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Der Israelit · 1898-01-31 · Heft 9 (31.1.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 9 (31.1.1898)
Date
1898-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ausführungen wie die Ihrigen, manche Lehrer und manche Mitschüler durch antisemitische Nadelstiche den energischen Widerstand auS einem an sich löblichen Gefühl der Tapferkeit he» vorriefen. „Sie fordern, hochverehrter Herr Professor (2. S. 525) „Umgebung der nationalen Religion^übung und die erst damit hcrgestellte volle Möglichkeit deS Conuubiums, wenigstens für die Kinder, als Bedingung voller Gleichstellung." Aehnlick hat man - B. in Sachsen vor sechs Jahrzehnten die Anfgebung des Sabbats zur Vorbedingung einer theilweisen Gewährung bürgerlicher Rechte machen wollen, in Weimar die Taufe der Kinder, wenn ich nicht irre." Heber die hebräische Gebetsprache schreibt Herr Lehmann: „Wie da? Christenthum über die ganze Weitverbreitet ist, so das Judenthum. Selbst die hebräische Sprache, in der nach meiner Ansicht leider — noch gebetet und die rcligionsschulpflichtige Jugend unterrichtet wird, macht die Religionsübung ebensowenig zu einer nationalen wie die lateinische Gebetsprache die Katholiken allesamt zu nationalen Römlingen, die französische vieler reformirten Gemeinden Deutschlands diese zu nationalen Franzosen stempelt. Ich bin seit Jahrzehnten nie müde geworden, meine Stimme gegen den Fortgebrauch der hebräischen Sprache als Religionsunterrichtszweig und in Gebeten zu erheben, so hoch ich deren wissenschaftlichen Werth und poetischen Reiz stelle." Ueber die Ehe zwischen Juden und Christen führt Herr Lehmann aus: „Vor bald drei Jahrzehnten (1867) veröffentlichte ich ein Schristchen: „Höre Israel." Darin heißt es S. 15: „Wie im alten Rom das Connubium, die Frage der ehelichen Verbindung zwischen Patriciern und Plebejern von der entschiedensirn Wichtigkeit für die Lösung des durch Jahrhunderte geführten KlaffenstreitS wurde, so und in noch weit höherem Grade wird die Ehe zwischen Juden und Christen für unS nnd alle Folgezeit den Schlußstein bilden zur endlichen Lösung des, langgenährten und altverjährten Glaubens- und Rassenhasses." „Sie sehen, hochverehrter Herr Professor, daß schon vor einem Menschenalter, als der Staat noch den Juden die Ehe mit Christen verbot, von unserer Seite aus das betont wurde, was Die als Bedingung voller Gleichstellung hiustcllen. Ich meinte es freilich nicht als Bedingung, sondern als Ergebniß." „Sie kommen dann (2, 521) auf Hinderungsgründe für das „G emei n schaftsl eben", Sie finden sie in den Speisegesetzen, in drm (bereits erwähnten) Nichtschreiben am Samstag, in einer „bestimmten Verstümmlung des Leibes, in der besonderen Form der Tödtung der Sch lach tt hie re." Eine Religion, die das fordere, meinen Sie, könne Gleichstellung mit der Reliion civilisirter Völker nicht beanspruchen Ein hartes Wort, en inneren Werth einer Religion nach äußerlichen Symbolen zu beurtheilen, ein vorgefaßtes Urtheil, den Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gänzlich unb,kann>en Lehrern, Schriftstellern und Wortführern der jüdischen Religionswissenschaft aus zwei Jahrtausenden den Werth und die Ebenbürtigkeit civilisirter Menschen und Völker abzusvrechcn! Ich stehe seit Jahrzehnten auf dem linken Flügel der Reform im Judenthum und halte S peisegesetze, Sabbatfeier, Beschnei düng und Schächt weise für überlebte nebensächliche Dinge, die mit dem Geist und Wesen de- Judenthums — Ein Gott, Eine Menschenliebe — nichts zu thun haben. Aber daß auch unter denen, die sie für wichtiger, für erzieherisch beibehalterrsweUH erachten, fein- und hochgebildete Menschen sich befinden, die an Civilisation und Cultur allen anderen Volksgenossen gleichstehen, das kann ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, versichern. Ueber das Schächtverfahren sind die Akten noch lange nicht geschlossen. Jahrtausende war daS jüdische weniger thierquälerisch als das christliche. Ob es durch neuerliche Erfindungen überholt ist, darüber sind die thierärztlichen Autoritäten verschiedener Meinung. Ebenso darüber, welche Methode gesünderes Fleisch liefert. Für ein System) der Ethik machen sich derartige Begründungen der Nichtcioilksirung sehr eigenthümlich." Wäre Herr Emil Lehmann ein Privatmann, ich würde e« als eine Verschwendung der Tinte betrachtet haben, auf seinen „Offenen Brief" zu reagiren. Ich würde mir einfach sagen, dieser Mann, der die wichtigsten Gesetze des Judenthums für überlebt erklärt, der nicht gehört hat, wie die neuesten medizinischen und nationalökonomischen Autoritäten gerade über die von ihm perhorreszirten Vorschriften sich äußern, dieser Mann hat sich längst überlebt. Herr Emil Lehmann ist aber erster Vorsteher der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Wird die sächsische Regierung dazu kommen, das Schächtverbot wieder aufzuheben, wenn selbst der erste Vor st eher der jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt die Schächtweise zu den „überlebten, nebensächlichen Dingen" zählt? Herr Emil Lehmann spielt aber nicht bloö in seiner Gemeinde eine große Rolle, er nimmt auch in einer großen iör. Vereinigung des deutschen Reiches eine hohe Stelle ein, er ist dritter Vorsitzender im Ausschüsse de« „D e u t s ch - I S r a el i t is ch e n Gemeinde-Bundes" in Berlin. Ist da nicht, angesichts der in dem „Offenen Briefe" neuerdings niedergelegten religiösen Ansichten der Vorsitzenden des D.-J. G.-B., des Herrn Emil Lehmann, dar Mißtrauen der Orthodoxen gegen den D -J. G.-B. v o l l und ganz berechtigt? Dieser Tage hat der Ausschuß des D.-J. G.-B. einen Aufruf zum Anschluffe an den „Bund" ergehen lassen, der an dritter Stelle von Herrn Emil Lehmann unterschrieben ist. Können, sollen oder dürfen die Orthodoxen diesem Aufrufe Folge leisten, da einer der Vorsitzenden dieses „Bundes" ihre heiligsten religiösen Gefühle verletzt hat.*) Ich höre, daß zwar im A u S s ch u ß (Vorstand) *) Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischer Glaubensgenossen" in Berlin will auch allen religiösen Fragen fern bleiben und bemüht sich auch orthodoxe Israeliten als Mitglieder zu werben, und doch hat er der Vorstand dieses Vereins geschehen lassen, daß der „Offene Brief" de« Herrn Emil Lehmann in dem Dezemberhest seiner Monatsschrift „Im D. Reiche" abgedruckt wurde. Also auch bei dieseur verein in Bezug auf religiöse Fragen schöne Worte, denen die That schnurstracks entgegengesetzt ist.

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