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Der Israelit · 1898-02-17 · Heft 14-15 (17.2.1898) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 14-15 (17.2.1898)
Date
1898-02-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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266 sührung irt den Glauben derer, die so oft ihr Blut und Leben dahingegeben, so oft ihr Heldenthum bewiesen haben, wenn eS galt, für Gott und die Wahrheit seiner Gebote Zeugniß abzulegen. Das Kindlein erfaßt den o*n p (den Baum des Lebens) mit seistett Händchen. Wer ist es, der, dies unschuldige Wesett betrachtend, nicht zu Thränen gerührt würde, der Nicht Betrachtungen anftellle über des Menschen Dasein? Hier das zarte Kind, dem noch im kindlichen Traume das Leben so heiter erscheint, dort der aufbiühenve Knabe, der, an einem Grenzsteine deS Lebens angelangt, nunmehr des Lebens ernste Seite kennen lernen soll. Hier der Gottesfriede, das Gottespanier in der Synagoge, draußen der Fanatismus und der Haß der Andersgläubigen. Hier Versöhnung mit Gott und Aufopferung für Gott, draußen Verfolgungssucht und Mordlust. Betrachten wir diese altjüdische Feier, diese Einweihung des Kindes und des Knaben, die in ihrer Unschuld den Schwur leisten auf die Fahne, das nie entweihte Banner des Judenthums; und die heiligsten Gefühle müssen in uns rege werden. — Folgen wir nun dem Bar mizwah in die elterliche Wohnung und wohnen wir der herzlichen Feier im Kreise der Familie bei! Da kommen alle Freunde und Verwandte, ihr „Maßet tow" von ganzem Herzen und auganzer Seele zu bieten. Der Knabe aber, er weiß die Eltern und alle die lieben Anwesenden nicht höher zu erfreuen, als dadurch daß er beweist, daß er nicht allein durch d>e Zahl der Jahre, sondern auch durch die weise Benutzung der verbrachten Lebensspanne würdig ist, ein Mitglied der Gemeinde des Herrn zu sein. In der scharfsinnigsten Weise zergliedert er eine talmudische Stelle und documentirt sein Wissen durch diesen uralten Brauch der Barmizwah-Drosche. Dann sehen wir diesen Knaben, so gereift und doch so harmlos unschuldig, so geweckt an Geist und doch so kindlich treu, sein Haupt beugen vor dem ihm theuren Lehrer und den lieben Angehörigen, um sie um den lieben Segen zu bitten. Wie bekundet sich bei dieser Feier die Jmtigkeit des Bandes, welches alle umschlingt, das ungetrübte Familienglück, das in seiner idealen Art jeden entzücken muß. Wie hohl und kalt sind dagegen die sogenannten Einsegnungen und Consirmationen der Jetztzeit, der gemüthlose Phrasenkram moderner Institutionen! Wie sieht es heute in den jugendlichen Köpfen der ihren Bar Mizwah-Tag begehenden Knaben aus? Bemerken wir da auch schon trotz aller ihm eingepropften Regeln und Wörter fremder Sprachen, trotz seiner Ausbildung auf höheren Schulen, diesen Scharfsinn, diese Selbstständigkeit, bemerken wir auch da etwas von jener tiefinnigen Frömmigkeit, Hingebung und Kindlichkeit, von jener grenzenlosen Bescheidenheit? Herrscht auch heute noch jene Innigkeit und jene Anhänglichkeit in den Familien? Ist nicht vielmehr alles zur haltlosen Form, zur gemüthlosen Hohlheit geworden? O Israel kehre zurück zu den alten unverfälschten Traditionen Deiner Vorfahren, denn all Deine vermeintliche Aufklärung, Dein dünkelvoller Fortschritt ist nur leerer Schall und Selbstbetrug! Und wie die Freudenfeste so froh und begeistert im alten Judenthume begangen wurden, so wehmüthig und doch so weihevoll erhebend und tief zu Herzen dringend war die Feier der Trauertage. Da erblickte man am 9. Aw kein Antlitz thränenleer. Am Vorabende dieses Tages, da brannten nur einige wenige Lichtchen in den Gotteshäusern. Auf der Erde saßen sie und lasen in frommer Inbrunst die alten Klagelieder nach, die ein Greis im Silberbart dort vor der heiligen Lade vorträgt. All sein Leid und all sein Weh, ja das Weh und Leid von ganz Israel, es scheint uns aus diesen Tönen herauszuklingen. Leise hebt er an, wie einer, der da zitternd vor dem höchsten Könige seinen Jammer erschallen läßt, aber eingeschüchtert durch das Bewußtsein seiner eigenen Schwäche und irdischen Niedrigkeit nicht zu bitten wagt. Aber immer lauter wird seine Stimme, immer mehr erhebt sich ihr Schall, bis es aufbraust und durch die weite Halle erdröhnt, als sollte mit Gewalt die Scheidewand durchbrochen werden, die ihn durch die Wucht der Leiden von seinem Schöpfer zu trennen scheint. Gleich den Wogen des bis in seine Tiefen aufgewühlten Oceans erklingt der Sang des alten, mit dem Silber der Jahre gekrönten Mannes. Seiner Stimme Dröhnen, es klingt, als wolle er seine Widersacher anklagen, ob der Ungerechtigkeit, mit der sie sein Volk zu Grunde richten wollen. Und die ganze Gemeinde sie fühlt es mit, sie wird hineingezogen in die Gewalt der Strömung, und Wehklagen erfüllt die heute so öde und leer erscheinenden Räume des alten ehrwürdigen Gotteshauses. i'bx n ua’tpn. „Führe uns zurück, o Ewiger, auf daß wir zurückkehren, erneue unsere Tage wie ehemals." So bitten sie in flehenden Tönen, und in hoffnungsvollen Worten, in prophetischer Verklärung schließt der Vorsänger in wundersam verheißungsvollem Tone p'X 1X21 p2ts>’ 71 «HB1. „Und die Befreiten des Ewigen, sie kehren zurück und kommen nach Zion mit Jubel und ewige Lust auf ihrem Haupte, Wonne und Freude erreichen sie, und es entfliehen Kummer und Roth." Und im Geiste diese Tage schauend, und überzeugt von der Wahrheit der Verheißung, daß einst glücklichere Zeiten kommen werden, verläßt die Gemeinde, wenn auch schwer gebeugt, so doch voll Vertrauen auf Gottes, des Unendlichen Güte, das Haus des Ewigen. Wenn auch der Fanatismus sie hetzt und jagt, sie verspottet und verlacht, ein ewiges Walten, eine gütige Vor-

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