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Der Israelit · 1898-01-27 · Heft 8 (27.1.1898) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 8 (27.1.1898)
Date
1898-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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140 — wo ist da der „Glaubender „uns" zusammenhält? Und was ist der Sinn des^in demselben Athem'ausgesprochenen Satzes: „Die Wissenschaft macht uns frei"? Welche Wissenschaft macht hier frei? Doch nicht die Jurisprudenz oder die Medicin? Doch nur eine ihre Schranken verkennende Naturwissenschaft und die von vorgefaßten Meinungen ausgehende Bibelkritik, die aber bei denjenigen den „Glauben" zerstören, die ihre Widersprüche und Trugschlüsse nicht durchschauen! Wo bleibt da der zusammenhaltende Glaube? Weniger unklar als bezeichnend ist es, wenn in der Begrüßungsrede an den Congreß, nachdem die „enge Verbindung der modernen Juden mit den conservativen" als ein Triumph des Zionismus gefeiert ist, es dann weiter heißt: „da sich dieses Ereigniß ohne Concessionen an den Intellekt vollzogen hat, ist es ein Beweis für das Volksthum der Juden." Wenn die Worte richtig wiedergegeben sind, so können sie nur den Sinn haben, daß die „Conservativen" keine Eoncessionen an die vermeintlichen Ergebnisse der „befreienden" Wissenschaft zu machen brauchten, um sich mit den „Modernen" zu verbinden, und diese sie auch nicht als Vorbedingung für die Verbindung forderten, daß deßhalb das Bewußtsein der gemeinsamen Abstammung trotz des bestehenden conträren Gegensatzes der Ueberzeugung das einigende Moment sei. Ich erlaube mir nur deßhalb die Anführung dieses Satzes, um Ihnen zu zeigen, daß von einer - Aenderung der religiösen Anschauungen der „Modernen" hier nichts zu Tage tritt. Nur noch einen Passus gestatte ich mir anzuführen, aus dem die totale Verständnislosigkeit für das Wesen des Judenthums und des jüdischen Geistes bei diesen staatgründenden Erwägungen in trauriger Kraßheit hervortritt. Bei Besprechung der Möglichkeit, die Bewegungen der Menge zu reguliren, bemerkt der Herr Verf. S. 62. „Brauche ich das Phänomen der Mengen und wie man sie nach beliebigen Punkten zieht, auch noch an den frommen Wanderungen zu erklären? Ich möchte Niemandes'heilige Empfindungen durch Worte verletzen, die falsch ausgelegt werden könnten. Nur kurz deute ich an, was in der mohamedanischen Welt der Zug der Pilger nach Mekka ist, in der .katholischen Welt Lourdes und so zahllose andere Punkte, von wo Menschen durch ihren Glauben getröstet heimkehren, und der heilige Rock zu' Trier. So werden auch wir dem liefen Glaubensbedürfnisse unserer Leute Zielpunkte errichten. (!!) Unsere Geistlichen werden uns ja zuerst verstehen, (!) und mit uns gehen. Wir wollen drüben jeden nach seiner Fa^on selig werden lassen. Auch und vor allem unsere theueren Freidenker, unser unsterbliches Heer, das für die Menschheit immer neue Gebiete erobert." Nein, verehrter Herr Doctor, unsere Geistlichen, sofern sie jüdische sind, unsere Rabbiner werden Sie nicht verstehen! Jede Fiber unseres Wesens sträubt sich bei dem Geoanken an die Creirung jüdischer Wallfahrtsorte, bei dem Gedanken an religiöse Veranstaltungen, die dem „Glaubensbedürfnisse" — „unserer Leute" dienen sollen, also der Menge, im Gegensatz zu der sich geistig frei dünkenden oberen Gesellschaftsschicht! Bei den einstigen drei Wanderfesten war jeder Mystik vorgebeugt. Die Verpflichtung zum Hinaufziehen nach Jerusalem erstreckte sich nur auf die Männer; auf diejenigen Glieder der Nation, die ein Hauptcontingent zu den genannten Veranstaltungen stellen, auf Frauen, Kinder, Krüppel, Schwache, Kranke erstreckte sie sich nicht. Für Verfassung und Gesetze dieses Staates soll die „Society of Jews," wenn die Verwirklichung näher rückt, die Vorarbeiten durch ein Juristencollegium machen lassen. „Es müssen moderne Gesetze sein, auch da überall das Beste zu verwenden." Für die Aufrechthaltung der Ordnung nach Außen wie nach Innen giebt es ein mit sämmtlichen modernen Kriegsmitteln ausgerüstetes Berufsheer. Als Fahne denkt sich der Herr Verf. (S. 76) eine weiße Fahne mit sieben goldnen Sternen. Das weiße Feld bedeutet das „neue, reine Leben" und die sieben goldenen Sterne den siebenstündigen Arbeitstag, das mächtige Anziehungsmittel für die Arbeiter. Juristencollegium? Fürsorge für die Arbeiter? W e r hat denn zuerst den Arbeiterschutz proclamirt? — Und ein Beru fsh eer? Verlangt denn nicht der jüdische Staat ein Volks Heer? — Moderne Gesetze? Das Beste aus der Gesetzgebung der Gegenwart? Brauchen w i r aus der modernen Gesetzgebung diejenigen leitenden Grundpinzipien zu entlehnen, die ja gerade der Thora entnommen sind? Was in der modernen Gesetzgebung das Wahre und Gute erhält und fördert, das ist ja das Ewige und Dauernde, das seinen Urquell in dem uns zur Wahrung und Verwirklichung gegebenen Gottesworte, der Thora, besitzt und von da aus seinen Siegeszug durch die Welt bereits angetreten hat.' (Schluß in der ersten Beilage.)

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