Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1898)
- Date
- 1898-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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198 das Wort des großen Lichterphilosophen in Wilhelm Meisters Lehrjahre: „Wir bilden uns ein fromm zu sein, indem wir ohne Ueberlegung handeln, un» durch angenehme Zufälle determiniren lassen, und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben." Diese» gedankenlose Treiben ist höchst verderblich, und das wahrhaft stumpfsinnige Handeln, verhängnißvoll für unsere jüdische Jugend; und hierbei macht man obendrein die trübe Erfahrung, daß diese Eltern eine gewiste Toleranz den Lehrern und Lehrerinnen gegenüber erheucheln, ihnen entgegenkommen, wo da» Eonzessionmachen ganz und gar nicht am Platze ist; denn man ist christlicherseits so human, diese Theilnahme am Religionsunterrichte dem Ermessen derer anheimzustellen, die leider die größte Gleichgültigkeit für die höchsten Interessen ihrer Anvertrauten an den Tag legen. Gehen wir ohne Umschweife auf unser Ziel lo«. I. Es nehmen jüdische Kinder am allgemeinen Religionsunterrichte theil, und Ellern sehen die Gefahr im Schoße unseres Volke», die hieraus entsteht, nicht ein. Werden sie über ihre Handlungsweise, die so ganz dem citirten Goethe'schen Erfahrungslehrsatze entspricht, von berufener Seite zur Rede gestellt, so machen sie zweierlei zur Rechtfertigung geltend: Erstens: „Die „Zehn-Gebote" sind ganz die de» Pentateuch, warum also sollen wir eine Regung inhumaner Gesinnung „da" zeigen, wo thatsächlich ein confessioneller Unterschied garnicht vorhanden ist?" Zweitens: „Späterhin wird ja doch diese etwaige Lücke ausgefüllt werden, wenn erst das Kind die hebräische Unterrichtsanstalt, die specifische jüdische ReligionSschule besuchen wird; da erst werden sich die Schatzkammern seines Herzens zur wahren Religionsanschauung öffnen. Und schon auf Gymnasien und Realschulen werden die Knaben, und in den Töchterschulen die Mädchen dessen inne werden, daß e» einen dreifachen Religionsunterricht giebt, und so ist die kleine Scharte ausgewetzt, die schwache ReminiScenz aus der Welt geschafft." Ein nur oberflächlicher Blick auf jene Zusammenstellung der „Zehn Gebote" geworfen, und das erste Argument kracht in allen seinen Fugen zusammen. Denn lutherisch lautet das erste Gebot: „Du. sollst nicht andere Götter haben neben mir." Hier ist schon beim ersten Eintritt in die Hallen der „Zehn-Gebot e", negativ das allererste und hauptsächlichste Glaubensdogma geleugnet. Ich meine des Israeliten erstes Gebot: „Ich b in der Ewige Dein Gott, der ich Dich aus Egypten herausgeführt!" u. s. w. Wie inhaltsreich, wie bedeutungsvoll, wie erhebend und begeisternd ist dieses große Wort: „Ich" bin der Ewige Dein Gott!" Für dieses „I ch" gingen unsere Märtyrer freudig in den Tod; auf die Folterbänke wurden sie geschraubt, auf die Scheiterhaufen geworfen unsere Kedoschim für dieses so vielfach durchschossene Panier: „Ich bin es!" „Ich" nur „ich" allein, „ich" eine „Einigkeit", eine „Einzigkeit", eine „Einheit!" „Ich glaube mit au fri chtigc r Treue" lehrt MaimonideS, dieses ’a» erklärend, als zweites Dogma seiner 13 Dogmen, „daß der Schöpfer, gelobt sei sein Name, einzig ist, und daß es keine Einheit giebt, gleich der seinen in irgend einer Art, und daß Er allein unser Gott ist, der war, ist, und sein wird." Mußte dar Christenthum nicht die Sichel schwingen über unser erstes Gebot und es gründlich abmähen? Und diese Begriffsverwirrung sieht man für harmlos an? Hier behauptet man mit solcher Evidenz, daß es in Bezug auf die „Z e h n g e b o t e" keinerlei confessionellen Unterschied giebt? (Hierzu vergleiche man die Auslegung dieses zu Sabbat 105, a!) Er wird uns in diesem Punkte auch gleichzeitig Gelegenheit geboten, die Toleranz des Judenthums gegen das Völkerthum kennen zu lernen. Was aber bedeutet die Streichung des ersten Gebotes in Bezug auf unfern jüdischen Glaubensstandpunkt. Denn, wenn wir uns zur gewissenhaften, wahrheitsgetreuen Beantwortung die Frage vorlegen: „Bildet die Glaubensrichtung der Juden eine Scheidewand zwischen derselben und ihren andersgläubigen Mitmenschen?" „Sieht der Jude mit Hohn auf die Bekenner des Christenthums herab?" „Kann man begeisterter Jude sein, und zu gleicher Zeit auch eine tolerante Gesinnung gegen die hegen, die nicht aus dem Schooße des Judenthums hervorgegangen sind?" So bedarf es nur eines Blickes in unsere Zehngebote, um von den erhabenen Duldungsprincipien des JudenthumS durchdrungen zu sein. Es stehet nicht darin geschrieben, daß es unsere Sache ist, den Glauben Anderer zu schmähen und zu verhöhnen. An uns s e l b st ergeht der Mahnruf Gottes im zweiten Gebote: "ib„ nw >6! Dir sollen keine anderen Götter sein! Für „D i ch" bin ich dar dar „I ch" einzig und allein!