Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1898)
- Date
- 1898-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448861--45231-2495484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
45 tiven Juden, die man unbedingt zu berücksichtigen habe. Diese Darlegungen, wie diejenigen des folgenden Redners, Herrn Dr. Apfel, der sich auf das Zeugniß erster Musikalltoritäten bezog, welche dem Gesang in der Synagoge den Vorzug gaben nrrd der namentlich darauf hinwies, daß in der orthodoxen russischen Kirche der Chorgesang sich einer besonders aufmerksamen Pflege erfreut und kein Orgelklang oder Musikbegleitung die Herzen erhebt, fanden die wohlverdiente rauschende Anerkennung Zum Schluffe wandte sich Herr Rech.Lanwalt Carl Eltzbacher gegen das verbreitete Gerücht, er unv Herr Stadtrath Liebmann hätten sich bereit erklärt, eine Orgel zu schenken. Niemals sei im Ernste hiervon die Rede gewesen, jedenfalls aber würde ihn der Verlauf der heutigen Debatte bestimmt haben, jenes Geschenk, wenn es überhaupt gemacht worden wäre, zurückzuziehen. Die jetzige Zeit sei wenig geeignet zur Einführung von Reformen, welche die Eintracht in der Gemeinde vernichten müßten. (Lebhaftes Bravo.) Nachdem Herr Dagobert Bier auf Grund der jetzt erhaltenen Aufklärungen seine Stellungnahme zu Gunsten der Orgel dahin geändert hatte, daß er sich llunmehr mit den Gegnern derselben Hand in Hand gehend erklärte, schloß der Vorsitzende die denkwürdige Versammlung. Der ganze Verlauf der Versammlung hat bewiesen, daß in Köln für die geplanten verhängnißvollen und gefährlichen Neuerungen kein Boden vorhandeil sein dürfte. Oest err.-Ungar. Monarchie. ** Wien, 5. Januar. (Theodor Herzl's vieraktigesSchauspiel„Das neueGhetto") ist heute im Carltheater unter enthusiastischem Beifall in Scene gegangen; Darsteller und Dichter wurden nach jedem Aufzuge stürmisch und häufig gerufen — der Dichter, der sein Opus seinem Freunde Mar Rordau gewidmet hat, ließ sich durch den Regisseur vertreten. Das Herzl'sche Schauspiel trägt den Geist der Zeit an sich, will auch wohl auf die Zeit einwirken und ist insofern ein Tendenzstück. Wie das Judenthum selbst und der Antisemitismus auf Geist, Gcmüth und Thatkraft eines hochgesinnten Juden einwirkt, wird an dem Advokaten Joseph Samuel gezeigt, der fast zum Helden heranwächst, indem er sich einem hochmüthigen Rittmeister, der ihn und die Seinigen beschimpft hat, im Zweikampfe stellt. Der Advokat fällt, von einer Kugel durchbohrt, und wir stehen schließlich einem unfruchtbaren Heldenthum gegenüber, das nicht im Stande ist, die Juden aus der neuen „Gaffe", aus dem moralischen Ghetto herauszuführen. Andere Mittel, dem wüsten Zustande ein Ende zu machen, werden nur angedeutet. Neben der Tendenz kommt die reine Freude an der dramatischen Gestaltung nicht zu kurz. Eine Reihe jüdischer Gestalten zieht an uns vorüber, die theils mit unbefangenem Humor, theils mit satyrischem Griffel geschildert sind; Fehler und Vorzüge der Juden, unter den Vorzügen ihr tiefer Familiensinn, werden mit der muthigsten Wahrhaftigkeit gekennzeichnet. „Das neue Ghetto" ist kein Stück, das geschrieben ist, um die Juden schön zu machen, es ist offenbar aus dem Herzensbedürfniß hervorgegangen, zu der Lösung einer nachgerade blutig gewordenen Frage einen poetischen Beitrag zu liefern. So weit die „Neue Freie Presse." Das „Wiener Tagblatt" schreibt: „Wir haben jetzt einen modernen dramatischen Dichter mehr: Theodor Herzt. Sein vieractisches Schauspiel „Das neue Ghetto", das gestern zum ersten Male aufgeführt wurde und einen Riesenerfolg hatte, ist ein zwingender Beweis hierfür. Herzl, einer der geistreichsten und elegantesten Feuilletonisteu deutscher Zunge, hat die Gabe gezeigt, der Bühne etwas bedeuten zu können. Nicht in der äußeren Handlung liegt die Stärke des Schauspieles, sondern in dem in dramatische Bewegung umgesetztcn inneren Werdegänge des Helden. Er heißt Dr. Jacob Samuel und ist das Judenthum. Aus dem geistigen Ghetto, das geblieben, nachdem die Mauern des wirklichen gefallen, möchte er hinaus. Daran stirbt er." Er bekämpft die Auswüchse, er ist gegen die Jobber, er strebt nach sittlicher Veredlung, er sucht Anschluß an die übrige Welt, er fühlt sich den nur Geschäfte treibenden Glaubensgenossen fremd und fern. Es sind Scenen von packender Kraft in dem Stücke, Alles ist voll feiner und scharfer Beobachtung und rücksichtsloser Wahrheit. Manche Finanzkreise werden über Herzl aufgebracht sein, das große Publikum wird ihm danken." Das „Neue Wiener Tagblatt" schreibt: „Ohne den von Manchen erhofften, von Manchen befürchteten Theaterscandal ist gestern Theodor Herzl's Schauspiel „Das neue Ghetto" vorübergegangen, ja, im Gegentheil es hat bei dieser ersten Aufführung einen unbestrittenen, lauten äußern Erfolg. Man könnte diesen vielleicht der Anwesenheit vieler persönlicher Freunde und Anhänger der bekannten Bestrebungen des Autors zuschreiben, wenn nicht der Wahrheit gemäß gleich hinzugefügt werden nrüßte, daß neben dem Lärm der Sodalen doch auch der stille Respect derjenigen durch das Haus schlich, die Tendenzstücke überhaupt nicht lieben, geschweige denn Tendenzstücke von der Art des „Neuen Ghetto". Die Frage, welche Theodor Herzl von der Gasse weg auf die Bühne gebracht hat, ist nicht reif für eine dramatische Behandlung. Sie ist im Zustand der Episode und daher zu schwach, ein volles Stück zu tragen. Was von dem Werk eines Tendenzdichters mindestens verlangt werden müßte: Vorahnend eine Lösung des Zwiespaltes anzudeuten, das