Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-02-14 · Heft 13 (14.2.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 13 (14.2.1898)
Date
1898-02-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448871--45456-2495719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 setzung in's Russische oder Polnische. Außerdem enthalten die Schilder hie und da bereits englische Worte, deren Bedeutung der soeben angekommene Russe nicht kennt. Er wüßte beispielsweise nicht, was „Famous Chicago Tea-Matzos" sind, die dort oben im fünften oder sechsten Stockwerk in meterhohen hebräischen Lettern dem Publikum angeboten werden, ebensowenig wie er die Bedentung der Worte auf jenem Plaeat über dem Hosthor verstünde, das in theils englischer, theils hebräischer und theils deutscher Sprache den Vorübergehenden anzeigt, daß der „wellknown Scientific andreliable Möbel ßev. Kebeckalinsky jetzund siech is zu finden in der 6087 Easton Avenue." Kaum würde er auch einen vorübergehen' den Glaubensgenossen und Landsmann verstehen, der ihm mit heiserer Stimme in die Ohren schreit: Emesdicke Moskauer Tschaiua (Theehaus) von Berre Tischebof, Koscherdinner from neun Dollars die Monheit, Koschersupper from 3 Dollars die Mouheit (Den Monat). Ein älterer Manu mit langem Kaftan, der dort an der Ecke auf einem Karren voll Kleidern steht und fortwährend „Coats, Coats, Coats ohne Schatneß" ruft, wäre für ihn unverständlich, wenn er nicht sehen würde, um was es sich handelte. Und so viel Freiheiten und Zerstreuungen wie hier dem „polnischen Iüd" geboten sind, giebt es zu Hause auch nicht. Freiheiten in staatlicher und in religiöser Beziehung, und Zerstreuungen, wie sie sich die kühnste Phantasie in Bialistok oder Lodz nicht träumen ließ. Es giebt hier weder Perizim*) noch Jsprawniks**) vor denen man im Staube liegen muß, matt darf Stirnlocken und Kaftan ablegen, ohne daß man von der „Kille" gesteinigt wird, ja viele Männer rasiren sich sogar, viele Frauen tragen we.^er Perücke noch Kopftuch und kein ^Mensch kümmert sich darum, kein Rebbe verhängt «strafen und Banne. Im Gegentheil, die Reverends sind hier sehr tolerant, sie trauen und scheiden für wenige Dollars, und weder eine Regierung, noch eine Religionsbehörde hat etwas dagegen, sie fertigen für geringes Entgelt alle möglichen Schriftstücke an, ja auf Verlangen spielen sie den „Badchen"***), singen auf Hochzeiten „idische Volkslieder mir Harmonie vun Musikbegleitung" und man kann sich Inhalt und Tendenz dieser Lieder einige Stunden vorher bestellen. Die häßlichste aller Wirkungen der russischen Judenverfolgungen ist doch die, daß das ausgewanderte Israel vielfach sich selbst und infolgedessen auch seinen Gott vergessen hat. Wann wird in diesen trostlosen Zuständen einmal eine Wendung zum Bessern eintreten? Wir kaufen uns für einen Cent eine in ungeheurem Format erscheinende, in hebräischen Lettern gedruckte *) Edelleute **) Oberste der russischen Gensdarmerie. ***) Possenmacher und Sänger bei Hochzeitsfesten. Jargonzeitung, die den vielversprechenden Titel führt: „Der Zwanzigster Jahr-Hundert" und wollen darin Nachsehen, welchen „Amjusements" wir uns heute Abend hingeben können. Da bietet sich uns eine unendliche Fülle von Abendunterhaltungen, „Jidische Theater", „Idische Circus", ja sogar „Idische Grand Opera House" in der Shakespeares „Romeo und Julie" voll Air. Abrahamowitz in Musik gesetzt, Jargontext von Eljokim Fisch, heute Abend gegeben werden. Hat man Lust ein Tänzchen zu unternehmen, so kann man auf den jüdischen Sozialisten-, Anarchisten- oder Zionisten- Ball gehen, jüdische Kinder mit zwei Köpfen, vier Füßen, oderPersonen vorl besonderer„Grobheit" (Dicke) sind für billiges Geld zu sehen. In der „Jewisli Kinematograph Association“ sieht man, wie Kapitän Dreyfuß in seinem Käfig auf der Teufelsinsel sitzt, sich auf dem Boden wälzt, die Haare ausrauft, plötzlich aber aufsteht und einen Brief an seine Frau schreibt, auch ist zu sehen, wie in Bukarest und Prag die jüdischen Häuser geplündert und deren Fenster eingeworfen werden. Um die Illusion vollständig zu machen, hat der Unternehmer hinter seiner Bude einen großen Sack mit Glasscherben, der in dem Augenblick auf den Boden ausgeschüttet wird, in dem die Bilder vom Fenstereinwurf vorgeführt werden. Erschreckt weicht Alles von den Gucklöchern zurück, man glaubt die Szenen selbst mit zu erleben. Will mall sich erbauen, so findet man auf der letzten Seite der Zeitung die Anzeigen von einigen Dutzend Syliagogen mit Angabe der Prediger und den jeweiligen Texten der „Sermons", über die die Herren nächsten Sabbat sprechen werden. Oft sind es nicht nur Bibeltexte, über die gesprochen wird, die Themen siild vielmehr vielfach so gewählt, daß sie die Neugier des Publikums reizen. „Mr. Nofenblüth spricht über „das Recht der Armuth" in der „Schül" Ohes Scholam, Mr. Biernstiel in dem Beth Hakneseth „Jeschurun" über „Das Sod'ch des alten Iüd". Den meisten Zulailf aber hat die Plotschker Rebbezin. Sie hält keine Predigten in der Synagoge und amtirt auch nicht als weiblicher Rabbiner. Aber sie hält ihre Sprechstnnden ab wie ein Arzt und läßt sich die Consultationen sehr gut bezahlen. Vor fünf Jahren kam sie mit ihrem Mann, dem Plotschker Row hierher, als dessen Gemeinde in Rußland total abgebrannt war. Da er hier keine Stelle als Rabbiner finden konnte, wurde er zunächst Zahnarzt, dann Versicherungsagellt, dann Buchdrucker uiib zuletzt Verfertiger von hebräischen Grabinschriften. Alle diese Geschäfte gingen aber sehr schlecht, sodaß endlich seine Frau sich entschloß, die Sorge für das tägliche Brot selbst zu übernehmen. „Setze Dich hin und *) Gehcimniß.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.