Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 14-15 (17.2.1898)
- Date
- 1898-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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252 anderen Mächte unterstützt; unter diesen Umständen fiel es Ratti-Menton nicht schwer, die Behörden für sein Vorhaben zu gewinnen. Mehrere angesehene Juden wurden verhaftet und im Gefängnisse gefoltert (1840!!), einige erlagen den Folterqualen, das Judenquartier in Damaskus wurde vom Pöbel geplündert, Damaskus zählte damals 20,000 Juden. An der Spitze dieses scheußlichen Treibens gegen die Juden stand der Vertreter der französischen Nation, die, nach einem damals aufgekommenen Worte, „an der Spitze der Civilifation" marfchirte. Hingegen stand der österreichische Konsul Melato, überzeugt von der Unschuld der Gefangenen, unerschütterlich auf der Seite des Rechts und kämpfte mit seltenem Muthe gegen den mordgierigen Ratti-Menton, dem es ein besondere» Vergnügen bereitet hatte, ein TodeSurtheil wegen eines Ritual-Mordes erwirkt zu haben. Dieser Vorfall erregte in ganz Europa große» Aufsehen. Bei der Spannung in der Entwicklung der Orientfrage konnte ein solches Ereigniß nicht verfehlen, da» Gesprächsthema der abendlänvischen Politiker zu werden. Es handelte sich auch im Grunde genommen gar nicht um die Juden, sondern um die Politik de» mit den Jesuiten liebäugelnden Thiers, der Frankreichs Ansehen und Frankreichs Macht im Orient verstärken wollte. Dieser in Jntriguen groß gewordene Staatsmann konnte es mit seinem Gewissen vereinbaren, unschuldige Juden zu opfern, um die allmächtigen Jesuiten in Frankreich für sich und seine abenteuerlicheOrientpolitik günstig zu stimmen. Hingegen schloß sich der englische Konsul dem österreichischen Kollegen an, da ihm klar wurde, welches Bubenstück hier inszernirt war. Den thatkräfligen Bemühungen Adolf Cremieux und Moses Montefiore ist es endlich gelungen, Licht in die dunkle Affaire zu bringen, nachdem die katholische Presse in Frankreich nichts unterlassen hatte, die öffentliche Meinung zu Gunsten Ratti-Mentons zu bearbeiten. Die schauderhaftesten Märchen und schamlosen Lügen über die Vorgänge in Damaskus wurden kolportirt, doch fanden dieselben beiden gebildeten Franzosen energische Zurückweisung, indessen das offizielle Frankreich Hand in Hand ging mit den Schergen Mohamed Alis. Oesterr.- Ungar. Monarchie. ** Wien. Zur Feier des fünfzigjährigen Negierungsjubiläums des Kaisers von Oesterreich beginnt die Wiener israelitische Eultusgemeinde schon jetzt Vorbereitungen zu treffen. Der Vorstand der Gemeinde bat aus Anlaß der bevorstehenden Feier beschlossen, eine Darstellung der Geschichte der Wiener Juden mit besonderer Berücksichtigung der letzten 50 Jahre durch berufene Gelehrte in Angriff nehmen zu lasten Ferner soll aus Anlaß des Jubiläums ein Haus der Barmherzigkeit für Unheilbare, sowie ein Siechenhaus für 50 Pfleglinge auf Gemeindekosten erbaut werden; außerdem ist auch eine weitere Ausgestaltung sämmtlicher jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten geplant. Am "Jubiläumstage soll in allen Wiener Synagogen ein feierlicher'Gottesdienst abgehalten und eine Huldigungsadresse der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, worin der unentwegten Treue und der Dankbarkeit ^der Juden gegen das habsburgische Herrscherhaus Ausdruck gegeben wird, überreicht werden. Frankreich. Paris. Es mag nicht uninteressant sein, neben den bitteren Wahrheiten, dieI wir aus Paris berichten müssen, auch einmal amüsanteres zu erfahren. In der „Aurore" veröffentlicht Abraham Dreyfus eine Studie überSDrumonts Rasse,„die ihn zu dem Resultat führt, daß er jüdischer Abstammung sein muß. Beweise: erstens der Name, der Dreimond bedeutet, zweitens der Typus, der ausgesprochen jüdisch ist, dann die Geschäftsgewandtheit, mit der Drumont den Antisemitismus auszubeuten versteht. Alle drei sind specifische Eigenthümlichkeiten, sagt Drumont selber, also ist er, ^der Besitzer dieser^Eigenthümlichkeiten Jude, Jude vom Sinai. Er ist übrigens keineswegs stillschweigend hinweggegangcn über diese Behauptung, sondern er hat sich beeilt, sein Taufzeugniß zu veröffentlichen, wieder ein Beweis, denn ein echter Katholik hätte einen solchen Beweis gar nicht erst für nöthig gehalten. Aber das^entscheidende hat Dreyfus jetzt entdeckt, Drumont arbeitet am Samstag nicht. Seine Zeitung, die sonst täglich einen von ihm gezeichneten Leitartikel bringt, hat nur am Sonntag solche von anderen Schriftstellern, wie Gyp oder Severine, bekanntlich Pseudonymen für schriftstellernde Damen. Das kommt daher, daß Drumont am Sabbat nicht arbeiten will 1 und sich daher „Schabbesgoien" halten muß. <^ued erat demonstrandum. — Zu den 'pikantesten der gegenwärtigen Vorgänge in Paris gehört es, daß die Vertheidiger Dreyfus zum'.THeil frühere Judenfeinde sind. Vom Oberst Picquart ist festgestellt, daß er bis vor einigen Jahren ein ausgesprochener Antisemit war, jetzt veröffentlicht ein Socialist Adolphe Rabarant eine Studie über den Antisemitismusj[in der „Aurore", bemlDrgatt Clemenceaus, und erzählt dabei folgendes: Er sprach einst mit Zola über die Judenfrage, wobei ihm dieser sagte: „Die Juden, ich mag sie gar nicht leiden." Auch aus dem Buche des berühmten Schriftstellers „Das Geld", geht eine starke Animosität gegen unsere Race hervor. Es ist eine eigene Ironie, daß gerade diese Persönlichkeiten durch ihre WahrheitS- und Gerechtigkeitsliebe genöthigt sind, für Dreyfus, Zola sogar direct für die Juden einzutreten.