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Der Israelit · 1898-01-20 · Heft 6 (20.1.1898) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 6 (20.1.1898)
Date
1898-01-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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noch so gründliche Kenntniß der jüdischen Litteraturgeschichte und der Geschichte de« jüdischen Volkes Ersatz bieten kann, und von der uns kein Rabbinat der Welt — auch das Berliner Rabbinat mit eingeschloffen— dispensiren kann. Wir stehen ebensowenig wie Herr Dr. Maybaum den Thatsachen mit verschlossenen Augen gegenüber, auch wir haben es mit Bedauern seit langem beobachtet, daß die Kenntniß unserer heiligen Thora in erschreckender Weise zurückgegangen, daß die Pflege derselben von Rabbinern ebenso wie von Privatleuten in grauenerregender Weise abgenommen, sollen wir aber deßhalb mit frevlem Nebermuth die Hand schwingen gegen das Heiligthum, sollen wir mit unserer eigenen Äxt unseren Lebensbaum vollständig zu Grunde richten, sollen wir ein Vergehen zur Sünde ausbilden, indem wir unfern Glaubensbrüdern zurufen °. Höre Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur, das ist das Mittel, mit dem du deine Seele rettest; das ist die Antwort, die du geben kannst, wenn nach deinem Ableben von deinem himmlischen Richter dir die Frage vorgelegt wird dto map „hast du für das Thorastudium eine Zeit deines Lebens bestimmt." So hätte ich die Konsequenz gezogen aus dem, was Herr Dr. Maybaum verkündet. Doch ehrlich gestanden, darum war es mir eigentlich nicht so sehr zu thun, als vielmehr um die Konsequenz, die ich aus den Litecaturvereinen überhaupt ziehen möchte. Sollen die Litteraturvereine segensreich wirken, so dürfen sie nur als Mittel zum Zweck angesehen werden; nicht als Selbstzweck kann und soll die Kenntniß der Erzeugnisse unserer Litteratur dienen; es ist meiner Ansicht nach werth- und bedeutungslos, wenn man die Persönlichkeiten und Werke der Litteratur dem Namen nach kennt, wenn diese Werke selbst eine terra iueoKuita sind und bleiben; man hätte damit nichts weiter gethan, als lebendige Wort- und Sachregister geschaffen, und ob das für den religiösen Sinn, für Herz und Geist, für Verstand und Gemüth irgend welchen Vortheil bietet, dies zu beurtheilen kann ich ruhig jedem vernünftigen Leser überlassen. Dafür dem „Lernen" gänzlich den Todesstoß zu geben, wäre Sünde, nein sogar Verbrechen. Das „Lernen" ist und bleibt der die Hauptsache, die wir beachten müssen; die Geschichte und Litteratur sind ein eine Nebensache, welche immer in den Dienst der Hauptsache sich zu stellen hat,* als mar6 mneiß als „Hilfsmittel zur Wissenschaft" soll die Literaturgeschichte dienen, um Liebe und Begeisterung für die nvvi-: zu wecken und zu erregen, um jene, welche durch diese Litteraturvorträge erst in Erfahrung bringen, daß es eine jüdische Litteratur, ja sogar eine hochbedeutsame jüdische Litteratur giebt, hinzuführen zu jenen Schätzen, Die ungehoben, zu jenem Quell, der unversiegbar, zu jenem Born, der seit Jahrtausenden uns erhält und neu belebt, auch dann, wenn Fanatismus und Intoleranz uns zu vernichten drohten. Wenn in diesem Sinne die Lttteraturvereine wirken, dann sind sie ein Segen für das Judenthum, sie werden dann nicht das „Lernen" ersetzen wollen, sondern es zu fördern als ihre höhere Aufgabe betrachten. R. Hetzloch (Kreis Worms). Gestern feierte AronZHerzog und Frau das Fest der goldenen Hochzeit und waren sämmtliche Kinder des Jubelpaares darunter drei aus Amerika und viele Enkel anwesend. Die Feier wurde durch eine gediegene Festrede des Rabbiners Dr. Stern aus Worms in der Synagoge eröffnet, wozu sich viele Bürger der Gemeinde eingefunden hatten. Unter den eingelaufenen Depeschen und Glückwunschschreiben findet sich auch ein solches von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzoge nebst Photographie mit eigenhändiger Unterschrift. Das Jubelpaar ist körperlich und geistig noch sehr rüstig. — Bei dieser Gelegenheit theile ich Ihnen mit, daß in dem nahen Oppenheim Herr N a ch - mann dieser Tage seinen 90. Geburtstag gefeiert hat und zwar bei außerordentlicher Frische. Rußland. ** Petersburg. Die Verhandlung des Prozesses wegen der Judenkrawalle im Flecken Schpota, Gouv. Kiew, hat, wie die „Nig. Ruosch." den „Od. Now." entnimmt, am 18. v. Mts. vor der Delegation des Kiewer Gerichtshofs begonnen. Den Vorsitz im Gerichtshof führt Herr Kusminski, als Ankläger fungirt der Prokuratorsgehülfe Baibakow. Angeklagt sind 60 Personen, als Zeugen sind über 850 Personen vorqeladen. Die Verhandlung findet aut Antrag des General-Gouverneurs des Südwestgebiets bei geschloffenen Thüren statt. ** Petersburg. (Zur Judenfrage.) Es wird gemeldet: Die vom Unterrichtsministerium eingesetzte Spezialkommission zur Revision der bestehenden Gesetze über die Juden habe beschloffen, dem Reichsrathe die Aufhebung der unter Alexander III. geschaffenen prozentualen Beschränkung der Anzahl jüdischer Zöglinge in den höheren Lehranstalten Rußlands vorzuschlagen. Vermischtes. Berlin Seine Majestät der Kaiser haben Allergnädigst geruht: dem ständigen Hitssarbeiter im Auswärtigen Amt, bisherigen Legations-Rath Dr Cahn, einem geborenen Mainzer, den Titel Geheimer Legations-Rath mit dem Range eines Rathes dritter Klasse zu verleihen.

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