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Der Israelit · 1898-01-20 · Heft 6 (20.1.1898) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 6 (20.1.1898)
Date
1898-01-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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114 jener Hauptzug der Familien-Anhänglichkeit, des Familien-LebenS, der so fest Wurzel gefaßt hatte, uns nicht mehr eigen? Darauf ist zu crwiedern: Der Charakter des wahren Juden ist sich zu jeder Zeit gleich geblieben, aber wahre Jehudim, wie ehedem, wahrhaft glückliche Menschen, wie vormals, zufriedene Sabbat-Menschen, deren giebt es leider nur noch sehr wenige. Der schöne Charakterzug des Juden, die Strebsamkeit, sie ist ausgeartet, und, indem sie über ihr Ziel hinausschoß, sich verirrte und in Sucht nach dem Fremden ausartete, ward sie zu einer Untugend, zu einem Krebsschaden in unserm Fleische. Denn fortgeriffen vom Trubel des Materialismus, machte gar mancher seinen Geist dem körperlichen Irdischen dienstbar, er begnügte sich auch nicht mehr mit dem seligen Wonnegefühl froher Häuslichkeit, nicht mehr mit dem Glücke, in seiner Familie seinen Rang einzunehmen; er wollte neben seinem ihm von Gott geschenkten Geistesadel auch in der Welt etwas gelten, kümmerte sich um die Händel der Welt, mischte sich unter die Weltmenschen, lebte mit ihnen, strebte mit ihnen, folgte ihren Gewohnheiten und fröhnte ihren Leidenschaften. Und es lockerten sich jene edlen, schönen Bande, es verfiel jenes herrliche, traute Heim, und unsere Brüder, die nach weltlichen Ehren trachteten, haben sich von ihrem Ziele entfernt und das edelste Geschmeide von sich geworfen. Das Wort des Propheten: 1*20 rvn “jBaa D'oa. ,Dein Silber ist zu Schlacken geworden, dein Trank verfälscht durch Wasser" hat sich in jeder Hinsicht bewahrheitet. Unsere tiefsinnigen Gebräuche sind vielen der Unsrigen fremd geworden, man hat sich ihrer cntäußert und Fremdes, Gehalt- und Geistloses an dessen Stelle gesetzt. Darum ist es wohl an der Zeit, uns in das Denken und Fühlen jener vergangenen Tage zu versetzen, das Charakteristische jener Vergangenheit uns zu vergegenwärtigen und in pietätvoller Weise an den Gepflogenheiten unserer Voreltern uno von ihnen überlieferten Sitten und heiligen Gebräuchen uns zu erbauen. Eben diese Sitten uno Gebräuche sind es ja, in denen sich das Seelenleben der Menschen widerspiegelt, in ihnen zeigt sich das ganze Dichten und Trachten eines Volkes. Führen wir uns einige Scenen aus dem alrjüdischen Leben vor, wir gedenken dadurch der Alten ehrenvoll, und es wird in uns die Hochachtung für sie erweckt, die unsere Väter und Mütter in so hohem Maße verdienen. Möge ihnen, wenn auch nicht Denkmäler aus Stein und Erz und Bildsäulen aus Marmor ihre Gräber bedecken und uns ihre irdischen Gesichtszügen erhalten, ein um so dauernderes, allen Stürmen trotzendes Andenken im Geiste dadurch gesichert bleiben und mögen wir durch dasselbe in unserer Pietät und unserem religiösen Leben gestärkt und befestigt werden! Versetzen wir uns in die Zeit des Mittelalters l und beobachten wir einmal, wie unsere Alten der Vorschrift des Kiddusch Lewanah, die auch wir heute noch allmonatlich mit Begeisterung vollziehen, nachgekommen sind. Es ist ein kalter Winterabend, wir befinden uns draußen an einsamer Stelle, heulend weht der Nordostwind und fegt und jagt den Schnee und pfeift durch die dürren Aeste der kahlen Bäume. Da tritt der Mond hervor aus den Wolken, er wirft sein sanftes Licht auf eine Gruppe Männer und Kinder. Gebeugte Greise, zarte Kinder, sie scheuten nicht die grimmige Kälte; a^p pn mnh oträh freudevoll und wonnevoll zu erfüllen den Willen ihres Schöpfers, wandeln sie hinaus in heiliger Abendstille, um ungestört und unbelästigt von dem Fanatismus der rohen Menge ihrem Gott Dank zu spenden, dort unter freiem Himmel, im Anblick des unermeßlichen Weltenraumes, im Hinblick auf jene ewigen Lichter, die immerfort hell glänzen und leuchtend strahlen und der Welt das Walten eines ewigen Geistes, eines gütigen, allmächtigen Schöpfers künden und lehren. In seltsam wehmüthigem Tone beten jene Andächtigen die Allmacht an, danken ihrem Herrn da droben dafür, daß er sie den neuen Monat hat erleben lassen und sie vielleicht dem Tage genähert, an dem sie menschenwürdiger behandelt werden. — Bekannt ist jene schöne Legende des Talmuds, auf die jenes Gebet Bezug hat. Vergegenwärtigen wir uns dieselbe aber: (Anmerk.: Die Fassung dieser Legende ist Dr. Stern's Vortrag über den Talmud entnommen.) „Vom Rathe des Ewigen ging die schaffende Stimme aus. Zwei Lichter sollen am Firmamente glänzen als Königinnen der Erde, Entscheider der vollendeten Zeit! Er sprach das Wort, es ward. Auf ging die Sonne, das erste Licht. Wie ein Bräutigam am Morgen aus seiner Kammer tritt, wie der Held sich freut auf seiner Siegesbahn, so stand sie da, gekleidet in Gottetzglanz. Ein Kranz von allen Farben umfloß ihr Haupt, die Erde jauchzte, ihr dufteten die Kräuter, die Blumen schmückten sich. Neidend stand das andere Licht und sah, daß es die Herrlichkeit nicht zu überglänzen vermochte. Was sollen, sprach Luna murrend bei sich selbst, zwei Fürsten auf einem Throne? Warum mußte ich die zweite und nicht die erste sein? Und plötzlich schwand, von innerem Gram verjagt, ihr schönes Licht hinweg. Hinweg von ihr floß es, mit in die Lüfte, und ward das Heer der Sterne. Wie eine Todte bleich, stand Luna da, beschämt vor allen Himmlischen und meinte : Erbarme Dich Vater der Wesen, erbarme Dich. Und Gottes Engel stand vor der Finsteren, er sprach zu ihr des Heiligen Worte: Weil du das Licht der Sonne beneidet hast. Unglückliche, so wirst du künftig nur von ihrem Lichte glänzen, und wenn dort jene Erde vor dich tritt, so stehst du halb und

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