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Der Israelit · 1898-01-27 · Heft 8 (27.1.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 8 (27.1.1898)
Date
1898-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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US KerrMeton. Vögelchen, t®—> TU. In Srew-Uork In den wenigen Tagen, daß Jsaac Meyer mit seiner neugewonnenen Freundin auf dem Schiffe zusammen gewesen, war mit ihm eine vollständige Wandlung in seinem Charakter vorgegangen. Unbemerkt von ihm übte Vögelchen einen Einfluß auf ihn aus, der nachhaltig für sein ganzes Leben sein sollte. Jsaac war einer von jenen jungen, oberflächlich religiösen Leuten, wie sie in Deutschland gar häufig zu treffen sind. Der Großvater ein Mann, der lieber Alles hingegeben, ehe er auch nur das scheinbar Kleinste der Gebote unseres Gottes verletzt hätte, der Sohn ebenfalls noch fromm, aber schon mehr aus Gewohnheit, der Enkel aber bereit, bei dem leisesten Windhauch seine „Jüdischkeit" über Bord zu werfen. Der seichte jüdische Religionsunterricht, den Meyer in wöchentlich zwei Stunden in seinem Heimathstädtchen genoffen, war nicht geeignet, ihn die Erhabenheit unseres heiligen Glaubens auch nur ahnen zu lassen; im Uebrigen besuchte er die heimathliche Realschule und war so zum vollständigen Aufgehen in das Erwerbsleben erzogen. Vögelchen hingegen hatte eine ganz andere Erziehung genoffen. Ihr Vater, ein reicher russischer Großkaufmann, hatte keine Kosten und Mühe gescheut, um seinen Kindern eine echt jüdische Erziehung angedeihen zu lassen. Ein junger Rabbinatskandidat aus Deutschland unterwies dieselben in der modernen und klassischen Literatur, während ein „Bachur" von der Talmudhochschule in Wolosin Vögelchens Brüderchen in die Anfänge der Mischnah und Gemarah einzuweihen hatte. Vögelchen hörte hier öfters zu, und ihre leichte Auffassung und ihr gutes Gedächtniß ließ sie oft die Dinge schneller erfassen, als dies bei dem Bruder der Fall war. Unsere Leser wissen bereits, wie jäh dieses schöne Familienleben unterbrochen wurde, wie eines Nachts wilde Horden kamen, den Vater niedermetzelten, die Fabrik anzündeten und den kleinen Knaben raubten. Als Bettlerinnen mußten Mutter und Tochter aus dem Orte ziehen, in dem sie beinahe Fürstinnen gleich gelebt hatten, nichts mit sich nehmend, als den treuen unerschütterlichen Glauben, daß es Gottes heiliger Wille gewesen, der die Dinge so gestaltet, und daß Er es ist, der auch die Zeiten wieder zum Guten zuZ ändern '^vermag. Die Mutter, durch die Ereignisse zu schwach geworden, eine weite Reise zn unternehmen, begab sich zu einer entfernten Verwandten nach Wilna, wo siegeln kümmerliches Dasein führt. Die Tochter hingegen wurde vom Auswanderungskomitee mit allem Röthigen versehen, damit sie nach New-Dort fahren und sich dort irgend eine Stelle suchen solle. So kam sie glücklich auf den Lloyddampfer, wo wir sie in der Bemühung begriffen finden, Herrn Meyer zu ihren Ansichten zu bekehren. Und ihre Bemühungen hatten Erfolg. Wenn der ältere gereifte Mann bei dem Erforschen der Wahrheit sich durch keinerlei Aeußerlichkeiten bestechen läßt, so kömmt es bei dem noch unreifen Jüngling sehr darauf an, in welchem Gewände und in welcher Form die Lehren, die er in sich aufnehmen soll, ihm zugänglich gemacht werden. Und da so viel Schönheit und Bildung, verbunden mit Charakterstärke und UeberzeugungStreue in Vögelchen sich vereinten, so konnte es nicht fehlen, daß der junge Meyer sich gar bald zu ihren Ansichten bekehrte. Er lernte in den wenigen Tagen der Nebersahrt mehr vom Judenthum und jüdischen Wesen kennen, als er während seiner ganzen Schulzeit in Deutschland von diesen Dingen erfahren hatte und es stand bei ihm unerschütterlich fest, daß er in der neuen Welt das jüdische Gesetz unter keinen Umständen preisgeben dürfe. Immer mehr näherte sich die „Fulda" New-Aork. Da ruht sie vor uns, die Millionenstadt, in ihrer mächtigen Pracht und Herrlichkeit, wie ein orientalisches Märchen, wie im Traum aus Tausend und eine Nacht! Da glitzern und schimmern die Massen der weißen Segel < Schwänen gleich, ün Sonnenglanze auf den weiten Wasserarmen, welche die Riesenstadt umfangen halten, da schießen die zahllosen Eisenbahnzüge an den Ufern hin, und die Dampffähren, diese altberühmten, schwimmenden Paläste, durchfurchen mit ihrer breiten Brust die Wellen und ihre Balanciers tanzen in ewigem Spiel auf und nieder und treiben, selbst vom Dampf getrieben, die mächtigen Schaufelräder. Da erhebt sich ein Wald von Masten, bewimpelt und beflaggt, mit eingezogenen Segeln und zwischen ihnen ruhen die schwarzen Riesenleiber der transatlantischen Dampfer! Aber alles entschwindet gegen den Mittelpunkt des Bildes, gegen die wogenumspülte Insel Manhattan, aus deren Rücken sich die hunderttausend Häuser von New-Iork befinden. Es ist ein Bild so großartig schön, daß man wieder und immer wieder in stummes Anschauen und Bewundern versinken muß und man sich vergebens bemüht, die einzelnen farbenprächtigen Scenen vor dem inneren Auge feftzubannen. „Neapel sehen und sterben", sagt der vaterlandsbegeisterte Italiener, und es ist wahr, man steht dort auf einem gesegneten Fleck Erde; gleichwohl kann der New-Dorker Hafen den Vergleich mit dem neapolitanischen Golfe getrost aufnehmen. Freilich dort erzählt das Menschenwerk von vergangener Zeiten Herrlichkeit, die Gegenwart deutet auf Ver-

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