzen Kongreffes, beging man in der Wahl des Vicepräsidenten. Es soll dies kein Vorwurf gegen die moralischen oder geistigen Qualitäten des Herrn Dr. Max Nord au darstellen; es sollen die Fähigkeiten und Bedeutung des Mannes nicht im Mindesten angezweifelt oder herabgesetzt werden. Aber Herr Dr. Nordau hat in der Zeit seiner Zugehörigkeit zu der zionistischen Bewegung jene vielfach erörterten Handlungen begangen, die man bei jedem gewöhnlichen zionistischen Mitläufer als Privatsache mit Stillschweigen hätte übergehen können, die ihn aber unfähig machten, als Präsident und damit Repräsentant des Zionismus aufzutretcn. Wenn nun der Kongreß durch die Wahl des Herrn Dr. Nordau zum zweiten Präsidenten einen derartigen Schritt gewissermaßen fanctionirte, so wird man in Bezug auf Herrn Dr. Nordau und den Kongreß mit einer Variante eines Herzl'scheu Wortes sagen muffen: „Es wird immer zu den großen Merkwürdigkeiten gehören, daß die Herren gleichzeitig auf die „Ässimilationsjuden" mit Knütteln losschlagen, und Handlungen begehen oder stillschweigend gutheißen, welche sich als eine der verhängnißvollsten Consequenzen und Aenßerungen der Assimilation darstellen." — Wenden wir uns nun zu den Ergebnissen des Congreffes, so werden wir von der Auseinandersetzung der Zionisten unter sich als einer autonomen Angelegenheit absehen können, und uns nur mit den Resultaten zu beschäftigen haben, welche auch die Außenwelt angehen. Diese nun sind zu scheiden in positive, konkrete Ecgebniffe und solche Fakten, welche einerseits Aufklärung über die Ziele und das Programm der Bewegung und andererseits über zwei eminent wichtige Fragen Klarheit zu verschaffen geeignet sind, nämlich die Stellung des Zionismus zurRel igion und zu der Kolonisation. — Als konkretes, positives Ergebniß wird man die jüdische Colonialbank betrachten dürfen. Ihre Gründung ist beschlossen und ein Theil oes als erforderlich erachteten Kapitals bereits vorhanden, wenn auch in diesem Punkte vielleicht das bisher erzielte Resultat nicht den Erwartungen Aller entsprochen haben wird. Immerhin wird man in Anbetracht der Kürze der Zeit, ferner des Umstandes, daß die bisherigen Zeichnungen vorwiegend aus kleinen Beträgen sich zusammensetzten, daß die Emissionsmodalitäten noch nicht genügend geregelt, ein fester Prospekt überhaupt noch nicht vorhanden gewesen ist, das Erreichte als eine nicht unbedeutende Leistung betrachten müssen. Ein abschließendes Urtheil über die jüdische Colonialbank ist im Augenblick wohl noch nicht angängig. Was bisher erreicht wurde, ist nicht allzuviel, aber der erste Schrill tönende Reden in Thaten umzusetzen. Bedeutungsvoller als das positive Ergebniß der Bankgründung ist die Klärung, welche der Kongreß über die nächsten Ziele und über die Stellung des Zionismus zur Religion und Colonisation geschaffen hat. Vergleicht man das Programm, das sich der diesjährige Congreß gesteckt hat, mit dem ursprünglichen