Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1898)
- Date
- 1898-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. M « Der Israelit. Ein Genlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Itainf Dorrnerftag, de« 20. sar Bmei Mnelr abonnirt man bei allen Postanstalten für die Monate W Februar und März W auf den „Israelit". Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-ZeitungSfchalter des Wohnortes des Bestellers oder bei dem betreffenden Landbriefträger aufgegeben werden. Ale Expedition des „Israelit". Kettender Artikel. Der Zionismus. Ein Vortrag von Direktor Dr. Mendel Hirsch ) Es sei mir gestattet, zunächst mit einigen Worten die innere Veranlassung darzulegen, weßhalb ich die Besprechung des Zionismus zum Gegenstand des heutigen Vortrages gewählt habe. In dem jüngsten Vortrage des den „Propheten in Israel" behandelnden Cyclus suchte ich zu zeigen, einen wie großen Werth das Prophetenwort darauf legt, die innige Beziehung Israels zur Gefammtmenschheit unserem Bewußtsein stets klar und gegenwärtig zu halten. Wir sahen, wie der Gedanke der menschheitpriesterlichen Bestimmung Israels (2. B. M. 19, 6) ein leitender Grundgedanke ist, der von dem Augenblick der Erwählung Israels bis zum letzten Prophetenworte seinen stets wiederholten Ausdruck *) Anm. der Red.: Es wurde uns verschiedentlich der Wunsch ausgesprochen, daß der mit so vielem Beifall aufgenommene Vortrag des Herrn Direktor Hirsch auch einem größeren Publikum zugänglich gemacht werde. Durch das freundliche Entgegenkommen unseres hochgeschätzten Herrn Mitarbeiters wird es uns ermöglicht, diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Januar 5658 (18S8). findet. Wir sahen ferner, wie im Lichte dieses Gedankens, der dem priesterlichen Israel die Gesammtmenschheit als Gemeinde gegenüberstellt, diese, im Gegensätze zu weitverbreiteten Anschauungen, nicht nur nicht als von der GotteSkindschaft ausgeschloffen, sondern vielmehr zu ihr berufen erscheint, wie gerade die Sendung Israels dahingeht dieses Bewußtsein zu wecken, wie deßhalb das Ziel dieser Sendung nicht etwa in der Bekehrung zum Judenthum. sondern in ihrer Erhebung zur Verwirklichung des reinen Menschenthums durch Erfüllung der gleichfalls offenbarten allgemeinen menschlichen Pflichten bestehe. Wir sahen sodann, wie Israel nach dem Worte der Propheten durch seine Erfüllung des gesammten Gottesgesetzes und durch Erfassen seines Geistes der Träger der Standarte des Rechtes und der Nächstenliebe sei und der Befreiung der Menschheit aus allen Banden äußerer und innerer Knechtung, wie dies in den Worten ausgesprochen ist: „Zu den Gefangenen zu sprechen: Kommet heraus! zu denen in Finsterniß: Kommt in's Licht! Ich habe dich dahingegeben zur Verbrüderung der Völker, zur Erleuchtung der Nationen!" (Jef. 49, 9. 42, 6.) Wie damit das Bewußtsein stets rege gehalten werden soll, daß es gerade in treuer Erfüllung der ihm gegebenen besonderen Pflichten durch Gestaltung auch seines ganzen äußeren, sinnlichen Lebens nach den Geboten seines Gottes sich zu dieser priesterlichen Bestimmung, zum Werkzeuge in der Hand deS Vaters der Menschheit weihend vollende. Auf Grund dieses Bewußtseins wollten, so sahen wir, die Provheten das jüdische Hochgefühl wecken, das den Juden nicht etwa zu chauvinistischen Aspirationen oder zu selbstgerechter Ueberhebung führen, wohl aber ihn mit jenem unerschütterlichen Gottvertrauen beseelen und mit jener Kraft erfüllen will, die ihn alle Jahrhunderte und Jahrtausende des Druckes, der Verfolgung und der Verkennung hindurch vor En tmuthig ung und vor Verbitterung geschützt und ihn befähigt haben,