Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ULIX Jahrgang, Erste Beilage;u M 6 -es Jtawtlit“. L«ite«ver Artikel. Der pro;cg Nceykes unü feint KMninns für die Innen. B. Berlin, 19. Januar. Selten hat eine Affaire soviel Aufsehen nicht nur in den betheiligten Kreisen und dem betheiligten Laude, sondern in der ganzen civilisirten Welt gemacht, wie die Affaire Dreyfus. Ueber den thalsächlichen Vorgang sind unsere Leser zur Genüge aus den Taueszeitungen unterrichtet, sie wiffen, daß die Bemühungen eine Revision des Prozesses zu erlangen, in dem der jüdische Hauptmann Dreyfus veruriheilt wurde, sich bisher als ungenügend für diesen Zweck erwiesen haben, daß derjenige Offizier, gegen den die Familie Dreyfus die schwersten Anklagen erhob, den Major Walsin Esterhazy von dem Kriegsgericht sreigespiochen wurde, und daß jetzt dieser den Spieß umdreden und der Familie Dreyfus zu Leibe gehen will. Es kann nicht unsere Ausgabe lein, die Frage hier zu entscheiden: ist Dreyfus schuldig oder nicht? wir begnügen uns sestzustellen, daß jetzt Einstimmigkeit darüber herrscht, daß der Prozeß irregulär geführt worden ist, denn man hat den- Angeklagten verurtheilt, wie jetzt allgemein angenommen wird, aus Grund geheimer Dokumente, die weder er, noch sein Verrheidiger zu sehen bekommen haben. Nach dem Urtheil des einfachen Menschenverstandes mußte deßhalb eine Revision des Prozesses erfolgen, weil eben Unregelmäßigkeiten vorlregen. Die französischen Autoritäten wollen aber keine Revision und sie haben dre öffentliche Meinung und die Massen für sich. Weiter kann es nicht unsere Aufgabe sein zu untersuchen, welche Einflüsse diese Stellungnahme von Regierung und Volk herbeisühren, aber wir müssen das Eine konstatiren und mil lebhaftem Bedauern konstatiren, einer der Beweggründe, die das Volk gegen eine Revision stimmen, ist der, daß Dreyfus Jude ist. Auch das französische Volk ist nun, wie sich zeigt, soweit von den Errungenschaften der glorreichen Revolution von 1789 zurückgekommen, daß es in seinem Fühlen antisemitisch geworden ist. Lange Zeit haben die Antisemiten und die ihnen verbündete klerikale Reaktion das französische Volk bearbeitet, ohne daß man eine Wirkung in der antisemitischen Richtung gesehen hat. Das Denken war eben nicht im Einklang mit dem Fühlen, die denkenden, gebildeten Klaffen, die auf dem Boden der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stehen, waren immer noch die leitenden Kreise und das Volk folgte ihnen ziemlich blind. Man glaubte sich in Frankreich berechtigt, die Antisemiten zu verspotten, die französischen Juden verlachten die Anstrengungen eines Drumont und verhöhnten die Pessimisten, die aus hundert kleinen Anzeichen ein Anwachsen der Reaktion und ihrer gefährlichen Waffe, des Antisemitismus befürchteten. Da kam der Fall Dreyfus und schnell waren die antisemitischen Hetzer dabei ihn au?zubeuten. Die Gegner des Kapitäns, selbst der radikale Kriegsminister Mercier waren ihnen bewußt oder unbewußt dienlich, denn fie benutzten die antisemitische Strömung, um gegen Dreyfus, der gerade ein Jude war, Stimmung zu machen. Ob dieses Opfer ausgesucht wurde, weil er als Jude am leichtesten zu verde den war, oder ob der Antisemitismus nur herangezogen wurde, weil der Änzugreifenve der jüd schen Gemeinschaft angehö 1e, müssen wir wieder offen lassen. Genug, der Antisemitismus batte leichtes Spiel, seine Organe wurden von den offiziellen Körperschaften mit dem Material gegen Dreylus versehen, fie zuerst waren immer in der Lage, belastende Dinge gegen ihn, dem Publikum zu bringen und sie lohnten ihren Auftraggebern reichlich. Die antisemitische Presse in ganz Enropa stimmte in den Chorus ein; „hier ist ein Jude, der hat sein Vaterland verrathen, so sind alle Juden" und in schöner Abwechselung: „alle Juden sind Verräther, also ist Dreyfus auch ein Verräther." Zugleich zeigte sich jetzt die Wirkung der steten antisemitischen Hetze in Frankreich, das Volk wurde sich seines Fuhlens bewußt, verurtheilre Dreyfus um so leichter, weil rr Jude war und weil es den Juden alles Böse zutraute. Das Urtheil fiel gegen Dreyfus, der Unglückliche wurde verbannt nach jenem Deportationsorte, den man bezeichnend die Teuselsinsel nennt. Aber die Sache war nicht zu Ende, Dreyfus hatte immer geleugnet, seine Familie glaubte an seine Unschuld, sie fand Freunde, die sich seiner annahmen, es begann die Campagne für die Revision des P-ozeffeS Abermals machte die antisemitische Presse mobil, wobei sogar wieder Organe des Generalstabes und des Kriegs- Ministeriums, die das frühere kriegsgerichtliche Urtheil zu vertheidigen hatten die Judenhetze ständig oder gelegentlich betrieben. Und sie gingen zum Angriff über, ihnen war die Vertheidigung von Dreyfus eine Judenmache, jeder Vertreter seiner Unschuld Jude oder von Juden erkauft und es ist nicht zu leugnen, daß sie das meiste thaten, die Stimmung gegen DreysuS zu wenden. Drumont und Rochefort waren es, die in diesen Wochen die öffentliche Meinung Frankreichs beherrschten und tyrannisirten und die