Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1898)
- Date
- 1898-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448861--45236-2495489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 Braun'schen Gasthofe. Trinksprüche würzten das ohnehin schon köstliche Mahl. Den Reigen eröffnete der Gemeindepräses, Herr Sylvain Berr, der die geschichtlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Saarburgs vom Jahre 1808 bis auf die Jetztzeit zum Gegenstände seiner Besprechung wählte. Hierauf wurde ein von Herrn Jaquet Kahn, Lehrer der Rabbinerschule in Paris, verfaßtes Schreiben verlesen, das auf die Festgäste einen tiefen Eindruck machte. Cantor Joseph Kahn hob die geschichtlichen Momente der seit seinem vor nahezu 40 Jahren erfolgten Amtsantritte ins Leben gerufenen Gemeindeinstitutionen hervor. Lehrer Moses Kahn dankte den Personen, die sich um das Gelingen des Festes besonders verdient gemacht haben: dem Herrn Rabbiner für die Aufstellung des wohldurchdachten Programms, für dessen begeisternde Worte; dem Herrn Cantor für die schönen gesanglichen Leistungen und die gute Schulung des Synagogenchors; dem jüdischen Frauenverein Saarburgs, der durch eine Sammlung eine ansehnliche Summe zusammengebracht zur Beschaffung eines den Tempel bereits schmückenden risio; vem Gemeindepräses für dessen treue, gewissenhafte Amtsführung. Mit dem Wunsche, daß es dem Gemeindevorsteher noch recht lange vergönnt sein möge, sein ehren-, aber auch mühevolles Amt zum Wohle der Gemeinde zu versehen, schloß der Redner seinen Trinkspruch. Herr Leo Strauß aus Nancy, Sohn des stellvertretenden Vorsitzenden der Verwaltungskommission der jüd. Gemeinde, das erste im jetzigen Tempel in den Bund Abrahams aufgenommene Kind, trank auf das Wohl der isr. Gemeinde. Herr Rabbiner Blum toastete auf den Fortbestand der in der Gemeinde herrschenden Eintracht. Lehrer Moses Kahn hob in einem zweiten Trinkspruche die Verdienste des Vicepräses hervor und charakterisirte ihn als einen Jehudi von echtem Schrot und Korn. Zum Schluffe sei noch auf einige Spenden aufmerksam gemacht. Herr Simon Heymann schenkte dem Tempel ein dü, eine "p und ein Paar cn;*j>, alles aus gediegenem Silber und künstlich ausgearbeitet. Herr Bernhard Kahn spendete einen prachtvollen silbernen Chauukkateuchter mit Fußgestell. Die Gebrüder Jacques und Arthur Kahn schenkten ein zur Ausschnu'lckung der Thorarolle dienendes und die Inschrift „Chanukka" tragendes silbernes Schild nebst Kette. O e st e r r. - U u g a r. M o rr a r ch i e. ** Wien. (Heldenthat eines jüdischen Arztes.) Unter bedeutenden, durch die gegenwärtigen Witterungsverhältnisse hervorgerufenen Schwierigkeiten, erfolgte am verflossenen Sonntag ein Krankentransport von der Rar nach Payerbach. Herr Kronich jun., der Sohn des Pächters des Erzherzog Otto-Schutzhauses am Thörl auf der Raralpe, war unter besorgnißerregenden Symptonen erkrankt. Sein Vater richtete telephonisch an mehrere Aerzte der Umgebung die Bitte, seinem Sohne Hilfe zu bringen, allein trotzdem die Familie K. in deutschnationalen Kreisen einer großen Popularität sich erfreut, hat keiner der arischen Aerzte es gewagt, die völlig verschneiten Wege zum Thörl zu betreten, bis sich endlich der jüdische Arzt Dr. Robert Mayer in Payerbach, der erst Abends angerufen wurde, ohne viele Umstände sofort entschloß, den Aufstieg zu unternehmen. Dr. Mayer, der kein gewandter Tourist ist und noch nie die Rar im Sommer, geschweige in solcher Jahreszeit bestiegen hat, machte sich in Begleitung eines Führers, ausgerüstet mit Schneeschuhen, noch in der Nacht auf den Weg und erreichte glücklich die Schutzhütte. Er erklärte den Zustand des Kranken als einen sehr bedenklichen, traf die nöthigen ärztlichen Anordnungen uitb unternahm nach mehrstündiger Raft den Abstieg nach Payerbach. Am nächsten Tage, Sonntag, machte Dr. Mayer dem Patienten den zweiten Besuch unter denselben schwierigen Verhältnissen. Er fand dessen Zustand so verschlimmert, daß er nur den Rath ertheilen konnte, den Kranken sofort in ein Wiener Spital transportiren zu lassen, da nur von dem Ansgange einer unumgänglich nothwendigen sehr schweren Operation die Erhaltung des Lebens des jungen Mannes zu erhoffen sei. Die Diagnose des Arztes, die sich auch als vollkommen richtig erwies, lautete auf Darmverschlingung. Der Transport wurde von zehn Holzknechten glücklich durchgeführt. Der Patient wurde in warme Decken gehüllt und auf eine Tragbahre gelegt, die abwechselnd von Vier- Personen getragen wurde; so ging cs die ziemlich steilen und in Folge des herrschenden dichten Schneegestöbers doppelt gefahrvollen Wege hinab. Der Vater, Herr Kronich sen. und der Arzt Dr. Mayer begleiteten die Expedition. Wiederholt mußten die Träger Halt machen, weil der Arzt dem Kranken behufs Linderung der großen Schmerzen Morphium injiciren mußte. Endlich langte der Zug glücklich iu Payerbach an. ** SBictl. (Ein Cardinal gegen die Antisemiten.) Die Christlichsocialen haben bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit Vorliebe darauf hingewiesen, daß die maßgebenden Kreise im Vatikan, ja der Papst selbst, ihren Tendenzen sympathisch und wohlwollend gegenüber stehe. Wiederholt hatten wir schon Gelegenheit, an der Hand bestimmter Vorfälle und Dokumente den Beweis für das stricte Gegentheil zu erbringen. Wir sind in der Lage, unsere Sammlung durch einen neuen, sehr eindringlichen Beleg zu bereichern. Der Cardinalvicar Parocchi, von dem es bekannt ist, daß er 5ii den Intimen des Papstes zählt, hat jüngst, wie