Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1898)
- Date
- 1898-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX Jahrgang. M 13. Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudenLhum. Begründet von Dr. in Utain]. Montag, den 14. 5658 (1898)« Leitende Artikel. Vor fünfzig fahren. Die Iuüenfrage vor dem englischen Parlament. Die „Kölnische Zeitung", bereits vor einem halben Jahrhundert eines der geachtetsten und einflußreichsten Organe Deutschlands, brachte in ihrer Nummer vom 26. Dezember 1847 den nachfolgenden Artikel, der, in Anbetracht dessen, daß auch in den englischen Zeitungen die Judensrage heute wieder discutirt wird, gerade jetzt von besonderem Interesse sein dürfte. Der schöne Artikel lautet: Unter den Staatsmännern Englands bekleidet Lord John Russell seit längerer Zeit einen hohen Rang. Seine ausgezeichneten Talente, seine vielseitigen Fähigkeiten haben ihm zu einer Stellung verholfen, zu welcher Geburt, Reichthum, Einfluß des Geschlechtes allein, selbst in England, nicht mehr genügen. Er war sogar berufen, der Nachfolger eines Sir Robert Peel zu sein, und — was mehr ist — das Volk hat mit vollem Zutrauen die Peel'sche Erbschaft seinen Händen übertragen sehen, so daß man bei dem Eintritte Nussell's in das Kabinet hätte glauben mögen, dieser Staatsmann habe den Gipfel seines Ruhmes erreicht. Und doch sollte Russell jetzt nicht blos, was er bis dahin selber geleistet, überbieten, sondern in gewissem Simte den Ruhm der Meisten seiner Vorgänger, vieler jener Träger großer Ideen, mächtiger Volksgefühle, welche am Sternenhimmel der englischen Geschichte glänzen, überstrahlen. Er sollte jetzt auftreten als Vorkämpfer einer Idee, um ihrer selbst willen, eines Prinzips, um der Gerechtigkeit willen, gleichviel, ob der Sieg Millionen oder nur einem einzigen Mitglieds der Gesellschaft zu seinen Rechten verhelfen werden. Die Emanzipation der Katholiken, die Aufhebung der Sklaverei, die Abschaffung der Korngel setze waren sämmtlich große Zwecke, würdig, mächtige Talente, erhabene Gemüther zu Helden der Freiheit und des Fortschrittes zu machen. Allein die Wilberforce, die O'Connell, die Peel traten im Namen von Millionen auf, ganze Volksklassen thürmten himmelhoch den Sockel empor, von welchem diese Männer zu der Nation und ihren Vertretern sprachen. Nicht so Lord John Russell — er erscheint auf dem Kampsplatze, um einer kleinen, hilflosen Schaar, deren Druck Viele sogar als einen naturgemäßen Zustand betrachten, zu ihren Rechten zu verhelfen. „Die Zahl derjenigen meiner Mitbürger, als deren Advokat ich auftrete," sagte Russell, indem er dem Parlamente seine Bill vortrug, „ist gering; einige dreißig- bis vierzigtausend, welche da eine Gemeinschaft bilden, die durchaus nicht geneigt und, wäre sie das, nicht fähig ist, Lärm zu machen, Aufruhr zu stiften oder für den Fall, daß man ihre Bitte abschlagen sollte, das Land mit Erschütterungen zu bedrohen." Um aber Lord John Russell's Edelmuth in seiner ganzen Größe ermessen zu können, muß man die eingewurzelten Vorurtheile erwägen, welche in England zäher als irgend, der Vernunft, dem gesunden Menschenverstände trotzen. Man muß die mächtigen Kasten mustern, denen Russell im Namen des Fortschritts den Handschuh hinwirft, den Riesenbau des Fanatismus kennen, an welchem Jahrhunderte gebaut, daß er zu einem Thurme von Babel heranwuchs, bis nun endlich die Zeit der Verwirrung der Sprachen über denselben hereingebrochen ist. Vergebens trat Lord John Russell zu Gunsten seiner Schützlinge in einer Rede auf, wie ihres Gleichen vielleicht noch nie in den Sälen des Parlaments erschallte. Vergebens erinnerte er an die bedeutungsvollen Worte eines großen Staatsmannes: „daß die englischen Gesetze ein Geburtsrecht jedes in England geborenen Unterthans seien!" — Vergebens mahnte er an Recht und Billigkeit; vergebens erschütterte er mit Riesenkraft das ganze Gebäude der