Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1898)
- Date
- 1898-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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165 Antisemiten-Häuptling Wengg den Fall Dreyfus für seine antisemitischen Zwecke ausschlachtete. Die Versammlung warvon etwa 250 Personen besucht, meist Geschäfts- und Gefühls - Antisemiten, letztere meist junge Elemente, die den Antisemitismus als Modesport betreiben. Dazu kam noch eine Anzahl Neugieriger, die überall da zu finden find, wo eine „Hetz" zu erwarten ist. Und er Hub seinen Spruch an, der ehrenwerthe Herr Wengg. In äußerst matter Weise gab er eine Darstellung des Falles Dreyfus, wie man solche in der antisemitischen Presse zu finden gewöhnt ist. Es war der alte, dutzcndmal aufgewärmte Kohl, in antisemitischer Kraftbrühe gedünstet, nur noch etwas fader als es sonst der Fall ist. Daß dabei offenkundige Unwahrheiten, wie z. B. die Behauptung, das Kriegsgericht habe im Fall Dreyfus „unter Beobachtung aller Prozeßformen" sein Urtheil gefällt, unterliefen, sei nur nebenbei erwähnt. Die Mehrzahl des Publikums weiß, was es von solchen Behauptungen zu halten hat. Einen breiten Raum widmete der Redner der „bezahlten Judenpresse", zu tvelcher er auch die „Münch. N. N." rechnet. Er will zwar nicht behaupten, daß sie von dem Dreyfussyndikat bezahlt sind, aber der Raunr für die Cliche's mit den Faksimiles der Handschriften Dreyfus's, Esterhazy's und des gehcimnißvollen Bordereaus sei ohne Zweifel sehr gut bezahlt worden. Dann kam der Antisemitenhäuptling der Haupt- und Residenzstadt Müncherl auf die ..Alliance isnielite universelle“ zu sprechen, welche die Seele aller Bestrebungen zur Befreiurrg des „Juden" Dreyfus sei, der übrigens nach Herrn Wcnnggs Meinung itt ganz erträglicher Weise seine Gefangenschaft verbüßte und eigentlich noch im gewissen Sinne zu beneiden sei. (Will H. Wengg nicht mit ihm theilen? Er würde hier keine Lücke zurücklassen und da er schon früher mit Juden associert war, so dürfte er sich auch mit Dreyfus vertragen.) Was an Lüge und Trug, an Bestechung und Verbrechen aller Art geleistet werden kann, das ist von der „^.linnee israelite“ zur Befreiung des Dreyfus geleistet worden. So lautete das Urtheil, das Herr Wengg mit apodiktischer Sicherheit aussprach. Dann kam er auf einen „Schundroman" zu reden, den er auf dem Tisch seiner Köchin gefunden und aus dem er eine längere Vorleseübung anstellte, um zu beweisen, wie das Dreyfilssyndikat systematisch das Volk „vergifte". Auch die „Franks. Zig." habe ganz ähnliche Berichte wie dieser Schundroman geliefert. Die Zeitungen seien alle käuflich und für alles zu haben (das Organ des Herrn Wengg selbstverständlich ausgenommen), die Presse sei zur Magd des Judenthums herabgesunken. Dann kam eine rührende Klage über die „Versimpelung" des Volkes, namentlich in München, wo speziell das gute Bier schuld daran sei. (Also empfiehlt es sich nach Herrn Wengg, den Münchnern schlechteres Bier vorzusetzen, damit sie helle werden.) Zum Schluß warf er sich sehr in die Brust, und nachdem er einige antisemitische Größen von den ihnen anhaftenden üblen Nachreden rein gewaschen, so z. B. Herrn Ahlwardt, der in seinen Augen ein vollkommener Ehrenmann ist, stellte er feine merthe Person, seinen makellosen Wandel zu Schau. Mit rührendem Pathos schloß er seinen Speech. In der daraus folgenden Diskussion zog zuerst ein obskurer Literat „unvorbereitet" gegen die verjudete Litteratur zu Felde, unb daun kam ein Münchner Volksredner, der nach Sigl'scher „Vaterlands"manier die Juden abschtachtete. Der Mann hatte wenigstens Humor mtb sorgte dafür, daß die Komik neben dem tragischen Pathos des Herrn Wengg nicht fehlte. Zum Schluß proklamierte er noch Herrn Wengg als Kandidaten für die nächste Reichstagswahl. Was nachher noch folgte, wissen wir nicht, wir hatten genug und verließen die Versammlung sehr befriedigt, denn wir hatten abermals die Ueberzeugung gewonnen daß solche Leute nicht ernst zu nehmen sind. ** Crefeld, 28. Jan. Heber gesellschaftlichen und politischen Antisemitismus schreibt Pfarrer Naumann in der „Hilfe" (9. Januar) klar und vernünftig : „Man muß, wenn man von Antisemitismus redet, zweierlei genau unterscheiden, nämlich die Stellung der Juden innerhalb der Gesellschaft und innerhalb des Staates. Welche Nolle sie innerhalb der Gesellschaft spielen, ist eine wichtige, aber keine politische Frage. Keine politische Partei kann das geringste darüber bestimmen wollen, inwieweit ihre Mitglieder den geschäftlichen und persönlichen Verkehr mil Israeliten suchen oder vermeiden sollen. Das ist vom Standpunkt aller Parteien aus Privatsache, selbst vom Standpunkt der antisemitischen Parteien aus, denn auch diese können nicht hindern, daß sogar ihre Parteiorgane mit jüdischen Annoncen zu thun haben oder Person, n mit halb oder ganz israelitischer Abstammung sich ihnen aus Abneigung gegen ihre eigenen Stammesgenossen anschließen. Aber selbst wenn es, was wir bezweifeln, irgend einer antisemitischen Gruppe gelungen sein sollte, die Boykottierung der Israeliten für den engeren Kreis ihrer Anhänger durchzusühren, so würde sie nicht im geringsten eine politische Leistung sein, denn dieser gesellschaftliche und geschäftliche Boykott würde an der Stellung des Juden als Staatsbürger nicht das geringste ändern. Die Stellung der Juden im Staate ist aber der einzige Stoff, um den sich ein politischer Antisemitismus gruppiren könnte. Alles andere, was Antisemitismus genannt wird, ist vom politischen Standpunkt aus nur Dekoration. Das Programm des politischen Antisemitismus kann seiner Natur nach nicht reichhaltig sein. Man hat zwar bisweilen von „antise-