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Der Israelit · 1898-01-20 · Heft 6 (20.1.1898) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 6 (20.1.1898)
Date
1898-01-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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106 nismus freilich in seiner jetzigen Form muß ganz verschwunden sein ehe man die guten Früchte ernten kann, die sein Erscheinen möglicherweise zeitigen wird. Treysa, am 12. Jan. (Unlieb verspätet.) Am 9. d. M. fand hierselbst die Einweihung des neu erbauten Schulhouses statt. Zu dieser Feier waren der gesammte Schulvorstand (mit Ausnahme dedienstlich verhinderten Könial. Herrn Landraths), Herr Prooinzialrabbmer Dr. Munk aus Marburg, Herr Kreisvorsteher Wallach aus Ziegenhain, die hiesiae evangelische Geistlichkeit, das Lehrerkollegium der Stadtschule, dre meisten Mitglieder der Synagogengemeinde und viele christliche Bürger erschienen. Nach dem Liede „Lobt froh den Herrn" wurde der Schlüssel von dem Baumeister dem Gemeindeältesten und von diesem dem Lehrer überreicht, der mit Anlehnung an den Vers: rhv ymi *]tm 2c. die Thüre des Hauses öffnete. Nachdem die Schulkinder im Schulzimmer einen entsprechenden Choral gesungen, sprach der Herr Provinz'alrabbiner Dr. Munk an den vorstehenden ptvv anknüpfend, ein tief empfundenes Weihegibet, dem sich eine erhebende religiöse Ansprache anschloß, als deren Fortsetzung von einem Schüler der 14s. Psalm vorgetcagen wurde. In der hierauf folgenden Festrede des Herrn Lehrers Oppen heim wurden die Fragen beantwortet, wozu ein Schulhaus diene und wozu der Bau des nun feierlich eingeweihten Schulhauses Lehrer und Schüler verpflichte; diese Rede klang in dem Liede aus „Danket dem Herrn!" Nachdem der Königl. Lokalschulinspektor, Herr Rektor R o e s e auf unseren Kaiser als den Pfleger oller idealen Güter und den Schirmherrn der Schule hingewie^en hatte, sang die Versammlung die Nationalhymne. Nachmittags wurden die Kinder mit Kaffee und Kuchen bewirthet; Abends fanden sich viele Gemeindemitglieder mit den meisten der Eingangs genannten Gäste bei einem Glase Bier zusammen. — Das Haus ist zweistöckig aus massiven Ziegelsteinen und enthält außer dem allen sanitären Forderungen "oer Neuzeit entsprechenden Schulsaale ein geräumiges Gemeindesitzungszimmer. Während die in jeder Weise würdig verlaufene Einwechungs- Feier gezeigt hat, daß hierselbst zwischen den verschiedenen Confessionen das beste Einvernehmen herrscht, hat die erhebende Rede des Herrn Dr. Munk gerade bei den christlichen Zuhörern einen wahren esn tPH’p hervorgerufen. ** Breslau. Hierselbst haben die Antisemiten jetzt auch Kandidaten ausgestellt, und zwar wurden proklamirt: für Breslau-Ost der Partikulier und Hausbesitzer, frühere Lehrer Schultz-Berlin-Moabit, für Breslau-West der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg. Frankreich. ** Paris, 18. Jan. Die sozialistischen Deputirten richteten ein Manifest an das Proletariat. In der Affaire Dnyfus — so beißt es darin — verlangt das Proletariat nur nach Klarheit. Ueber die Rechtmäßigkeit des ergangenen Urtheils wollen wir uns nicht aussprechen. Die Affaire Dreyfus hat deßhalb so ungeheure Dimensionen angenommen, weil dadurch zwei Klassen der Bourgeoisie, die sonst in der Unterdrückung des Proletariats einig zusammengehen, gegeneinander in Streit gerathen sind. Die beiden Klassen sind Opportunisten und Klerikale. Die Klerikalen möchten die gegen einen Juden ergangene Verurtheilung wegen Verraths ausbeuten, um alle Juden und zugleich alle Protestanten und Freidenker für ehrlos zu erklären. Damit würden sie alle Mitbewerber um die hohen Aemter beseitigen und Frankreich wäre bald der klerikalen Bourgoiste ganz ausgeliefert. Nach alleil Skandalen, die sie koulproiniltirt, möchten durch die Nchabilitirung eines Mannes ihrer Klaffe sich alle rehabilitiren. Das Proletariat hat stets gegen die geheiinen Prozesse prolestirt, das Proletariat protestirt auch heute. Aber dabei inuß es seine Freiheit behalten und darf sich keiner der beiden streitenden Klaffen der Bouogeoiste ausliefern, weder der Partei Reinachs noch der Partei des Grafen de Mun. Die dringendste Gefahr des Augenblicks liegt darin, daß die Reaktion sich des Antisemitismus bedienen will, um den Zorn des Volkes von dem klerikalen Kapital auf das jüdische abzulenken und um die Militärgewalt über die Republik zu stellen. Das Volk darf sich von dem Antisemitismus nicht fangen lassen. Das Volk darf sich auch nicht vor der Oligarchie oer großen militärischen Chefs beugen und die nationale Armee, die alle Bürger umfaßt, nicht verwechseln mit dein Generalstabe, der von Jesuiten rekrutirt ist. ** Paris, 19. Jan. In Paris und den Provinzstädten, namentlich in Marseille, Rennes, Nantes, Montpellier, Bordeaux, Clermont-Ferrand und Lyon dauerten gestern die antlsemilischen Straßenunruhen fort; mehrfach wurden den Israeliten gehörige Geschäfte demolirt. In Nantes wurde das die Synagoge umgebende Gitter abgerissen. In Marseille brachten mehrere Karifleute über ihren Laden die Inschrift an: „Katholisches Geschäft." Der Bürgermeister von Marseille erließ eine Proklamation, in der er die Bevölkerung zur Ruhe mahnt. In Paris sind für den Samstag zwei neue antisemitische Meetings anaekünoigt. Das antisemitische Comü« erklärte: Wenn diese Versammlungen wieder gestört würden, wie das Meeting in Tiooli-VauxhaU, so würden die Antisemiten dafür Rein ach persönlich verantwortlich machen; Reinach möge sich inzwischen als Geisel betrachten. — Zahlreiche Blätter disku-

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