Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1898)
- Date
- 1898-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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124 ** Berlin, 20. Jan. Auch Liebermann von Sonnenberg, der bisherige antisemitische Protvgder Konservativen, hat es jetzt mit denselben gründlich verdorben. Die „Kons. Korr." druckt zustimmend eine Auslassung des Organs des Landesvereins der Konservativen in Sachsen ab, worin über ihn, den antisemitischen Parteiführer, der Stab gebrochen wird. Wegen einer Rede, die er kürzlich über die Stellung der deutsch-sozialen Reformpartei zu den Konservativen bei den nächsten Wahlen gehalten hat, wird ihm das Prädikat eines maßvollen und rechtdenkenden Politiker» feierlich aberkannt, und gegen den Judentödter par excellence wird die Beschuldigung erhoben, daß er ein Partner und Bundesgenosse des „verjudeten" Freisinn» und der Sozialdemokratie geworden sei. Da» ist freilich wohl da» Schlimmste, wa» man einem so stammechten Judenfresser nachsagen kann. "* Geldern, 20. Jan. Da» Märchen des Ritualmordes ist am Niederrhein wieder aufgebracht worden. Eine israelitische Frau Hertz in dem Orte Issum, Kreis Geldern, rief den aus der Schule kommenden neunjährigen Knaben Karl Hilb an, um sich von ihm einige Lampengläser besorgen zu lassen. Während die Frau die Lampen herbeiholen wollte, lief der auf dem Hausflur harrende Knaben davon und erzählte seinen Eltern und Schulkameraden, die Schulkameraden haben ihn „koschern" (schlachten) wollen. Der Vater, der Weber Wilhelm Hilb, brachte die Sache zur Anzeige und in Issum entstand eine „bedrohliche" Aufregung. Vor dem vernehmenden Bürgermeister Heckmann machte der Knabe überraschend detaillirte Angaben über dagegen ihn geplante Attentat. Natürlich verwickelte sich die kindliche Phantasie in Widersprüche, und der junge Lügenbold gestand nach wiederholter Vernehmung ein, daß alle» erdichtet sei. Frau Hertz mußte sich zur Bekräftigung der von ihr gemachten Angaben sogar eine ärztliche Untersuchung gefallen lassen. Indessen ist dem energischen Eingreifen de» Bürgermeisters die schnelle Erledigung der Angelegenheit zu danken. Die Autisemitenblätter richteten sich schon für zweckentsprechende Vrrwerthung des „Falles" ein. Wenigstens schrieb das Krefelder Organ dieser Partei, e» seien, ähnlich wie seinerzeit bei dem Tantener Mord, einige fremde Juden in der Nähe von Issum verhaftet worden. Man sieht, die Exposition war richtig geschaffen, nur die Weiterführung klappte nicht. 18. Jan. pantro pam by ^>an. Diese» Midraschwort zu mm -c hatten wir Ursache, auf den Hingang de» Mose» V. Leer» anzuwenden. Mit ihm hat ein an Tugenden reiche», durch Liebe und Verehrung verschöntes Leben abgeschlossen, daes wohl verdient, in diesen geschätzten Blättern der weiteren Oeffenllichkeit als Muster hingestellt zu werden. — In seinem Hause der friedliebende, treue Gatte, der liebevolle Erzieher seiner Söhne und Töchter, war er in der Gemeinde die Verkörperung der alt-jüdischen Sitte, der strengen Pflichterfüllung. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm unser hochwürdiger Landrabbiner Dr. L ö b in Emden n zu seinem 85jährigen Geburtstage die nan-Würde. Der edle Todte war aber auch von echt "i nai' erfüllt und handelte ganz im Sinne des “pkt iw bzh narr. Bis vor zwei Monaten besuchte er täglich früh und spät die Synagoge und freute sich den^ax nHe> vertreten zu können. Wie leid that es ihm, daß er den letzten Fasttag nicht Hallen durfte! Wie streng hielt er ans dto mp! Wie hütete er sich, außerhalb der nav etwa» zu genießen! Gottes Schickungen, die auch ihm nicht erspart blieben, ertrug er in jüdischer Ergebung. Er war ein Freund der Thora und ihrer Vertreter. Gewissenhaft in seinem geschäftlichen Verkehr, hatte er einst die hohe Ehre, des Besuches des hochseligen Kaisers Friedrich, der sich als Kronprinz seine Antiquitäten ansah. Ganz bescnders hat er sich um die hiesige Gemeinde dadurch verdient gemacht, daß er mit einigen anderen wackeren Männern den Wohlthätigkeits- und BeerdigungSoerein ins Leben gerufen. Seit der Gründung stand er dem wohlthätig wirkenden Verein als erster Vorsteher mit völliger Hingebung, Ausdauer und treuester Pflichterfüllung vor. Er griff bei den btcct poy selbstthätig ein und sorgte für eine würdige, feierliche Bestattung der Toten. Die Armen hatten in ihm einen warmen Fürsprecher und willigen Helfer. Dabei war er anspruchslos und bescheiden, gegen sich streng und enthaltsam, gegen andere nachsichtig und mild. Bis zu sein 85. Jahre war er rüstig, frisch und täglich seinem Geschäfte obliegend. Da befiel ihn die Schwäche, der er nicht mehr Herr zu werden vermochte. Aber getreulich verrichtete er die Tefilloth und Berochoth. geistig klar, bis zum letzten Athemzuge, der überraschend schnell vollzogen war. Wie ein Patriarch hat er gelebt, wie ein Patriarch ist er dahingeschieden, wenige Stunden vor Sabbat. Auch auf ihn läßt sich sagen: npi rßnna wpistai vnrtea «n ,7wv kh s]io. Seiner Botschaft und Frömmigkeit blieb er getreu vom Anfang bi» zum Ende. n'azxri. ** Fulda, 20. Jan. Die hiesige israelitische, 566 Seelen zählende Gemeinde ist in die Lage versetzt, vom 1. Oktober d. Js. ab eine zweiklassige Elementarschule errichten zu können. Dieser Aufschwung bedingt den Neubau eines Schulhauses, der auch schon auf dem Submissionswege vergebet! ist. Der Bauplatz, den die Stadt in liberaler Weise zu Mk. 2,50 per Quadratmeter der israelitischen Kultusgemeinde überlassen hat, liegt an der verlängerten Vrauhausstraße auf einem hochgelegenen Terrain,