Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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107 ist sie gegen Geistliche eingeschritten, die von der Kanzel herab oder im Confirmandenunterricht die Juden beschimpften. Auch beim Polizeipräsidenten ist sie und zwar mit Erfolg dahin vorstellig geworden, daß gewisie Flugblätter unterdrückt wurden. — Der erstattete Kassenbericht wies eine Einnahme von 40,335,48 Mark, eine Ausgabe von 39,006,13 Mark und neben einem Ueberschuß vnn 12b9,35 Mark ein disponibles Vereinsvermögen von 21,000 Mark auf. ER. Berlin, 18. Januar. Zur Feier des hundertjährigen Bestehens des Miethevereins der jüdischen Gemeinde Chebrath Ohel Jescharim fand am 15. Januar nach Ausgang des Sabbats in der Synagoge Lindenstraße ein Concert statt. Auf Anordnung des Gemeindevorstandes erschien man bedeckten Hauptes. Eingeleitet wurde die Feier durch Bachs Orgelfuge in A-moll von dem Organisten Herrn H. Deckert. Der a eappsIIa-Chor der kgl. akademischen Hochschule für Musik sang den von Felix Mendelssohn eomponirten hundertsten Psalm, ferner eine Motette von Marx Stange, „Wo der Herr das Haus nicht bauet." Professor Joachim spielte die 0-äur-Romanze von Beethoven und Schumann's Abendlied, vereint mit Herrn F. Schleicher ein Adagio von Spohr und ein Largo von Bach. — Fräulein Jda Hiedler sang die Arie „Höre Israel" aus Elias mit dem Schluß: „Denn ich bin der Tröster" und ein Lied von Raff: „Sei still." — Max Bruchs „Kol nidre" war die einzig spezifisch jüdische Composition, die von unserem Glaubensgenossen, Herrn Grünfeld, prachtvoll gespielt wurde. Es scheint, daß die Orgel nicht allzuviel jüdische Gesänge verträgt. Frankfurt a. M. Mittwoch, den 12. Januar hielt Herr Dir. Dr. Hirsch im Ben - Usiel - Vereine einen Vortrag über den Zionismus. In formvollendeter Weise motivirte er die ablehnende Haltung der orthodoxen Kreise. Er sagte, daß er ein Anhänger des Colonisationsgedankens sei. Die modernen Zionisten aber bezwecken mit ihrer Bewegung die Gründung eines Judenftaates. Die Gründe, die den Baseler Congreß veranlaßt haben, das Wort „Judenstaat" in ihrem Programm zu vermeiden, seien sattsam und zur Genüge bekannt, aber äe facto wünschen die Zionisten die Gründung eines Judenftaates. Der Gedanke des Judenftaates verletze mit Recht die Gefühle aller Strenggläubigen, denn für sie ist das Wort Zion mit dem göttlichen Gesetz identisch, während wir hoffen nmri turn snn daß aus Zion die Strahlen der Thora der Welt entgegen leuchten werden, sei aus dem zionistischen Zion die Thora längst hinausgegangen. Redner brachte hierauf einige Stellen aus den Propheten, aus denen klar ersichtlich ist, daß unsere Rückkehr nach Zion von unserer moralischen und geistig-sittlichen Besserung abhängig sei, und daß die Besserung schon wirklich eingetreten sei, werden auch wohl die eifrigsten Sachwalter des Zionismus nicht behaupten. Er bewies auch, daß in dem Hauptwerke des Zionismus, in dem Werke des zionistischen Organisators, ein unjüdischer Geist herrsche. Er brachte hierauf aus dem Herzl'- schen „Judenstaat" folgende Stelle: „Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein. Der Glaube hält uns zusammen. Die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher theokratische Velleitäten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln feftzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhatten werden." Redner fragte hierauf, welcher Glaube es sei, der uns zusammenhält? Alles was uns heilig ist, wird doch von den zionistischen Führern mit Füßen getreten. Vielleicht der Glaube an Gott? Unser Gott ist nicht ihr Gott. Unser Gott ist der Gott der Ueberlieferung, von dem doch die Zionisten nichts wissen wollen. Welche Wissenschaft ist es, fragte er hierauf, die uns frei macht? Vielleicht Medizin, Jura oder vielleicht gar Astronomie? Wie unjüdisch die Anschauung ist, daß wir die Geistlichen, die geistigen Führer, in den Tempeln festhalten werden, braucht wohl nicht näher auseinandergesetzt zu werden. Noch eine andere Stelle zeugt für diese Behauptung. Herzl schreibt: „Was in der mohamedanischen Welt der Zug der Pilger nach Mekka ist, in der katholischen Welt Lourdes rc., so werden dem liefen Glaubensbedürsnisse unserer Leute Zielpunkte errichtet werden." Ist dies jüdisch? Er kritisirte hierauf einige Sätze des Baseler Congresses. Mit feiner Ironie, wies der Redner nach, daß die Uebersiedlung doch nicht so ohne alle Schwierigkeiten vor sich gehen werde, wie dies Herzl uns glauben machen möchte. Im weiteren Verlaufe seines gediegenen Vortrages kam der Redner auf die sogenannte Judennoth zu sprechen. Die orthodoxen Juden,, meinte er, empfänden gar nicht so bitter die gesellschaftliche Exclusivität, da sie nach einem intimen Verkehr mit Andersgläubigen sich nie sehnten. Ferner besitzen sie ihren Glauben, durch den sie alle Anfeindungen geduldig ertragen. Es wäre daher Kleinmuth, wenn sie alles im Stiche ließen und nach Jerusalem gingen, denn die heutige Judennoth ist wahrlich nicht schrecklicher, als zur Zeit der Inquisition. Es verräth Mangel an Feingefühl, wenn die Zionisten sich beklagen, daß sie trotz aller Bemühungen sich zu assimiliren, trotz aller Liebe, die sie den Andersgläubigen entgegenbrachten, keine Gegenliebe fanden. Er begrüßt den Zionismus aber trotzdem, denn er hat die Fahnenflüchtigen zurückgeführt, und die werden vielleicht, wenn sie das Judenthum kennen werden, auch Juden werden. Der Zio-