Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1898)
- Date
- 1898-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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mitischer Weltanschauung" gesprochen, aber das ist offenbar nur eine der gerade bei den Antisemiten landläufigen bombastischen Redewendungen. Es dreht sich der ganze politische Antisemitismus um folgende Punkte, die sich in den Programmen der Liebermannschen und Böckelschen Richtung vor finden: Aushebung der Gleichberechtigung, Herstellung eines besonderen JuoenrechteS, Verbot jüdischer Einwanderung, Ausschluß der Juden aus Parlament-, Staats- und Gemeindeämtern. — Alles andere, was in den antisemitischen Programmen geschrieben steht, mag es sonst nützlich sein oder nicht, läßt sich aus den antisemitisch n Grundgedanken nicht ableiteu. Es war daher ein Fehler, den Antisemitismus, der ja agitatorisch leicht zu behandeln ist, zur Grundlage einer politischen Parteibildung zu machen, denn von Agitation allein lebt keine Partei. Sie muß bestimmte Grundgedanken haben, von denen aus sich das ganze politische Leben beleuchten läßt und von denen aus man Antworten auf die einzelnen schweren Fragen der Tagespolitik findet. Hierin aber hat sich der Anusemitismus als völlig unfruchtbar erwiesen. Der Antisemit als solcher kann für oder gegen Militärvorlagen, für oder gegen Umsturz Gesetze, für oder gegen Handelsverträge, für oder gegen Arbeiterschutz, für oder gegen Monarchie senr, sein Antisemitismus zeigt ihm in keiner Form den Weg. Es hängt von zufälligen Ansichten der Führer oder von taktischen Augenblickserwägungen ab, ob man sich so oder so entscheidet. Deßhalb muß der Antisemitismus, sobald er politisch auftreten w:ll, ein Bild der Zerfahrenheit bieten, er muß es, denn ihm fehlt eben eine politische Gesammtanschauung. Di, Grundlage, auf die er sich gestellt hat, ist für einen politischen Bau zu klein." Vermischtes. GberSwalde Wegen gröblicher Schändung dcs hiesigen jüdischen Friedhofes hatten sich vor der Strafkammer die Arbeiter Dittmann, Wittke und Volz zu verantwolten. J> der Nacht zum 4. November hatten Genannte auf dein jüdischen Friedhofe, wie schon früher einmal, die ärgsten Verheerungen unter den Gräbern und den Denkmälern verübt. Die Angeklagten wurden zu Gefängmßstrcrfen von 8, 18 mii> 24 Monaten nelst Ehrverlust verurtheilt. Berlin- Professor Dr. James Israel, der bekannte Berliner Chirurg, feierte am 1. Januar 1898 das Jubiläum seiner fünsundzwanzigjährigen ärztlichen Thätigkeit am Krankenhause der hiesigen jüdischen Gemeinde in der Auguststraße. Grabow i P Eine israelitische DameIn London, deren Mann in der hiesigen israelitischen Gemeinde vor Iahien als Eultusbeamter fungirte, hack»:der Gemeinde ein Geschenk von 2000 Mk. zugcsandt. Die Gemeinde beabsichtig', hierfür die Synagoge renooiren zu lassen Ronerr, 26 Jan. Zwei dcr^antisemitischcn Manifeüaittcn warden wegen Beleidigung von Polizisten zu je 14 Tagen Gefängniß verurtheilt. Feuilleton. Vögelchen. kK— IV. Wechselndes Geschick. Jsaac, der noch etwas Mittel mit in die Weltstadt gebracht hatte, sorgte für seilte Freundin wie ein Bruder; er beschaffte ihr neue Kleidung, sowie die zum. Leben nothwendigsten Gegenstände und setzte sie so in den Stand, ihre Besuche in besseren Geschäftshäusern abstatten zu können. Aber ihre Anstrengungen hatten, wie wir bereits erzählten, nicht das allergeringste Resultat. Man war wohl überall höflich gegen das hübsche Mädchen, und hätte sich wohl auch hie und da darüber hinweggesetzt, daß sie die englische Sprache nicht verstand und nicht mit der Schreibmaschine umzugehen vermochte, als man aber erfuhr, daß sie am Sabbat zu arbeiten sich weigerte, da hatte man nur ein mitleidiges Lächeln für sie übrig. Glücklicher war endlich ihr Freund Meyer. Er brachte aus Deutschland zahlreiche Empfehlungen an Freunde und Verwandten mit und es gelang ihm, auf dem Comptoir einer großen Fabrik eine lohnende Unterkunft zu finden. Hier war es eingeführt, daß, trotzdem die Fabrik in nichtjüdischen Händen sich befand, das Comptoir am Samstag geschloffen war. Die Arbeiter hatten es durchgesetzt, daß die Löhne bereits am Freitag zur Auszahlung gelangten, damit sie anl Samstag ihre Einkäufe besorgen konnten, an welchem Tage sie auch größtenteils von der Arbeit befreit waren, und diesem Umstande Rechnung tragend waren auch die Bureaus, dessen Räume am Samstage einer großen Säuberung unterzogen wurden, geschlossen. Desto stranimer mußte am Sonntag und den übrigen Wochentagen gearbeitet werden und in die eilige, fieberhafte Thätigkeit, wie sie im Lande der Pankee's Sitte ist, konnte sich unser junger, bedächtiger Deutscher im Anfänge sehr schwer finden. Bald indeß hatte er sich eingewöhnt und er theilte seinen Verdienst gewissenhaft mit Vögelchen, welche die Aussichtslosigkeit erkennend, mit ihren jetzigen Fähigkeiten eine Stelle zu finden, anfing Unterricht in denjenigen Dingen zu nehmen, die für eine perfecte Buchhalterin in Amerika unbedingt erforderlich sind. So floß das Leben unserer beiden Freunde einige Monate, wenn auch unter großen Einschränkungen, aber immerhin leidlich dahin, als eines Tage- Jsaac feine Freundin ganz verzweifelt aufsuchte. Fassungslos warf er sich auf einen Stuhl. „Mein Chef hat mir gekündigt. Ich bin stellen-