Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-01-06 · Heft 2 (6.1.1898) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 2 (6.1.1898)
Date
1898-01-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448860--45219-2495471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

84 Grunde konnte diesem Vater auch die Wahl des Religionslehrers für seine Kinder keine großen Sorgen machen, denn um ein mangelhaftes Lesen seinen Kindern beizubringen, dazu reichte sein oder des Nachbarschochets pädagogisches Geschick vollständig aus. O, du heilige Einfalt! Wie beschränkt und verkehrt sind doch alle diese Ansichten! Wie traurig sind ihre Folgen für unsere heilige Sache! Weil aber das jüdische Haus seine religiöse Erziehungsaufgabe so grundfalsch versteht, oder nicht verstehen will, muß die Religionsschule mit doppelter Kraft bemüht sein, Hilfe zu schaffen. Beide Zweige des israel. Religionsunterrichts sind zu pflegen. Der hebräische Sprachunterricht braucht und darf nicht verdrängt werden. Aber Kenntniß der Geschichte, der Bibel, der israelitischen Glaubens¬ und Pflichtenlehre kann auch nicht entbehrt werden. Das „Oren" allein thuts nicht. Traurig genug, daß die religiösen Kenntniffe vieler unserer Genoffen der heutigen Zeit sich auf ein „holperiges Hebr.-Lesen" beschränken. Beim Religionsunterrichte gelten mehr als bei andern Disziplinen die Grundsätze: „Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Anwendung und Ausführung des Gelernten" und: „Gewöhne den Knaben an seinen Weg; auch wenn er alt geworden ist, wird er nicht davon ablaffen." Wenn ein Religionslehrer stundenlang über das Gebet, seine Art und Weise, seine Bedeutung, seinen Nutzen u. a. Vorträge hält, so hat er damit blutwenig genützt. Wenn er dies gar in einer Musterlektion thut, so zeigt er seine Ungeschicklichkeit. Sy' ftematischer R el i gr o n s unt er ri cht ohne geschichtlichen Untergrund darf mit Kindern im volkSschulpflichtigenAlter nicht getrieben werden. Schüren sagt: „Es ist mit Betenlernen nicht anders als mit irgend einer Wissenschaft oder Kunst, das Kind kann von einem Manne, der nicht rechnen kann, nicht rechnen lernen; nur von einem betenden Lehrer kann das Kind beten lernen." Darum pflege man auch in der israel. Religionsschule die ständige Sch ulan da ch t. Ein und dasselbe Gebet jahrelang von den Kindern sprechen zu lassen, hat auch keinen Segen. Man schaffe Abwechslung in der Auswahl der Gebete. Für den kundigen Lehrer kann es keine schwere Aufgabe sein, die paffenden Gebete herauszufindcn. Geeignete Psalmen, die im Unterrichte ausführlich betrachtet worden sind, die in der Bibel selbst ausgesucht, im Gebetbuche gelesen und übersetzt worden sind, verdienen immer den Vorzug. Man versäume auch nicht in der „heiligen Sprache" mit den Kindern zu beten. Haben sie z. B. das Avon olam-Gebet wörtlich übersetzen gelernt, so laffe man die herrliche Sachs'sche poetische Uebersetzung auswendig lernen und benutze dann Urtext und Uebersetzung als Morgenschulandacht. In unserem Frühgebet von Adon olam bis Voruch scheomar finden sich noch eine Menge paffender Gebetstoffe, die hier in Anwendung kommen können. Dem kundigen Auge des Lehrers ist es ein Leichtes sie herauszufinden. Büdinger schreibt im More lemorim S. 30: „Jede Religionsstunde werde mit einem Gebete eröffnet. Dasselbe muß aber biblischen Geist athmen und in belebender, feierlicher Andacht gesprochen werden. Als sanktionirte Gebete können die Formeln: x: rum und nr rcnx, sowie die Psalmen 1, 8, 18, 103 und ähnliche zu diesem Zwecke angewendet werden." Auch in der talmudischen Zeit schon pflegten die Lehrer, wie aus einzelnen Talmudstellen zu ersehen ist, das Gebet in den Schulen. Stabile Gebete jahraus jahrein festzuhalten, ist nicht rathsam. Auch hierbei muß der Reiz der Neuheit und zeitweise Abwechslung unterhalten werden. Auch möge man abwechseln zwischen Chor gebet und Einzel gebet. Oesters bete der Lehrer auch allein vor. Ist die Schule im Stande ein religiöses Lied zur Eröffnung der Andacht zu singen, so dürfte wohl hiergegen ein religiöses Bedenken von keiner Seite geltend gemacht werden können. Den Schluß der Andacht bilde steis ein W ochenspruch, der aber nicht willkürlich gewählt werden kann, sondern eine Frucht des vorausgegangenen Unterrichts sein muß. Wir besitzen schon eine genügende Literatur von pädagogischen Werken, welche Schulandachten pflegen, ii. a. nenne ich nur das brauchbare Memoirebuch von Straßburger. — Die wenigen Minuten, die auf eine solche Andacht verwendet werden, siud keine Zeitvergeudung, fouöern die schönste und beste Vorbereitung für die Religionsstunde, die beste captatio benerolentiae der kleinen Zuhörerschaar. Als ein zweites Mittel zur Erweckung lebhafteren Jntereffes in der israel. Religionsfchule und an ihr bezeichne ich die Schulfeiern. Sie unterscheiden sich von der Schulandacht dadurch, daß sie vereinzelt auftreten, zum Theil auch wohl einen öffentlichen Charakter annehmen. Welches sind solche Schulfeier n? Zunächst nenne ich die Eröffnungsfeier des neuen Schuljahres. Die erste Religionsstunde des neuen Schuljahres benutze der Lehrer dazu, mit der Schulandacht eine kurze Ansprache zu verbinden, in welcher er seinen Schülern die Bedeutung der Religion und des Religionsunterrichts vor die Augen stellt. In größeren Schulen mit mehreren Abtheilungen sei die Feier eine gemeinsame. Eltern, die ihre Inzipienten der Schule zuführen, ist der Zutritt zu gestatten. „Non multa, sed multum,“ „Kurz und gut" das sei die Richtschnur für des Lehrers Ansprache. Eine gleiche Feier ist am Schluffe des Schul-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.