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Der Israelit · 1898-02-14 · Heft 13 (14.2.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 13 (14.2.1898)
Date
1898-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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234 Spitzfindigkeiten, welche der Fanatismus wie eben so viele Vesten um die Eidesformel der Parlamente errichtet; vergebens bekämpfte er die Vorurtheile seiner Gegner durch Argumente, in denen er bewies, daß der Druck und nicht eigene Schuld die untergeordnete Stellung der Israeliten bedingt hatte. Vergebens! — Sir Robert Jnglis und die sonstigen Helden der Church of England zitterten schon während seiner Rede vor lauter Eifer auf ihren Bänken; sie konnten den Augenblick nicht abwarten, wo sie Lord John Rufiel verketzern sollten, und wie sie zu Worte kamen, erscholl es int Saale, als ob England nicht in seinem Schooße die schönsten, die edelsten, die vernünftigsten Geister aller Zeiten und Völker erzeugt, als ob eine chinesische Mauer diese Menschen seit ihrer Geburt von der Aufklärung des Jahrhunderts abgeschlofien hätte! Aber wie? Auch der biedere Lord Ashley ist unter ihnen? Auch der Menschenfreund tritt gegen seine Brüder ans? Et tu quoque Brüte? Und doch — welchen rührenden Mfyeit nimmt er an den Unterdrückten! Er erröthet nicht, zu gestehen, daß er für den ärmsten Juden Gefühle empfindet, welche an Ehrfurcht grenzen. Er geht weiter und legt von ihren ausgezeichneten Fähigkeiten das glänzendste Zeugniß ab: „Die Juden", spricht er, „sind Leute von mächtigem Geiste, von gebildetem Verstände und einer Ausdauer bei geistigen Arbeiten, daß sie mit dem unermüdlichsten Deutschen darin wetteifern können. Sie besitzen gegenwärtig im Verhältnisse zu ihrer Zahl eine größere Namenrolle von gelehrten und genial en Männern, als irgend ein heidnisches (sic!!) Volk aufweisen kann. Musik, Dichtkunst, Medizin, Astronomie nehmen ihre Aufmerksamkeit in Anspruch, und sie sind in allen diesen Fächern ihren Nebenbuhlern mehr als gewachsen." Jedoch trotz aller dieser Vorzüge können sie vor Lord Ashley keine Gnade finden: derselbe Mann, welchem es Anfangs darum zu thun scheint, zu beweisen, daß sie der verlangten Rechte, der Befreiung von mittelalterlichen Feffeln allerwürdigft sind, schließt seine Rede mit einem Votum gegen die Emanzipationsbill! Und warum? aus welchen Gründen? Ungefähr aus denselben, welche sehr gescheidte Menschen bewegen, am Freitag keine Reise anzutreten, an die böse Sieben zu glauben, die Zahl Dreizehn bei Tische zu scheuen — aus Vorurtheil . . . weil des guten Lord Ashley Urgroßvater so gedacht und er diese Ansicht mitsammt seinen Titeln, Gütern und Schlöfiern von seinen Vätern geerbt. Nicht, daß Lord John Russell den Kampf allein bestandest hätte. Edle, schöne Worte sind neben den Seinigen ertönt. Und wenn wir bei den Reden der Jnglis, der Ashley, der Law uns außerhalb Englands versetzt glaubten, so führten uns die Gladstone, die Morpeth, die Arundel, sogar Bentinck dorthin zurück. „Mit welchem Rechte" — spricht Lord Morpeth — „empfehlet Ihr dem Sultan die Duldung gegen alle seine Unterthanen, gegen Christen wie Muselmänner? Kanu er sich nicht zu Euch mit der Antwort wenden: „„Ich habe in meinem Reiche rebellische Unterthanen, Albanesen, Griechen, Maroniten, immer zum Aufstande bereit, und Ihr verlangt, daß ich sie dulde. — Ihr, Ihr habt unter Euch eine kleine Gemeinde von ordentlichen, ruhigen Bürgern, welche zum Frieden und zur Wohlfahrt des Staates beitragen, und Ihr schließt sie von Eurer Gemeinschaft aus!"" Gladstone, Mitglied für die Oxforder Universität, hat es vorgezogen, während Sir R. Jnglis, gleichfalls Mitglied für Oxford, den starren Vorurtheilen derselben diente, sie als Sitz der Aufklärung zu vertreten. „Wer macht die Gesetze?" — ruft Gladstone aus. — „Sind es nicht jene, aus welchen die Gesetzgeber hervorgehen? Ist es nicht in seiner periodischen Wiederkehr zu der Erde, seiner Mutter, daß dieses Haus neue Kräfte, neues Leben schöpft? Die Kammer ist nicht die Quelle der Gewalt, obschon sie das Organ derselben ist. In deni Wahlkörper allein ist diese Quelle zu suchen." Mit anderen Worten: Haben die Juden das Recht, zu wählen, so kommt ihnen auch das Recht zu, gewählt zu werden. Trotz der 186 Proteste, welche gegen den Antrag Lord John Russell's in Betreff der Emanzipation der Juden eingelegt worden, ist derselbe mit 253 oder einer Mehrheit von 67 Stimmen durchgegangen, und das Loos dieser Maßregel ist im Unterhause nicht mehr zweifelhaft. Ob die Bill vom Oberhause gleich günstig behandelt werden wird, steht noch in Frage. Wir hoffen es, wir hoffen es um so eifriger, als ein solcher Erfolg unseren deutschen Mitbürgern israelitischer Konfession zu Gute kommen würde — denn es ist jetzt in der geistigen wie in der materiellen Welt kein isolirter Fortschritt mehr denkbar. Wo Einer fortschreitet, darf Keiner Zurückbleiben, weil die Bewegung der Welt täglich allgemeiner wird, täglich mehr die Gesammtheit umfaßt Oder könnte Deutschland, welches jeden Tag mehr den ihm gebührenden Rang unter den Nationen erringt, wenn England, Frankreich und Belgien die Fahne der Vernunft aufstecken, unter der Fahne des Vorurtheils stehen bleiben? Das wäre, als ob man behaupten wollte, wir müßten England und Amerika das Privilegium der Eisenbahnen überlassen, um den Ueberlieferungen des gepriesenen Mittelalters gemäß mit einem Postkarren die Zwecke der Menschheit zu verfolgen." Dem noch lebenden Gladstone sollten die englischen Juden eine Dankadresse widmen.

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