Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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101 erwartet man wichtige Vorlagen; es handelt sich um die Erbauung einer großen Synagoge nebst Gemeindehaus vor dem Dammthor, woselbst mit dem Anbau dieses zumeist vornehmen Stadttheils, der größere Theil der Gemeinde sich angesiedelt. Der Vorstand des Synagogenverbandes, dem die Errichtung einer Synagoge zunächst oblag, wollte lange Zeit dieses offenkundige Bedürfniß nicht anerkennen, später aber hieß es, es sehlen uns die Mittel dazu. Kurzum seine Passivität hat verschuldet, daß vor ca. zwei Jahren zum Nachtheil der Gesammtintcressen von privater Seite eine größere Synagoge daselbst (Beneckestraße) errichtet worden ist, in welcher sich auch moderne Bestrebungen geltend machen, unter anderem Abschaffung der Piutim, Aufrufen ohne Namen und willkürliche Veränderung der Minhogim — letzteres nach berühmten Mustern — Einführung der Consirnration (auch für Damen), hier verschämt Religions- Weihe genannt. Die Kundschaft dazu wurde mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln angeworben, Leichencultus mit Pomp wurde eine Spezialität dieser Gründung. Neuerdings ist man weiter in Concurrenz mit dem Synagogen-Verband getreten, indem auch Copulationen ohne Hathoras Kiduschin, des allein zuständigen Oberrabbiners, zum Nachtheil der v>"rn- Caffe vorgenommen werden und soll es auch nicht wundern, wenn die regierenden Herren — die Sache hat sich immer mehr zu einer Macht frage herangebildet — auch die Schechita an sich zu reißen suchen; ob dabei auf „Glatt - Koscher" und besondere Werth gelegt werden wird, bleibe vorläufig dahingestellt. Einigen Herren vom Griinder-Collegium scheint die Sache schon zu bunt geworden sein, sie haben sich geräuschlos zurückgezogen. Wir wollen hoffen, daß die jetzt geplante Synagoge diese Privatgründung beseitigen wird. Finanziell liegt folgender Plan vor: die Gemeinde als Besitzerin der Svnagoge nebst anliegenden Grundstücken, Elbstraße, giebt deren Tarwerth von 200 000 Mk., während der Synagogen-Verband eine gleichgroße Summe beschafft. Damit glaubt man auskommen zu können, wenn der Staat, was in Aussicht steht, den Bauplatz unentgeltlich oder gegen eine billige immerwährende Rente hergiebt. Die Requisiten sind in vorzüglicher Beschaffenheit in der dann eingehenden Synagoge, Elbstraße, reichlich vorhanden. lieber den weiteren Gang dieser Angelegenheit werde ich Ihnen demnächst berichten. H. B. Altenstadt a. Iller, 14. Jan. Am 25. vorigen Monats feierte die hiesige israel. Gemeinde das 150jährige Bestehen der Chewra-Kadischa. Aus diesem Anlaß wurde ein großes Festmahl veranstaltet; Sr. Ehrw., unser hochverehrter Herr Distrikts- Rabbiner Dr. Gr o ß aus Augsburg hatte die Liebenswürdigkeit, die Festrede zu übernehmen. Aus der mit bekannt rhetorischem Geschick gehaltenen Rede entnehmen mir über die Geschichte der hiesigen isr. Gemeinde folgende Daten von allgemeinem Interesse: Die Niederlassung der Juden in Altenstadt bei Jllereichen fällt in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Caspar Bernhard von Rechberg, der in den Besitz der Grafschaft Aichheim, jetzt Jllereichen, gelangt war, nahm am i7. Oktober lv51 in Altenstadt fünf jüdische Familien auf. Am 1. März 1719 wurden wieder mehrere Juden ausgenommen und ihnen Häuser, jedes für drei Parteien, gebaut, gegen ein jährliches Schutzgeld von 20 fl. nebst einer Gans und 2 fl. bei jedem Todesfälle. Es wurde ihnen auch gestattet, eine Synagoge zu bauen und einen Bearäbnißplatz anzulegen. Im Jahre 1802 wurde eine neue schöne Synagoge gebaut, die noch jetzt besteht. Im Jahre 1854 gab es in Altenstadt 250 Juden, im Jahre 1800 nur noch 140 und jetzt etwa 100. In der jüdischen Gemeinde wirkten nach einander vier Rabbiner: R. Joseph Mayer, der kurz nach 1.802, dessen Sohn R. Abraham; der 1837 gestorben ist; R. Mayer Mayer 183/—1857 und R. Schwab 1857—1868. Im Jahre 1747 wurde hier der Verein rnn rib'v:, im Jahre 1822 der Verein Drja ircn und im Jahre 1847 der Verein mm -nobn gegründet. Im Jahre 1876 wurden diese verschiedne Vereine unter dem Namen „Chewra Kädischa" vereinigt." F. ** Schildberg (D as Th orastudium und die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur.) Beim Delegirtentage der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur hat Herr Rabbiner Dr. Maybaum in Berlin in ausführlicher Rede die Litteratur- Geschichtsvorträge als den Ersatz für das „Lernen" i. e. das Thorastudrum begrüßt. Soweit Herr Dr. Maybaum die Nothwendigkeit betont, den größeren Massen unseres Stammes Kennmiß unserer Geschichte und Lireratur zu vermitteln, sind wir ganz und voll mit ihm einverstanden. Auch ich bin von dieser Nothwendigkeit fest überzeugt und wirke auch dafür, seitdem ich als Rabbiner überhaupt wirke. Wenn aber Herr Dr. Maybaum weitergeht, den Literaturvereinen die Kethcr Thauro aufs Haupt setzen will, den Litteraturvereinen zuruft: „Ihr seid durch Eure vierzehntägig oder vierwöchentlich gereichten Portionen jüdischer Geschichte die künftigen Seelsorger für Talmud Thora", dann rufe ich und mit mir viele Gleichgesinnte, die es mit unserer heiligen Thora ernst und aufrichtig meinen, den Litteraturvereinen mit Kassandra zu: „Nimm dein falsch' Geschenk zurück". Das Studium der Thora, und zwar der Thauro schebiksaw ubalpeh, ist eine für ewige Zeiten uns aufgetragene Verpflichtung, für die uns keine