Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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106 antisemitischen Zeitungen in Deutschland und Oesterreich, ja auch in Rumänien und Ungarn folgten der in Paris von diesen beiden ausgegebenen Parole blindlings. Ja sie folgten blindlings, sie druckten jede Erfindung gutgläubig ab und unsere deutsche antisemitische Presse ließ sich nicht einmal dadurch stören, daß Drumont und Nochefort gleichzeitig Deutschenhetze im ärgsten Maße mit ihrem Antisemitismus vereinigten. Erst am 12. Januar nach monatelanqem Nachbeten aller Lügen der französischen Antisemitenhäuptlinge fand die Staatsbürgerzeitung den Muth darauf hinzuweisen, daß Drumont auch die Deutschenhetze neben der Judenhetze betreibt. Aber, wie milde dieser Hinweis sanften Bedauerns, daß der französische Gesinnungsgenosse so heftig gegen die Deutschen wüthe, kein Wort kräftiger Abwehr. So blindlings folgte diese Presse der Weisung aus Paris, daß sie selbst das Märchen nachdruckte von den Briefen, die Dreyfus mit Kaiser Wilhelm gewechselt haben sollte, ohne diese Erfindung als das zu kennzeichnen, was sie ist, ein blödes, tölpisches Lügengespinnst, beleidigend im schlimmsten Maße für unfern Kaiser, der mit einem Verräther in Briefwechsel gestanden haben soll. O, unsere Antisemiten sind ja die Pächter der nationalen Gesinnung und des Patriotismus; wo aber ein Jude in Frage kommt, da verstummen nationale Gesinnung und Patriotismus und sie gehen mit dem schlimmsten Deutschenfresser zusammen, um dem Juden eins auszuwischen. Wie oft haben sie von einem internationalen Dreyfussyndikat gefaselt, ohne daß die Presse, die für den Verurtheilten eintritt, auch nur ein wenig jener Einmüthigkeit gezeigt hätte, mit der die antisemitische Presse gegen eine Revision kämpft. Man wird kaum fehl gehen, hierin eine internationale Allianz der Antisemiten zu erblicken. Unzweifelhaft hat die ganze Dreyfusaffaire die antisemitischen Tendenzen in Frankreich nicht geschaffen, aber an das Licht gebracht, wir sind pessimistisch genug der Befürchtung Raum zu geben, daß. unsere Glaubensgenossen in Frankreich in diesen Dingen noch mancherlei böse Erfahrungen machen werden. Darum hat wohl auch Zola das Richtige getroffen, als er von Beginn seiner Dreyfuscampagne an scharf Front gegen den Antisemitismus machte und diese Bewegung auf das energischste bekämpfte, weil sie in Frankreich die Resultate der großen Revolution gefährdet. Möge er sein sowie seiner Freunde Wirken von Erfolg gekrönt sehen, damit nicht unsere Glaubensgenossen in Frankreich aus dem Genuß der vollen Gleichberechtigung gesetzlich oder administrativ verdrängt werden. Zwar hat sich schon in ganz Frankreich, ja selbst in der Deputirtenkammer ein Stimmungswechsel zu Gunsten Dreyfuß' geltend gemacht, aber schon jetzt sind im Heere Anzeichen dafür vorhanden, daß die jüdischen Offiziere thunlichst beschränkt werden in ihrem | Avancement, das war ein erster Schritt auf diesem gefährlichen Wege, mögen unsere Glaubensgenossen in Frankreich bei Zeiten dazu sehen und sich ihrer Haut wehren, ehe es zu spät ist. Videaiit consules. Zeitungsnachrichten und Gorrefpondenzen. Deutschland. Berlin, 18. Jan. Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Bodenkultur soll jetzt in größerem Umfange angebahnt werden. Wie Oberamtmann Ludwig Cohn am Montag in der Generalversammlung des „Centralvereins der Staatsbürger jüdischen Glaubens" mittheilte, hat sich ein „Verein zur Ueberführung der Juden zur Bodencullur" gebildet der Ländereien ankaufen und geeigneten Glaubensgenossen zur Seßhaftmachung überlassen will. Als Grundsatz gilt dabei, daß ein jeder nur so viel Land erhält, als er selbst mit Hilfe seiner Familie bewirthschaften kann, also etwa 15 bis 20 Morgen. Die Tilgung der Kaufsumme soll im Wege der Amortitisalion erfolgen und der Verein bleibt Besitzer des Grundstücks, bis die Schuld abgetragen ist. Besitzt der angehende Landwirth so viel eigenes Vermögen, um den vierten Theil des Kaufbetrages erlegen zu können, soll die Uebernahme eines Rentengutes vermittelt werden. Allerdings muß, wie der Vortragende ausführte, der Jude erst zum Ackerbauer erzogen werden und zwar von Kindheit an. Die übergroße Beweglichkeit und das intensive Vorwärtsdrängen in seinem Charakter harmonisiren wenig mit der monotonen Arbeit des Landwirths, weßoalb auch Hausirer oder heruntergekommene Kaufleute niemals brauchbare seßhafte Bauern werden. Aus diesen Erwägungen heraus ist die landwirthschaftliche Lehranstalt in Ahlem bei Hannover entstanden, die zur Zeit 74 jüdische Knaben von 8 bis 18 Jahren im Gartenbau uno in der Landwirthschaft unterrichtet. Der neu gegründete Verein wird einen Arbeitsnachweis einrichten, um die Gehilfen aus der Ahlemer Anstalt in geeigneten Stellen bis zu ihrer Seßhaftmachung unterzubringen. Zur Heranbildung tüchtiger Bauernfrauen empfahl der Redner die Gründung von jüdischen Haushaltungsschulen. Der hierauf erstattete Rechenschaftsbericht konstatirt ein Wachsthum der Mitgliederzahl im letzten Vereinsjahr um 25 Procent, nämlich von 6400 auf 7900 Einzelmitglieder. Dazu kommt noch eine größere Zahl korporativer Gemeinden, so daß der Centralverein etwa 30- bis 35,000 Mitglieder vertritt. Die große Zunahme der Mitgliederzvhl ist zurückzuführen auf eine rege Agitation in Posen, Hamburg und anderen Städten. — Die Rechtsschutzkommission ist im Berichtsjahre seltener in Anspruch genommen, als in den früheren. Verschiedene Male