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Der Israelit · 1898-02-14 · Heft 13 (14.2.1898) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 13 (14.2.1898)
Date
1898-02-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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239 lerne, zu etwas Anderem bist Du nicht tauglich," sagte sie zu ihrem Manne. Sie eröffnete „ein Office für Privatangelegenheiten", und siehe da, das Geschäft ging brillant. . Obschon sich eigentlich kein Mensch denken konnte, welche Art von Geschäften die Frau zu erledigen befähigt und im Stande war, wurde es doch den ganzen Tag nicht leer bei ihr. Das russischjüdische Volk hat einen gewissen Hang zum Mystieisnms und je weniger es weiß, was es eigentlich von Jemandem zu erwarten hat, je unklarer die Versprechungen sind, die es gemacht bekommt, desto mehr drängt es sich, sich von ihnr leiten zu lassen. Die Plotschker Rebbezin stand nun noch besonders im Rufe großer Klugheit und so kam es, daß Alt unb Jung, Hoch und Niedrig sich in allen möglichen Angelegenheiten Naths bei ihr holte. Soeben begann ihre Sprechstunde. Inmitten eines geräumigen Zimmers, saß sie vor einem mit einer weißen Decke überdeckten länglichen Tisch, auf dem allerhand Papiere zerstreut herumlagen. In der Ecke saß ihr Mann an einem niedrigen Pult, einige Talmudsolianten vor sich aufgeschtagen und brummte im Gemoronigen *) leise vor sich hin. Eine junge Frau tritt ein. „Seid Ihr die Plotschkern?" so nannte man sie kurzweg. „Jeu, wos wellt Ihr?" „Mein Mann is awek:';*) „Nu ich kenn ihn nit kriegen."***) „Bei Euch is gewen in voriger Woch a junger Mensch und hat gefragt, wo man kann finden a Platz als Shoemaker! „Mit schwarze Wonzen,*) Cylinder und rother Cravatt?" „Jeu." „Der is gefohren noch Philadelphia, schreibt an Reverend Krauskopf, er hat ihm a Stell besorgt." Die junge Frau verbeugte sich, „a Dank", lispelt sie. „Kost?" „40 Cents." Sie legt den Preis auf den Tisch und geht. Ein junger, blasser Mensch tritt ein. „A Daatsch," sagte die Rebbezin vor sich hin. Die russischen Juden haben einen sehr scharfen Blick in dem Erkennen ihrer Landsleute. Wenn diese noch so modern gekleidet sind, wenn sie noch so sehr die Manieren des Heimathlandes abgestreift haben, wenn sie für jeden Anderen „quite englisli" aussehen, der melancholische Gesichtszug, das devote, aber auch oft unbescheidene Benehmen läßt in jedem „Polnischen" sofort den *) Melodie, mit der Talmud gelernt wird. **) Weg, fortgelaufcn. ***) bolen. *) Schnurrbart. „Polnischeit" wiedererkennen. „A Daatsch", wiederholte die Plotschkern, „was wird er wollen?" Herr Jsaac Meyer trat näher. Wir lassen nunmehr die Beiden zur Bequemlichkeit unserer Leser in hochdeutscher Sprache mit einander verkehren. „Was steht zu Diensten?" fragte die Plotschkern, nachdem Meyer sich vorgestellt hatte. Meyer erzählte, langsam jedes Wort betonerld, damit ihn die Rabbinerin auch gut verstehe, ausführlich seine Erlebnisse mit Vögelchen. „Geben Sie mir nunmehr einen Rath, wie ich meine Braut, ohne die das Leben mir zur Höllenqual lvird, wiedergewinnen kann." Die Plotschkern lächelte zuerst, es schmeichelte ihr gar sehr, daß ihr Ruhm schon so weit gedrungen, daß ein Deutscher ihren Rath einholte; dalm wiegte sie bedenklich das Haupt, ein so schwerer Fall war ihr in ihrer Praxis noch nicht vorgekomnieli. Nach einigen Sekunden stillen Nachdenkens schien ihr die Sache aber nicht mehr so schwer zu sein. „Mit Chochme*) lieber Freund," sagte lie den jungen Mann mit siegesgewissem Lächeln anblickend, „mit Chochme kann man alles machen. Die Sache ist nicht einfach, aber ich denke, daß wir sie fertig bringen. Vor allen Dingen sage ich Ihnen, daß ich mich bei dieser Angelegenheit nicht mit der gewöhnlichen Taxe begnüge. Ich werde sehr viel Arbeit und Nachdenken haben. Gelingt die Sache Cholile**) nicht, so haben Sie mir gar nichts zu zahlen; gelingt sie aber, so zahlen Sie mir an dem Tag, an dein Sie mit Vögelchen Chassne machen, 100 Dollars. Sind Sie hiermit einverstanden?" „Aber mit tausend Freuden!" „Mit Freuden, lieber Herr, das sind deutsche Redensarten. Schriftlich wollen Sie es mir gütigft bestätigen." Der junge Mann setzte ein Schriftstück auf, worin er dem Verlangen der Frau nachkam. Befriedigt blickte die Frau auf den Zettel. „So," s agte sie, „jetzt wollen wir uns auch gleich an die Arbeit machen." Sie nahm einen Bogen Papier, Tinte und Feder. „Setzen Sie sich und beantworten Sie mir auf das Genaueste alle Fragen, die ich an Sie richten werde." „Wie heißen Ihre Eltern?" Jsaac begriff nicht, wozu die Frau das wissen mußte, aber er beantwortete ruhig die Frage. „Haben Sie Geschwister?" „Ja, eine Schwester." „Wie alt?" „Achtzehn Jahre." „Schön?" *) Klugheit. **) Gott behüte.

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