Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1898)
- Date
- 1898-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448866--45344-2495602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gesprochen und wird bei jeder Erwähnung der In« besitznahme des Landes wiederholt, daß Gott es uns gebe, daß wir es nicht unserer Tapferkeit und unserer Klugheit, sondern lediglich Gott zu verdanken haben. Mit nicht minderer Deutlichkeit und Eindringlichkeit wird stets darauf hingewiesen, daß es uns nur verliehen werde, um dort zu unserem Heile und als Beispiel für die Menschheit in treuer Erfüllung des gesammten Gottesgesetzes das edelste Menschenthum zu verwirklichen, in gottgefügter Folge dessen das Land in Paradiesesherrlichkeit aufblühen und den Völkern den Ansporn geben werde, sich gleichfalls solches Segens theilhaftig zu machen. Daß ferner auch die Dauer seines Besitzes an die Erfüllung dieser Bedingung geknüpft sei, daß wir nur durch diese Erfüllung es bewirken, daß „das Land uns nicht ausspeie." In den großen Geschickesverkündigungen in Lev. und Deut., in vpra und v >cn sind in erschütternder Einzelausführung die für den anderen Fall unabwendbaren Katastrophen der Zerstörung des Staates und der Entfernung aus dem Lande und das Elend im Exile in seinen einzelnen Phasen verkündet, verkündet ferner, daß, wie das Elend nur durch unsere Untreue gegen unseres Gottes Gesetz veranlaßt, von Ihm gefügt sei, ebenso wir nur durch aufrichtige Rückkehr zum Gottesgesetze die Erlösung aus dem Exile und die Heimkehr in das verheißene Land unserer Bestimmung erhoffen können, das unserer Heimkehr harre, der Heimkehr seiner geläuterten, auf die Höhe ihrer Bestimmung erhobenen Söhne und Töchter. Mit jedem Morgen und jedem Abend erinnert uns das Sch'ma an diese Festsetzung. „Und es wird geschehen," so heißt es in Deut. 30, 1 ff., „wenn über dich gekommen sein werden alle diese Worte, der Segen und der Fluch, die ich vor dich hingegeben habe, so wirst du es dir zu Herzen bringen unter allen Völkern, wohin Gott dein Gott dich verwiesen, und wirft ganz bis zu Gott deinem Gotte zurückkehren und auf seine Stimme hören, nach allem was ich dir heute gebiete, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele: dann wird auch Gott dein Gott sich wieder zurückwendend deine Vertriebenen aufsuchen und wird sich deiner erbarmen." — Und das Wort der Propheten wird nicht müde, immer wieder die Wahrheit ins Bewußtsein zu rufen, wie der Abfall des verblendeten Volkes vom Gesetze den Untergang des Staates, den Verlust seiner politischen Selbständigkeit und die Entfernung vom heimischen Boden zur unabwendbaren Nothwendigkeit mache für die Rettung des Volkes vor gänzlichem Untergang, für die Rettung des Gotteswortes aus der andauernden Entweihung durch den unjüdischen Judenftaat, für die Rettung des geknechteten gesetzestreuen Kernes des Volkes aus der Unterdrückung durch die abgefallene herrschende Mehrzahl, kurz wie das über Jerusalem hereinbrechende Strafgericht, die Zerstörung Jerusalems, der Untergang des unjüdisch gewordenen StaateS, die einzige Rettung — Zions sei, wie dies in den Worten ausgesprochen ist: men p«! Und da wollten, könnten wir glauben, das Exil, diese weltgeschichtliche Erziehung Israels, könnte enden, während wir noch fern, in weiten Kreisen vielleicht ferner als je wären von dem Ziele, zu dessen Erreichung wir ins Exil geschickt sind? Könnten wirklich meinen, die Errichtung eines Staates wäre das anzustrebende Ziel? Müßten uns nicht fragen: wenn nun der Staat wieder erstünde und politische Selbständigkeit uns in Palästina verliehen wäre, wir aber kämen als die Alten zurück, könnte ein solcher Staat Bestand haben, müßte er nicht, um der Entweihung des göttlichen Namens ein Ende zu machen, noch rascher von der Erde schwinden, als er entstanden? Und nun gar ein Staat, wie er der zionistischen Bewegung als Ziel vorschwebt! Unter hunderttausend Zionisten kann ja natürlich im Haupte eines Jeden ein anderes Bild von diesem Staate leben. Wir sind deßhalb darauf angewiesen, aber auch vollkommen berechtigt, unser Urtheil über den Charakter dieses Staates auf die bedeutungsvollen Darlegungen des Hauptvertreters der Staatsidee zu gründen. Was sollen wir gesetzestreuen Juden dazu sagen, wenn ez. B. S. 75 in der angeführten Schrift heißt: „Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube l'ält uns zusammen, die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher theokratifche Velleitäten (?) unserer Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer und Clerus sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre schönen Funktionen erfordern und verdienen. In den Staat, der sie auszeichnet, haben sie nichts dreinzureden, denn sie würden äußere und innere Schwierigkeiten heraufbeschwören." Ich beschränke mich darauf, nur dem ersten Satze gegenüber — denn die anderen reden an sich eine beredte Sprache — die auf jedem Standpunkt berechtigte Frage zu stellen: Was heißt das: „der Glaube hält uns zusammen"? Welcher Glaube? Den Einen ist die Offenbarung der Granitgrund ihres Lebens, den Anderen ist sie eine fromme Legende, den Einen ist das Gesetz Gotte sgesetz, den Anderen das Werk kluger Priester, die Einen glauben an den lebendigen persönlichen Gott, die Anderen glauben vielleicht schon ein Opfer des Intellekts gebracht zu haben, wenn sie aus Atheisten Deisten geworden sind