Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1898)
- Date
- 1898-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX Jahrgang. M 9 Der Israelit. Ein KenLrat-Hrgan für das orthodOXe Iudenthum. Begründet von vr. ITeftmau« in Msinr Montag- -en 31. Januar 5658 (1898). Leitende Artikel. Ein Unverbesserlicher. von I. K. Schon vor Jahrzehnten hat der „Israelit" so manches Sträußchen mit Herrn Rechtsanwalt Emil Lehmann, Dresden, ausgefochten, zu einer Zeit, als die Hochfluth der Reform über die deutschen Laude sich ergoß. Damals standen ihm die großen Reformrabbiner Geiger, Aub, Mayer u. a. seeundirend zur Seite. Herr Lehmann sowohl, wie diese Verufsreformer, waren zu jener Zeit von dem Wahn befangen, daß zur Erlangung der politischen und namentlich der sozialen Emanzipation der Juden, die Preisgabe der theuersten Güter der jüdischen Religion erforderlich sei. Sie glaubten durch Einführung unjüdischer Reformen in den Synagogen, durch Lossagung von den Speisegesetzen und anderen jüdischen Vorschriften den Eintritt in die christlichen Kreise zu erringen. Immerhin schwebte damals diesen Männern, von ihrem Standpunkte aus, ein gewisses Ideal vor Augen. Die Zeiten haben sich geändert, die alte Garde der Reformer ist ausgestorben; die heutigen Reformrabbiner (sie nennen sich nicht mehr gern Reformrabbiner, sie wollen nur noch als „freisinnige" Rabbiner gelten) sind durch den mit aller Wucht auftretenden Antisemitismus eines Besseren belehrt worden Abgesehen davon, daß die in den Synagogen eingeführten Reformen das jüdische Volk religiös nicht gebessert haben, diese „freisinnige" Rabbiner vor leeren Bänken ihre erbauungsvollen Predigten halten müssen und sich ihnen die Befürchtung aufdrängt, daß, wenn diese Irreligiosität des Volkes weiter zunimmt, man ihrer gar nicht mehr bedürfe, abgesehen von diesem, sind sie zu der Einsicht gekommen, daß ihre Gläubigen, obgleich sie an der christlichen Tafel sich gütlich thun, heute viel ferner von der sozialen Emancipation stehen, als vor drei oder vier Dezennien; die christlichen Kreise wollen sich ihnen nicht öffnen, ja sie schließen sich vor ihnen ab. Und darum sind die heutigen „freisinnigen" Rabbiner wohlweislich von einem conservativen „Hauch" ergriffen und sie bestreben sich, einzulenken; ob mit Erfolg, wird die Zeit lehren. Nicht also Herr Emil Lehmann. Er ist ein gewaltiger Fortschrittsmann, der es sich zur Lebensaufgabe gestellt hat mit der Zeit fortzuschreiten und in Wort und Schrift auch seine Glaubensgenossen mit diesem Fortschritte zu beglücken. Sollte man es nun für möglich'chalten, daß "ein solcher Mann des Zeitgeistes mit offenen Augen den jetzigen Zug der Zeit nicht sieht, seineVOhren dem Toben der Judenfeinde verschließt, den Judenfeinden sogar Vorschub leistet; daß ein solcher Mann, den Zeitgeist so wenig erkennt, in welchem innerhalb der Judenheil man vielfach bemüht ist, die verschiedenen religiösen Partheien wieder einander zu nähern, daß er die Kluft zwischen den orthodoxen und „neuen" Juden noch zu erweitern bemüht ist? Und doch ist dem so. Man höre und staune! In einem sonst vorzüglichen „Offenen Brief" an Herrn Professor „Friedrich P a u l s e n" schreibt Herr Emil Lehmann: „In einer Fußnote (II, 525) beklagen Sie, hochverehrter Herr Professor, den unverhältnißmäßig zahlreichen Besuch höherer Schulen durch jüdische Schüler und ihr Nichtschreiben am Samstag. Das Letztere ist auch nicht nach meinem Geschmack, kommt übrigens hoffentlich nur vereinzelt vor, und es märe endlich einmal an der Zeit, mit dieser unberechtigten Sonderforderung aufzuräumen. Aber, hochverehrter Herr Professor, vergessen Sie nicht: Druck erzeugt Gegendruck. Das sabbatliche Nichtschreiben wäre, wie so manche alte, vor hundert Jahren ftrenggeübte Gewohnheit, längst zu dem Kapitel von den „jüdischen Alterthümern" verwiesen, wenn nicht, ermuthigt durch