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Der Israelit · 1898-01-20 · Heft 6 (20.1.1898) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 6 (20.1.1898)
Date
1898-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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-s kunft, erst am Ziele der Geschichte winkt, mit aller Energie zurückgewiesen wird, das will ja der Zionismus, soweit es die Rückkehr nach Palästina betrifft, schon in nächster Gegenwart verwirklichen. Wie verhält es sich aber in dieser Beziehung mit den gesetzestreuen Juden? Ist deren ablehnende Haltung eine correkte, gerathen sie mit ihr nicht in Widerspruch mit sich selbst? Zur Beantwortung dieser Frage gestatten Sie mir zunächst mit einigen Worten auf das Wesen und die Genesis des Zionismus einzugehen. Ich beschränke mich darauf, hervorzuheben, daß derselbe in seiner ursprünglichen Gestalt bereits vor mehreren Decennien in Rußland und Rumänien entstanden ist, längst bevor die Zunahme des Antisemitismus in den westlichen Ländern, besonders in Oesterreich, ihm auch dort Anhänger gewann. Jener beschäftigte sich zunächst mit der Pflege der hebräischen Sprache und hatte auch die Colonisation Palästinas, d. h. die Ermöglichung und Förderung der Auswanderung dorthin, als Ziel im Auge. Erst viel später und außerhalb Rußlands verdichteten sich die zionistischen Bestrebungen zum Gedanken an einen jüdischen Staat. „Judenstaat" nennt ihn beiläufig mit vollem Rechte der Leiter der Bewegung, denn ein jüdischer Staat ist der geplante mit Nichten. Die Aenderung vollzog sich dadurch, daß ein ganz anderes Element hinzutrat, das die Führung übernahm und den Gedanken an eine Organisation ins Auge faßte. Es waren dies Männer, die dem jüdischen Leben bisher mehr oder weniger entfremdet waren, die durch die antisemitische Bewegung den Boden verloren hatten und nun, wie auf dem Congreß in Basel ihr Führer es so schön aussprach, „ins Vaterhaus" „zum Judenthum" zurückkehrten. Zur Judenheit, meinte offenbar der geehrte Herr, denn von einer Aenderung in den religiösen Anschauungen der bisher dem Judenthum Entfremdeten ist auf dem Congreß meines Wissens nichts verlautbart. In einer Zeit nämlich, da die confessionellen Gegensätze auch zwischen den einzelnen christlichen Kirchen wieder in ungeahnter Schärfe betont wurden, trat eine Bewegung hervor, ans niedrigen Motiven entsprungen, zuerst in kleinen Anfängen, dann aber künstlich und planmäßig genährt, in der sich Bekenner der verschiedensten Confessionen brüderlich einten: die Bewegung gegen das Judenthum und die Judenheit. Absichtlich und in arglistiger Berechnung vermischte man beide. Ferner schob man jeden moralischen Defekt, der bei einem Juden hervortrat, auf das Judenthum und übertrug ihn auf alle Glieder der Judenheit. Man bemühte sich zu vergeffen, daß die Moralprinzipien des Christenthums lediglich und wörtlich dem Judenthume entnommen sind, und daß somit der einzelne Jude, sowie der einzelne Christ, der schlecht handelt, dies nicht thut weil, sondern obgleich er Jude ist oder Christ. Die antisemitische Bewegung ergriff immer weitere Kreise und äußerte sich je nach dem Milieu in beleidigender Zurückweisung oder in einer Reserve in der dem Juden gegenüber gesellschaftlich eingenommenen Haltung. Weite Kreise der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande sahen sich in ihrem Erwerbsleben schwer geschädigt. Niemand aber sah sich schwerer enttäuscht, als diejenigen Kreise in Israel, die geglaubt hatten, durch Preisgebung des ganzen jüdischen Gesetzeslebens nicht nur die politische und bürgerliche Emanzipation, sondern auch die soziale Gleichstellung, das völlige Aufgehen in die nichtjüdischen Gesellschaftskreise erkauft und sich und den Ihrigen für immer gesichert zu haben. Gerade sie fühlten die wieder aufgerichteten unsichtbaren Schranken viel empfindlicher als die gesetzestreuen Juden, denen die Heilighaltung der Speisegesetze schon ohnehin die Theilnahme an den Tafelfreuden jener Kreise unmöglich und damit den intimeren gesellschaftlichen Anschluß an dieselben erschwert hatte. In größerem Umfang, als man glaubt, nahm die Fahnenflucht — nur höchst uneigentlich so zu nennen, denn die Fahne des Judenthums hatten diese Kreise nie hochgehalten — also der Uebertritt zu. Doch auch dies versagte bei vielen, da mit dem Taufwaffer nicht auch der von den glorreichen Geschlechtern einer nach Jahrtausenden zählenden Vergangenheit ererbte jüdische Typus sich verwischen läßt und zu dem Religionshaß die Racenantipathie hinzugekommen war. Ohnehin aber verräth, auf welchem Standpunkte man auch immer stehen mag, eine wenig vornehme und wenig anständige, vielmehr eine recht niedrige Denkungsart und einen gänzlichen Mangel an moralischem Feingefühl, wer nicht davor zurückbebt, um materieller Vortheile willen oder um Nachtheilen zu entgehen, ein Glaubensbekenntniß abzulegen, das auf ten Lippen des ohnehin rationalistisch disponirten Juden, geschweige denn des aufgeklärten Israeliten, eine Lüge ist und von aller Welt als solche erkannt wird. Alle Charaktervollen, alle Anständigen wiesen deßhalb jeden Gedanken an einen Uebertritt weit von sich. Eine Zeit der Verfolgung und der Angriffe, denen eine Religion oder ein Stamm ausgesetzt ist, macht es ja im Gegentheil für alle tiefer angelegten ihrer Glieder zur moralischen Unmöglichkeit, auch die nur losen Bande zu lockern und zu lösen, die sie mit ihrer Religion und ihrem Stamme noch verbinden. Da vollzog sich denn in vielen Herzen eine Wandlung. Die gesellschaftlich wegen ihrer Stammeszugehörigkeit Geächteten richteten sich auf. Sie erinnerten sich der großen Vergangenheit ihres Volkes, von der sie freilich vielfach nur recht unklare Vor-

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