Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1898)
- Date
- 1898-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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167 los, Fräulein Vögelchen, wir können gemeinschaftlich verhungern." „Jsaac, Jsaac! Haben Sie so rasch Ihr Vertrauen auf den Höchsten verloren, daß Sie bei der ersten Prüfung, die Gott über Sie verhängt, verzweifeln. „Wirf Deine Last auf Gott", sagt der königliche Sänger, „Er wird Dich ernähren." „O Vögelchen," schluchzte Jsaac, „Du bist ein Engel. Wenn ich einmal reich werde, dann will ich mich dankbar erweisen." Vögelchen erröthete. Bereits war die Liebe eingekehrt in ihr keusches junges Herz. Mr. John Smitt, obschon noch nicht lange in den Vereinigten Staaten, war bereits ein Pankee von echtem Schrot und Korn geworden. Vielleicht kaum älter als dreißig Jahre, war seine Haut schon trocken wie Leder. Die Wärme der Farbe, die Röthe der Wangen suchte man vergebens in seinem Antlitz und der kleine spitze Kopf mit dem durchdringenden wilden Blick lieferten den Beweis, daß dieser Mann es verstand, seinen Willeti durchzuzusetzen. Während sich in den Vereinigten Staaten früher Tausende zu Millionären, Dutzende zu mehrfachen Millionären und Hunderttausende gn wohlhabenden Leuten sich emporgeschwungen haben, sind jetzt gleichzeitig früher ganz unbekannte VevölkerungSklaffen, Bettler und Landstreicher, Straßemnusikanten und Masten von Hausirern, arbeitsscheue Glücksritter und Heere von Verbrechern über Nacht wie Pilze aus dem Boden gewachsen. Heute sind es w r noch ganz wenige Ausnahmen, die sich aus be:u Staub der Straße emporarbeiten. Und zu diesen Auserlesenen gehörte Mr. Smitt. Wie so viele bereits vor ihm, hatte er als Zeitungsjunge angefangen, als ein auf das Abenteuerlichste herausstafftrter Plakatmann setzte er seine Laufbahn im Solde einer Stiefelwichsfabrik fort, um später als Straßenhändler mit Florida-Orangen und Bananen, Feigen und californischen Trauben sich ein ganz kleines Vermögen zu „machen". Durch die Bezüge des zuletzt genannten Artikels, wurde er mit dem hervorragendsten Weinzüchter in Kalifornien, dem deutschen Glaubensgenossen Dreyfuß in Anaheim bekannt, der ihm eine Niederlage seiner Weine in New-S)ork errichtete, wodurch sich sein Vermögen bald sehr vergrößerte. Docklange blieb der unternehmende Mann nicht bei diesem Artikel. Sein scharfsinniger Blick erkannte bald, daß auf anderen Gebieten mehr zu holen sei. Kein Land der Erde kann sich eines so ausgebreiteten Schienennetzes rühmen, wie die amerikanische Union, welche ihrer außerordentlich wachsenden Bevölkerung mit dem Dampfroß die Wege gebahnt. Unaufhaltsam durch Urwälder und unermeßliche Prairien, die mächtigsten Ströme überbrückend, die höchsten Gebirge überschreitend, laufen die Schicnenwagen als wahrhafte Pionire der Kultur nach allen Richtungen hin, durch das weite Gebiet, von einem Ocean zum anderen. Nicht wie in der alten Welt, wo die Eisenbahnen gebaut werden, wenn man meint, Handel und Verkehr dürften sich zwischen zweien Punkten hierzil lohnend zeigen, so daß alsdann eine solche Bahn sehr häufig ein Schmerzenskind bleibt — hat der weitblickende Amerikaner mit erstaunlichen Erfolgen Eisenbahnbauten unternommen, im festen Vertrauen auf die nicht ausbleibende Eutwickelitng seines Landes, unbekümnlert darum, daß zur Zeit ihres Beginuetls alle die ungeheuren Strecken noch unbewohnt und tinbebaut waren, welche der Maschinenweg durchschritt. Attch Mr. Smitt wurde ein Eisenbahnunteruehmer, als welcher er in kurzer Zeit einige Millionen gewann. Die Eisenbahnen hatte er bereits wieder an Gesellschaften abgegeben und er befaßte sich nur noch mit der Lieferung von Eisenbahnmaterial an die von ihm gegründeten Bahnen, und für dieses Handelsgeschäft hatte er ein Büreau mit ungefähr dreißig jungen Leitten errichtet. Smitt selbst trieb eigentlich gar nichts mehr, zur Beaufsichtigung und Leitung seines Büreau's hatte er einen Geschäftsführer, während er selbst sich die Zeit damit vertrieb, einen großen Theil der Restaurants der Weltstadt nach und nach aufzusuchen und da allerhand Getränke zu schlürfen. So sehen wir ihn auch heute wieder iu ein bekanntes (5af6 am Broadway treten. In echter Pankeart warf er sich geräuschvoll auf einen Stllhl, steckte seine Beine ausgestreckt unter den Tisch, packte die zunächst liegende Zeitung, ttm mit dem Kopfe in derselben unstet von oben bis unten herumzuirren. Nachdem er eine Zeit lang diese Halsübung fortgesetzt hatte, trat ein junges Mädchen auf ihn zu und erbat sich iu böslichem Tone auf kurze Zeit die Zeünng. Herr Smitt war über die Bitte erstaunt, es ist in Amerika nicht üblich, den Gästen im Kaffeehause die Zeitung abzuverlangen, da in jedem dieser Anstalten gewöhnlich mehrere der gelesensteu Blätter gehalten werden. Es erscheint dies aber noch seltsamer, wenn es von einem jungen Mädchen geschieht. Das Erstaunen löste sich aber iu Bewunderung auf, als er seinen Kopf einen Moment hob und der Bittstellerin in's Auge schaute. So viel Anmuth und Schönheit glaubte er noch niemals erblickt zu haben und in diesem Moment stand es bei ihm fest, daß die Angeredete die Seine werden müßte. Smitt war von allerfrühester^Jugend^auf zu sehr harter Arbeit gezwungen gewesen, so daß er keine Gelegenheit hatte, sich dem weiblichen Geschlechte zu nähern, und seitdem es ihm so gut ging und er eigentlich wenig mehr that, war es ihm nie in den