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Der Israelit · 1898-02-17 · Heft 14-15 (17.2.1898) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 14-15 (17.2.1898)
Date
1898-02-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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267 sehung sorgt für die Unterdrückten und weiß, wenn das Maß voll ist, dann kommt der Herr der Heerschaaren einhergeschritten im Purpurgewande und nimmt Rache an seinen Feinden, befreit das ihm treugebliebene Volk, das ausgeharrt in allen Nöthen und fuhrt es zurück nach seinem heiligen Berge zu ewigem, unvergänglichen Ziele. Und nun — heute! Kehren unsere Glaubensgenossen allenthalben auch noch mit solchem Gottvertrauen aus den Synagogen zurück an jenem Tage? Sind die Reihen des Bethauses noch so gefüllt? Erschallt dort noch solch inbrünstiges Gebet? Und doch sind es dieselben Weisen, die dortselbst ertönen. Wo ist das Gottvertrauen in der Noth, das Israel gerettet hat vom Untergang? Wo ist der Halt, die Zuversicht, wenn Elend uns befällt? Wo find die unvergleichliche Ruhe und die Seelenftärke, die unsere Vorfahren erfüllten? Versetzen wir uns in jene grauenvolle, finstere Zeit des Mittelalters! Wie verschwindend wenige von der heutigen Generation würden den Drangsalen und Verfolgungen Stand halten? Des Sommers schöne und sonnige Tage, sie gehen zu Ende, Morgens und Abends wehen schon kühle Lüfte, Herbstfäden spinnen sich auf den Wegen, der Monat Elul geht zur Neige. Wir befinden uns im Ghetto einer großen Stadt. Das hohe Thor sperrt die Straße ab, nur die Schritte der auf- und niedergehenden zwei Wächter, die zum Schutze vor dasselbe von außen postirt sind, vernimmt man in der Stille der Nacht, denn noch sind die Gemüther nicht beruhigt, es ist ja erst kurze Zeit her, seit sich eine aufrührerische Rotte gegen die Judenstadt gewandt und daselbst geraubt und geplündert hatte. Wohl sind die Uebelthäter von der Behörde bestraft worden, aber noch sind Vorsichtsmaßregeln den aufwiegelnden Feinden gegenüber nöthig, und die Stadt bietet sie auf. Innerhalb der Judenstraße ist alles dunkel und still, alles liegt noch in friedlichem Schlummer. Da tritt aus einem Hause ein Mann aus die Straße. In der einen Hand trägt er einen großen Schlüsselbund, in der anderen einen hölzernen Hammer, den sogenannten Schulklopfer. Vor ihm her schritt ein Knabe mit dickem Folianten unter dem Arme, die Laterne tragend. Von Zeit zu Zeit klopft er mit seinem Hammer an die Thüren der Häuser, den uralten Weckruf 1P22 bitok asar\ (Awrohom stand früh am Morgen auf) läßt er erschallen, bis er an der Synagogenthüre anlangt, an welche er mit dem Hammer anschlägt, daß es weithin durch die Nacht schallt, und wiederum ertönt jener Weckruf. Dieser soll die Schläfer ermahnen, ihrem Ahnherrn zu folgen und früh die Stätte ihrer irdischen Ruhe zu verlassen, um wie der Schulchan-Aruch sagt, wie jener, mit dem Heldenmuth des Löwen sich in den Dienst des Allmächtigen zu stellen. Denn der erste Tag (Vorbereitungstag für die heil. Feste) bricht an. Es gilt sich vorzubereitcn, damit Israel am heutigen Tage vor Gott würdig befunden werde. Allmählig beginnt die Straße eine andere Physiognomie anzunehmen. Die Fenster erhellen sich, und Stimmen in den Häusern werden vernehmbar. Da kommen Männer und Frauen und holen an den Brunnen Wasser. In den Häusern bereitet man den Kaffee, die Hausmutter trägt ihn auf, und für die lieben Kleinen hat sie noch ein Stück Schabbos-Kuchen bewahrt, der ihnen heute zum Lohne für ihr frühes Aufstehen gereicht wird. Die Eltern und Erwachsenen haben ebenfalls, nachdem sie sich gewaschen und die x’sron wia (den Segensspruch über das Brod) gemacht, ihr Frühstücks- Mahl eingenommen. Denn heute ist Fasttag, und vor der kommenden Nacht wird nicht gespeist. — Da hört man zum zweiten Male des KlöpferS dumpfen Schall. Und alles macht sich auf, Alt und Jung. Die Knaben gehen mit den großen Selichotbüchern voran, Vater und Mutter folgen. Es ist Morgens 3 Uhr. Alles läuft und eilt zur „Schul". Dort ist schon jede- Plätzchen besetzt, und der „Chason", ein würdiger alter Mann, bekleidet mit „Mäntelchen", auf dem Haupte die „breite Haube", die alte Amtstracht des Vorbeters, läßt seine sonore Stimme ertönen. Daklingt so trost- und zuversichtlich, so majestätisch und erhaben, wenn er die dreizehn Eigenschaften des Allmächtigen der Gemeinde verkündet, und bei dem bx -j^b (Allmächtiger König, der da thront u. f. w.) fällt der ganze Gemeinde-Chor ein, gleich dem mächtig rollenden Donner, der mit wuchtiger Gewalt dem Blitze im Augenblicke folgt. Es ist eine Andacht, von der leider die heutige Generation kaum einen Begriff mehr hat. Alles ruft mit, allesingt mit, alles lebendig und mächtig, und dennoch wird man in diesem Choas von Stimmen, welches sich den Herzen in tiefster Bewegung entwindet, angegriffen und mit fortgerissen. Es gehört selbst diese Erregung zum Charakter, zur Eigenthümlichkeit dieses Gottesdienstes, dem jedwede Heuchelei, alle Formalität, alles Programmartige, wodurch leider in der Neuzeit das jüdische Gotteshaus verunstaltet wird, vollständig fremd sind. Sie wollten ja auch nicht imponiren, weder den Fremden, noch den Glaubensgenossen, sie wollten sich selbst erbauen, und ihrem inneren Drange Luft machen. Da ist, ohne daß es der Anregung von Außen bedarf, daS Herz eines jeden zu Gott gerichtet, alles geht in der Andacht auf. — Da öffnet man die heilige Lade: ottok iro -ot (Gedenke des Bundes mit Awrohom) ruft der Chasan mit Freude bewegter Stimme. Und alles stimmt froh erregt ein und erkennt an diesen Worten, daß heute eine nna (Beschneidungsfeier) in der Gemeinde begangen wird. Alles freut sich im Herzen, alles jubelt ob des frohen Ereignisses, ob des neuen

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