Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gehobenen Sinnes und innerlich aufrecht auch durch die Zeiten zu schreiten, in denen die ihm aufgebürdeten Lasten seinen Rücken beugen mochten. Dieses Hochgefühl lehrt ihn an sich selbst den strengsten Maßstab legen, lehrt ihn, das Recht seiner nichtjüdischen Brüder heilig zu hallen und ihnen selbst Liebe da nicht zu versagen, wo sein eigenes Recht nicht immer geachtet würde, und im Uebrigen durch treue Erfüllung seiner Pflicht so viel an ihm liegt der Förderung des Menschheitheiles zu dienen. Hier erschien es mir am Platze, den Aufforderungen Folge zu geben, die schon oft an mich ergangen sind, und eine Würdigung derjenigen Bewegung zu versuchen, bei der an die Stelle dieses Hochgefühls, das einen unendlich reichen, wesentlich religiösen Inhalt hat, ein nur auf dem Bewußtsein der Stammeszugehörigkeit beruhendes Nationalgefühl getreten ist. Infolge der Ankündigung dieser Besprechung sind mir in den letzten vierundzwanzig Stunden zahlreiche Briefe und Druckschriften zugegangen, die glaubten, mich über den Zionismus belehren und aufklären und mein Interesse für die zionistische Sache gewinnen zu müssen. Ich bin den geehrten Einsendern aufrichtig dankbar. Ich kann ihnen aber die Versicherung geben, daß es ihrer Bemühungen, um mein Interesse zu erwecken, nicht bedurfte. Der Name, ven die Bewegung führt, sichert ihr die volle Beachtung und ließ mich ihre Entwicklung mit lebhaftem Interesse verfolgen. Meine Verehrten' Nicht ohne tiefen Ernst, lassen Sie mich's nur gestehen, nicht ohne tiefe Bewegung, deren Grund Ihnen im Verlauf meiner Darlegungen klar sein wird, gehe ich an die Würdigung des Zionismus vom Standpunkte des gesetzestreuen JudenthumS. Zion! Wo gibt es ein jüdisches Herz, das nicht höher schlüge bei diesem Worte! Zion — der bloße Name ist ein Accoro, der jede Saite unseres Inneren vibriren macht! Der Gedanke an unsere hehre Mutter Zion läßt vor unseren Augen erstehen die Herrlichkeit des Gottesreiches auf Erden, wo ein Band der Liebe die brüderlich geeinte Menschheit umschlingt. Auf Zion thront das Gotteswort, von Zion soll seine Herrschaft ausgehen. Z ion's Bild strahlte den Ahnen entgegen aus der Zeiten fernem Hintergründe, auf das sie hinschauten, wenn mitternächtliche- Dunkel sich auf ihre Hütten niedersenkte. Zion war das Ziel ihres Sehnens, an Zion knüpfte sich alles, was ihrem Leben heilig und theuer war. Der Gedanke an Zion begeisterte die Herzen unserer großen Dichter, die Wiedererstehung Zions bildet den Refrain unserer Bitten, mit dem- Gesichte nach Zion stehen wir vor Gott im Gebete, der Gedanke an Zion begleitet uns.,durchs Leben, der Gedanke an Zion begleitet uns ins Grab, mit der Richtung nach Zion betten wir unsere Tobten, auf einer handvoll Erde aus Z i o n s heiligem Boden ruht unserer müden Erdenwaller Haupt. — Und da sollte es noch einer Untersuchung, einer Prüfung bedürfen, wie wir, wie gerade w i r orthodoxe Juden uns einer Bewegung gegenüber zu verhalten hätten, die den Namen Zion auf ihre Fahne geschrieben? v'bnwI we>b! „Im nächsten Jahre in Jerusalem!" das ist ein Wunsch, der in den innigsten Weihemomenten des jüdischen Lebens die Brust erfüllt, bei dem Gedanken an diesen Moment sehen wir unsere Väter und Großväter vor uns, und in uns zittert nach die ganze Innigkeit dieses Wunsches. — „Es ist ein königlicher Traum!" sagt der geehrte Leiter der zionistischen Bewegung in seinem Buche „Der Judenftaat" und, wie er versichert, „handelt es sich jetzt darum, zu zeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann." Die Heimkehr ins gelobte Land war stets das Sehnsuchtsziel der Exilirten, und wahrlich, wahrlich, eine Bewegung, die ihre Bestrebungen mit dem Namen Zion deckt, die den Ruf: „Auf, nach Jerusalem, dem Lande unserer Bestimmung!" zu ihrer Losung macht, die sollte doch eigentlich gerade bei den jüdischen Juden, bei denen, die nicht bloß nach ihrer Abstammung zum jüdischen Volke gehören, nicht erst durch die, wie sie es nennen, „I u d e n n o t h" zum Bewußtsein ihrer Stammeszugehörigkeit gekommen sind, die nicht bloS „Nationaljuden" sind, sondern die Erbschaft freudig angetreten haben, die die Väter ihnen mit Strömen Blutes bewahrt und überliefert haben, die ihr ganzes Leben noch jetzt von dem Gesetz beherrschen lassen, das auf Zion seine Stätte hatte und nach ihrer unerschütterlichen Ueberzeugung auf Zion einst wellherrschend thronen wird — eine solche Bewegung müßte doch gerade bei diesen mit jubelnder Begeisterung begrüßt werden. Sie wissen Alle, daß dies, in Deutschland wenigstens, keineswegs der Fall ist, daß vielmehr die gesetzestreuen Juden, in dieser Beziehung in Uebereinstimmung mit den entschiedensten Anhängern des Reformjudenthums, in ihrer überwältigenden Mehrheit sich den Zielen dieser Bewegung gegenüber ablehnend verhalten. Die Letzteren freilich bleiben mit dieser Haltung sich nur consequent. Sie haben aus ihren Gebeten jeden Gedanken an einen kommenden Erlöser, an eine Rückkehr nach Palästina, an ein Wiedererstehen Zions gestrichen, weil sie diesen Gedanken aus tiefstem Herzen perhorresciren. Ihrer Sehnsucht Ziel ist ja die Assimilirung, das Aufgehen Israels in die Völker seiner Umgebung. Da muß deßhalb ja schon der Name Zionismus wie das rothe! Tuch wirken. Was von ihnen schon als eschatologischer ' Gedanke, dessen Verwirklichung erst in fernster Zu-