Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 14-15 (17.2.1898)
- Date
- 1898-02-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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überwand, sie denken der Lage, da Gott das Meer spaltete und den Jordan auStrvcknete und fein Volk trockenen Fuße» hindurchführte. Und jetzt — das heilige Volk, verlassen und vereinsamt, verfolgt und gehetzt. O! Mögen ihre Sünden, um derentwillen sie verbannt worden sind und gestraft, ins Wasser versenkt werden, und die Wellen ihre vergehen mit von hinnen reißenIhr Meer von Elend und Drangsal, o, möchte es sich ergießen in jenes große Weltmeer, und ihre Ankläger und Verleumder mögen sie verstummen, wie Schweigen herrscht unter den Fischen des Meeres. O, gib Wahrheit Jacorv, Liebe Awrohom, wie Du geschworen unseren Voreltern in den Tagen der Vorzeit! Da« ist das ften (da« Buß» und Bittgebet am Wasser) unserer Voreltern gewesen, und auch heute noch lassen e« die dem alten Glauben treu Gebliebenen erschallen. Welche Andachlsverrichtung kommt solch stimmungsvoller Beachtung gleich? Mit solch heiligen Betrachtungen und GebttSübungen werden die zehn Bußtage verbracht, deren Schluß der hochheilige v'io-n vv (Versöhnungstag) bildet. Am Sabbat vor diesem Tage, da hält der alte, ehrwürdige Rabbi einer jener geistvollen rmm (Reden), denen die Gemeinde stundenlang mit Spannung lauscht. O, sehet jenen Greis! Da« Silberhaar ziert sein Haupt, wie die Krone einen König, der glänzend weiße Bart wallt herab auf sein« Brust, die liebevollen, gutmüthigen, aber geistvollen Augen sprühen unter den buschigen Augenbrauen gleich zwei feurig glühenden Diamanten. Ruhe und Ergebung, aber Geistesmacht und Geistesadel wohnen in dem Antlitze diese« Lehrer« und Unterweisers in Israel. In seiner weißen Kleidung gleicht er einem Engel Gottes, einem Boten de« Ewigen, der herniedergesandt ist auf die Erde, die Menschen durch seinen Anblick zu läutern und zu versöhnen. O, harret seiner Worte, wie herniedergetragen zur Menschheit von eine« mächtigen Geistes Fittigen, gleich einer Offenbarung de« Allmächtigen! Und Besserung müßt ihr geloben, wenn ihr solche« vernehmet, Frieden müßt ihr machen mit euren Nebenmenschen. — Am Vorabende des Versöhnungfestes, bevor sie zum Gotteshause wandeln, da ruft der Vater seine Kinder, belehrt sie nochmals über die Wichtigkeit deS hereinbrechenden Tages und empfiehlt ihnen, in reuiger Buße den hehren Tag zu verbringen. Dann geht's zur Schul'. Dort ist alles in Weiß gehüllt. Zum Andenken an die Dahingeschiedenen brennt ein Meer von Kerzen. Männer und Frauen sind angethan mit ihren Sterbekleidern. Und der Vorbeter beginnt jene« tief inhaltreiche Gebet, das 'tu ^>2, in welchem er Gott, den Allgütigen anfleht, zu vergeben, wenn, durch die Macht hereingebrochener äußerer Verhältnisse sein Volk etwa verhindert worden war, das eine oder andere auf sich genommene Religions-Gelöbniß zu erfüllen. Derjenigen Ehrenschulden, welche es der Gottheit gegenüber sich verpflichtet hatte, frei gesprochen zu werden, bitten sie den Allmächtigen, nachdem sie bereit», bevor sie in de» Herrn Haus getreten, sich mit ihren Nebenmenschen allen ausgesöhnt und Haß und Neid aus ihren Herzen getilgt hatten. Heilige Andacht herrscht i« Hause des Ewigen und in Gebeten und inbrünstigem Flehen, aber auch in Huldigungsgesängen und Lobpreisungen des Höchsten vergeht der Abend, und wird der darauffolgende einzige Tag im Jahre zugebracht. Und hat sich der Tag gewendet und ist eingekehrt wieder der Abend eines neuen Morgens, da ist alle» froh und freudig gestimmt und hofft und glaubt, sündenfrei gesprochen zu sein und kindlich rein durch die Allgüte ws verzeihenden und vergebenden allbarmherzigen Gotte». Da giebt e» denn ein frohes Mahl, da herrscht die größte Befriedigung, die dem Menschen nur eigen sein kann durch da» frohe Bewußtsein, seiner höchsten und heiligsten Pflicht nach seinen Kräften und Möglichkeit genug geleistet zu haben. Und ist nun das Mahl beendet, dann geht es hurtig ans Werk, sich für ein anderes Gottesgebet vorzubereiten. Der erste Grund zur nso (Laubhütte) wird gelegt. Der Hausvater setzt die ersten Pfeiler oder Pfosten an Ort und Stelle, und auch die lieben Kleinen sind bemüht, Hülfe hierzu zu leisten. Bis zum Laubhüttenfeste wird alles aufgeboten die n-e würdig zu schmücken. Nüffe werden mit Silber- und Goldpapier beklebt, Papierkörbchen geschnitten, die Wände mit passenden Sprüchen geziert und das schönste Mobilar wird in die Hütte hineingebracht. Neun Tage wird froh gefeiert. Bei jedem Mahle aber wird der armen, darbenden Mitmenschen gedacht, und so oft der Hausvater die Schul' verläßt, ladet er einen der herbeigereisten fremden dürftigen Brüder zu Gast und führt ihn ein in sein Haus. Er erhält einen Platz an dem Tische der Familie, ihm wird freundlich zugeredet und reichlich beschenkt verläßt er später wieder das Haus. Am letzten Abende de« Festes, mw nnstr (bei der Feier der Gesetzesfreude) da herrscht froher Jubel. Nachdem das Abendgebet vollendet, öffnet man den heiligen Schrein, alle Thorarollen werden ausgehoben, die Frömmsten und Edelsten der Gemeinde führen, mit :en göttlichen Büchern in ihren Armen, einen schmucken Reigen auf, Knaben mit Fähnchen folgen und froher Sang erfüllt vaS Gotteshaus. Alles ist froh ob „des Tages, den der Herr gemacht hat." Da» Gotteshaus stellt sich dem Juden dar als daS eigentlichste Vaterhaus, hier findet er Trost und Hoffnung in seinen trüben Tagen und Wonne und Freude an seinen frohen Festen. Die „Schul'", sie ist der Tempel des Herrn, das Wohnhaus Gottes, ihm zur Ehre, den Menschen zur Freude