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Der Israelit · 1898-01-27 · Heft 8 (27.1.1898) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 8 (27.1.1898)
Date
1898-01-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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146 Nur Kurzsichtigkeit kann sich vor der gewaltigen Veränderung zum Besseren verschließen, die durch die zionistische Bewegung gerade in diesen Kreisen zu Tage tritt. Wenn wir z. B. an die Jämmerlichkeit, an die Gesinnung«- und Charakterlosigkeit denken, die ihren Gipfel fand in dem Weihnachtsbaume, der seit Decennien in so vielen israelitischen Häusern leuchtete — sie hatten ja kein Ohr für das Hohngelächter und kein Auge für die Verachtung, die sie dadurch bei ihren christlichen Mitbürgern weckten! — und damit das Selbstgefühl vergleichen, mit dem die zionistischen Kreise sich mit Stolz Juden nennen, so erfüllt un« tiefe Befriedigung und verehrende Bewunderung der erziehenden Waltung, die dieses Wunder vollbracht hat. Ist es denn nicht eine Tragik sondergleichen, die aus den Bekenntniffen der Wortführer des Zionismus heraustönt? Kann denn der denkende Jude, der mit seinem ganzen Leben in Zion s Grunde wurzelt, ohne tiefe Ergriffenheit den Bekenntniffen der andersdenkenden Brüder lauschen, die die ihnen durch die antisemitische Bewegung geschaffene Lage für unerträglich erklären? Sie entbehren ja noch jenes Elements des Lebens, da« uns auch noch ganz andere Leiden als gesellschaftliche Zurücksetzung ertragen ließ, für die wir vahlich nicht minder empfindlich sind. Sie stehen ja bisher nicht auf dem Boden des geschichtlichen Juventhum«. Sre kennen nicht die Freude, haben nicht da« beglückende Bewußtsein, das uns die Erfüllung de« Worte« unseres Gottes gewährt. Es ist nicht ihre Schuld; sie sind ja schon die zweite, die dritte oder gar vierte Generation. Ihnen ist schon von ihren Großvätern jene höchste Freude, die nnat? ms® entzogen worden, jenes Frohgefüdl, jene durch nicht« zu trübende Lebensheiterkeit, die aus dem Bewußtsein treu erfüllter GesetzeSpfllcht quillt. Sie haben ja keine Ahnung von Sinn und Bedeutung der Gottesgesetze, kein Berständniß vom Geiste der Thora und vom Geiste des Prophetenwortes. Man hatte sie und hatte ihre Väter und Großväter gelehrt, alles Jüdische zu verachten, als mittelalterlichen, in die Neuzeit hereinragenden Rest von abergläubischen, von der Kultur der Neuzeit längst überholten Anschauungen alles Jüdische zu betrachten. „Das Judenthum ist keine Religion, das Judenthum ist ein Unglück.'" Und als vor nunmehr fünfzig Jahren in Deutschland und Oesterreich die Fesseln fielen, die so lange der Juden Hand und Fuß gelähmt, und die Schranken sanken, die sie so lange von ihren nichtjüdischen Staatsgenoffen geschieden hatten, und sie nunmehr von ihnen als ihren Mitbürgern sprechen konnten, da lautete die Parole: Aufgehen in die anderen Völker! und: Amalgamirung, jetzt nennt man eS Afsimilirung, war das höchste Ziel. Und so haben sie gelebt, auf's Eifrigste den anderen gleich zu werden bestrebt, und je mehr sie in Speise und Trank und allem Thun und Lassen ihren Ursprung verbargen, um so fester glaubten sie die Emanzipation, die politische und soziale Gleichstellung gesichert. Und doch hat vor nunmehr mehr als sechszig Jahren der große Forscher, der Ergründer der Tiefen des Gottesgesetzes, der Vorkämpfer des gesetzestreuen Judenthums es ausgesprochen und wurde nicht müde, es fort und fort zu verkünden: Nicht darum könne das jüdische Volk in einem nach Jahrtausenden zählenden Martyrium erhalten sein, daß es, sobald die äußeren Fesseln sinken, nun den Boden des Judenthums verlasse, und sprach es offen aus. daß um diesen Preis die Emancipation zu theuer erkauft sei, und wenn in solcher Weise mißbraucht, die Gleichstellung nicht von Dauer sein werde. Und wenn nun jetzt ein edler Theil der bisher dem Judenthuin Entfremdeten, durch die Erfahrungen zur Erkenntniß gebracht, es ausspricht: „Alles war vergebens. Wir haben unser Judenthum geopfert, aber die Gunst der Völker nicht erworben, wir wollten uns mit ihnen amalgamiren, aber sie wiesen uns zurück, die Abstammung, die wir vergessen glaubten, sie wird uns in verletzender und gehässiger Weise mit tausend Nadelstichen, Demütigungen und Zurücksetzungen in Erinnerung gebracht, — wir sehen es ein, wir sind getäuscht worden und haben uns geirrt. Wir kehren zurück ins Vaterhaus, wir sind stolz auf unser Volk, stolz auf unsere große Vergangenheit, nur sind stolz darauf,Juden zu sein!" — da sollte uns das Herz nicht weit werden, da sollten wir nicht das Wehen des Weltengeistes fühlen, nicht das Walten unseres Gottes ehrfürchtend anbeten? Freilich ist es nur ein Anfang, der Anfang eines Anfangs. Wir gehören aber nicht zu denen, die sprechen: Wenn Du nicht alles erfüllst, so kannst Du Dir auch die Erfüllung des Wenigen ersparen. — Wer in aller Welt giebt ein Recht zu solcher zurückweisenden Rede! Wo jedes Band zerrissen war, da ist auch die Anknüpfung des schwächsten, zartesten freudig zu begrüßen. Was bei den Vätern nur als lautes, freudiges Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke sich bekundete, vielleicht auch ohne sofort weitere Folgen zu haben, das kann die Brücke sein, auf der die Kinder, die Enkel einst die Kluft überschreiten, die sie noch trennt von der Erkenntniß der ganzen hohen menschheitspriesterlichen Bestimmung ihres Volkes. Wenn erst jene Erkenntniß des JudentdumS und des Geistes seiner Gesetze, wie wir ihrer Pflege in unserem bescheidenen Kreise walten, zum Gemeingut weiter Kreise geworden sein wird,

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