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Der Israelit · 1898-01-27 · Heft 8 (27.1.1898) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 8 (27.1.1898)
Date
1898-01-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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154 Was die Wahl des CultuSratheS betrifft, so beruht das Stimmrecht auf der direkten Cultussteuer, aber die fortschrittliche Intelligenz (Avvokaten, Aerzie, akademisch Graduirte, Offiziere, Beamte) ist in der Art berücksichtigt, daß ihre Mitglieder in der ersten Curie wählen, also dieselben beherrschen. Der Cultusrath wird aus 30 Mitgliedern bestehen, so daß aus allen Schichten der Bevölkerung Vertreter darin Platz finden können. Was die Belastung der Gemeinde durch indirekte Steuern (Kofcher-Fleischloxe, Gräbertoxe, Oster-Brootaxe rc.), so wurden die Härten des Statutenentwufes eben in Folge der hierdurch in der Gemeinde geweckten Opposition, von der Statulkomimssion bei der Schlußberathung bedeutend gemildert. Ob das Statut gut oder schlecht ist, wird erst die Praxis zeigen. Dergleichen ist blos leerer Schall, wenn der richtige Geist, der es beleben soll, sich nicht einstellt, wenn nicht die richtigen Männer kommen, es zweckoienstlich in's Werk zu setzen. Wir Juden untercinander dürfen nicht mit bloß formeller Ordnung uns zufrieden stellen. Krakau, 15. Januar. Die Leidensgeschichte unseres BoikeS lehrt uns, daß während die Juden im Mittelalter im Westen verfolgt und gehetzt wurden, sie in Polen friedlich gelebt haben und sich der besonderen Huld der Könige und Magnaten erfreuten. Nur wie eine auf dem klaren, blauen Himmel vorüberziehende, kleine Wolke, die gleich verschwindet, erscheinen die zeilweisen Verfolgungen, denen auch sie auSgesetzt waren. Aber wenn das schreckliche Schicksal gekommen ist, dann waltete es furchtbar und die Opfer, die es verlangte, waren massenhaft. Bei dein mit blutigen Lettern in der jüdischen Geschichte verzeichneten Chmielniki-Ausstand soll ja nach gleichzeitigen Angaben über eine halbe Mlllion Juden hingeschlachlet worden sein! Es liegt eben in der Natur des Slaven. Ec ist gutmüthig, gastfreundlich, wie kein anderes Volk, tolerant, aber wenn seine Leidenschaft auflodert, wenn das Thier in ihm erwacht, dann verliert er jedes menschliche Gefühl und Mitleid und in seiner Raserei entblößt er sich als der echte Barbar. Als die letzte Bestätigung dieser allen Slaven gemeinschaftlichen Eigenschaft mögen die schreckhaften Plünderungen, die die Czechen an dem Eigenthum der böhmischen Juden in der letzten Zeit begangen haben und wie die täglichen Nachrichten melden, noch weiter begehen, — dienen. Aber was in Böhmen bereits eine Thalsache ist, scheint sich in Galizien erst vorzubereiten. Denn in diesem Lande, wo die Juden bis nun in größter Eintracht mit der christlichen Bevölkerung zu leben schienen, hat sich seit geraumer Zeit ein Umschwung vollzogen, der in seiner Consequenz geeignet ist, die Lage der Juden Hierlands außerordentlich zu bedrohen. Bis jetzt gab es in Galizien keinen officiell eingkstandenen Antisemitismus, doch seitdem die hiesige Presse einen judenfeindlichen Charakter angenommen hat, wurde plötzlich das ganze Land, sowohl die Schlachzizen als das Bürgerthum und Bauernvolk, die insgesamt selbst unintelligent, sich von den gew'.ffenslosen Zeitungsschmierern irreführen lasten, — fast über Nacht antisemitisch. Allen voran schreitet der Krakauer „Glos Narodu", dessen Redakteur, Ehrenberg, öffentlich am lichten Tage am Ningplatz geobrseigt und des Diebstahls geziehen wurde. Die Macht und Bedeutung der antisemitischen Partei ist so groß, daß es jetzt kein wichtigeres Ereigniß im ganzen Lande gibt, das nicht von ihr veranstaltet wurde und das jüngste slaviiche Verbrüderungsfest in Krakau wurde bekanntlich von dem eben genannten Redakteur in Scene gesetzt. Seit .dem Tage, an welchem die herzlichen Händedrücke zwischen den Polen und Czechen hier ausgetauscht wurden, wird von der galizffchen Pceste aus die heroischen Thaten der letzteren während der Prager Schreckenstagen wie auf einen Triumph über die Juden hingewiesen und das Volk aufgestachelt, dem czechischen Beispiele zu folgen und sich an dem langjäbrigen, jüdischen Feinde zu rächen. Diese Aufwiegelung des Volkes geschieht auf eine so brutale und niedrige Weise, daß sich manche edelgesinnten Männer, die bis nun an der klerikalen Bewegung thätig mitgewirkt haben, von derselben abwenden und der Präsident von der Krakauer Akademie der Wissenschaften, Professor GrafStanislaus Tarnowski, der zwar aus seinen Ausfällen gegen die Juden während der Berathungen des vor einigen Jahren hier abgehaltcnen Katholikentages bekannt ist, sah sich veranlaßt, vor einigen Monaten in der Gemeinderathssitzung den folgenden, für die Polen höchst charakteristischen Bemerkung zu machen: „Wir lesen nur gern Zeitungen, welche in einer unwürdigen Weise das Volk aufwiegeln, den Raffenhaß verbreiten und gegen die Juden Hetzen." Aber inmitten dieser dumpfen Atmosphäre, in der die galizischen Juden leben und unter dem Drucke des mit jedem Tage wachsenden Antisemitismus fangen sie an, sich im Innern zu festigen und so dem Feinde entgegenzutreten. Im ganzen Lande, und insbesondere in Krakau, hat sich bisher die jüdische Intelligenz gar nicht um das Judenthum gekümmert und die Jugend wuchs heran, ohne auch den leisesten Begriff von der ruhmvollen Geschichte und der glänzenden Literatur ihres Volkes zu habeit. Nun hat sich der hiesige literarische Verein „Sfas Ern es", als deffen Präsident der gewesene Prediger der hiesigen Gemeinde, Dr. Samuel Landau, fungirt, entschlossen, jeden Sonntag populäre Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und über die

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