Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1898)
- Date
- 1898-01-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448862--45261-2495515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 scheu dem „Schuppen" und dem Haupttheile der Synagoge ein greller. Während die Einrichtung des Letzteren eine noch gut erhaltene, zum Theil sogar schöne war, so war die des „Schuppens" das gerade Gegentheil, sie bestand aus altem, vom Zahne der Zeit hart mitgenommenem, wurmstichigem, zum großen Theile gebrochenem Breiterzeug, nämlich aus vom Alter geschwärzten, verstaubten Sitzen und zerbrochenen Ständen, 3) an denen zumeist die Thüren fehlten. An den altersgrauen Wänden befanden sich zumeist verbogene, blecherne Wandleuchter, und nur einige kleine vom niederen Plafond hängende Messingluster bildeten den einzigen Zierrath dieses düsteren Raumes. „Die Schuppen" war die Andachtsstätte der armen Baale Bathim*), die keine „Stätt3)" hatten, und bildete sozusagen den Vereinigungspunkt aller nicht mit Glücksgütern bedachten Gemeindemitglieder, welche sich aber trotz dieser nicht sehr einladenden Betstätte recht heimisch fühlten. Sie lauschten und ergötzten sich dort an den schönen Nigunim des Chasens * 6 7 *) am Sabbat Vormittag, ihre Augen glänzten vor Freude, wenn dieser eine neue, schöne Keduscha^) oder Biglal ObothO) zu Gehör brachte, sie tauschten dort oft ihre Meinungen über den wunderbaren Hodu") und Ono, den der Chasen am Jom Tob") gesungen, und hielten auch mitunter dort ihr Sabbatschläfchen. Dort konnte man noch die armen, aber biederen Baale Bathim alten Schlages mit ihren charakteristischen, vom Aurum verbrannten Gesichtern mit den Bärten hinter dem Kinn sehen, welche zumeist au- Greißlern, Trödlern, Handwerkern und Hausirern sich recruiirten, die aber am Sabbat festlich, mit schwarzem Rock und Cylinder bekleidet, mit keinem König tauschten. Hinter den „Schuppen" saßen die originellsten Typen des Judenghettos, wie z. B. Chone Trenderer, der sich beim Gehen, wie ein „Trenderchen" drehte, Klein Jzig Mandele, der so klein war, daß der Volkswitz ihn feine Spaziergänge unter dem Bette machen ließ, der bekannte Sonderling Chajim Roiter, der keine Furcht vor dem Tode zeigte, indem er in seinem „Paradezimmer" seine einstige Mazewa 12) stehen hatte, auf der wohl sein voller Name graoirt, doch da er den Tag seines Todes natürlich nicht voraussehen konnte, Tag und Jahreszahl freigelaffen war, der Liberer Mosche Berliner, 13) per so abgehärtet war, daß, wenn er bei Todesfällen in den Häusern der Judengaffe das übliche „Meß Mizwe" ausrufen ging, auf die Frage, wer gestorben sei, manchmal die Antwort: „Nichts, drei Leute" ertheilte, Gawrile Schmadder, der durch seine Unsauberkeit berüchtigt war, und David Schnauwler 3) Betpultc. — 4) Gemeindemitglieder. — 5) Betsitze. 6- Melodien.—7) Cantor. — 8, Höchsre und heiligste Lobeshymne. — 9) Gebetstück. — 10) Lobeshymne. — 11) Grabstein. — 12) Friedhofwachter. rc. rc. Doch auch die Antiquitäten PreßburgS pflegten sich dort einzufinden, wie Lang Hasche! und David! Kren, welch' Ersterer durch seine lange, hagere Figur mit immer uingehängtem Rocke, dem aufgestülpten Kragen und die kurzen Hosen eine recht komische Figur abgab und immerfort im näselnden Tone französich parlirte, obwohl er nichts mehr als die stereotype Phrase „Parlez vous frangais? Oui Oni zu sprechen vermochte, der sich auch als Ben Thora gerne ausgab, indem er allerlei dummes Zeug, gemischt mit einigen aufgefangenen Bibelversen, ohne Zusammenhang zusammenplauderte und dieses Kauderwelsch als ein „gutes Mörtel" ausgab, während Letzterer wieder ein „Träger" war, der fortwährend über schlechten Geschäftsgang mit den Worten : „Trepp auf, trepp ab, ka Kreuzer Verdienst," klagte, ferner „Mosche mit der halben Ohrwatschel", der die Gewohnheit hatte, die Hand immer an das rechte Ohr zu halten und dabei ein großer Damenfceund war, so daß er stundenlang bei einem Fenster, wo eine schöne Dame heraussah, stehen und yinaufsehen konnte, bis derselben dieses Angaffen endlich zu dumm war und oft einen Wachmann holen uno ihn abführen ließ, endlich Nossel Trägler, von dem zwei originelle Aussprüche zu verzeichnen sind. Als er einmal mit seiner Ehehälfte in Streit gerieth, ließ er sich in seiner Wuth zu den Worten Hinreißen! „Ich war noch derleben l ich als Almono ll) zu sehen." Ferner soll Noffel, der gewöhnlich bei einer Halwajoh den Todtenwagen als Kutscher, bekleidet mit Chevalier-Hut und großem, schwarzen Mantel, leitete den allzusparsamen Chewra-Kaoischa-Gabbe ^), der ihm einmal an einem Unglückstage, an welchem drei Halwojath stattfanden, anstatt der üblichen Tüxe für eine Halwojoh per einen Gulden, mit der Pauschalsumme von einen Gulven und fünfzig Kreuzer abfertigen wollte, diesem in seinem Zorne zugerufen haben: „Dos ward kan „Meß" mehr erleben, daß ich für fünfzig Kreuzer ihn hinaussühr." Für diese originellen Figuren war „die Schuppen" der geeignete Platz, wo sie nebst dem Dawenen") auch die Neuigkeiten und Ereigniffe der vergangenen Woche und mitunter auch beim Leinenl7), während der Mischeberach'S l8) ein wenig zu nappezen 19) pflegten. Wenn das Geplauder gar zu arg wurde, und der gefürchtete Schulklopfer Wahle mit seinem strengen Blick und durchdringenden Bst! die Plaudernden abwehrte, machten diese eine kleine Pause, um später ihren Diskurs fortzusetzen. Zu dieser Zeit herrschte noch nicht in den Synagogen jene unheimliche Stille, wie sie jetzt in den 13) Wittwe. — 14) Leichenbegängnis — 15) ^Vorsteher des Leichenbestattungs-Vereins. — 16) Beten. — 17) Thora- Vorlesen. -- 18) Segensspruch für die zur Thora Gerufenen. 19) Halbschlummer.