Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-01-06 · Heft 2 (6.1.1898) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 2 (6.1.1898)
Date
1898-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448860--45211-2495463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

26 sie zu beunruhigen. Namentlich der reiche Jude pflege ein sicherer Steuerzahler und guter Unterthan zu sein. Schließlich sprach der Fürst über sein persönliches Verhältniß zu den Juden und äußerte dabei unter Anderem: Eigentlich habe er Undank von ihnen geerntet. Kein Staatsmann habe mehr für ihre Emancipation gethan, als gerade er. Trotzdem hätten ihn gerade diejenigen fortschrittlichen und die radikalen Blätter, die in jüdischen Händen seien, immer am heftigsten angegriffen. Aber er nehme das nicht so tragisch; das liege wohl mehr daran, daß die Eigenthümer der Blätter es ihrem Liberalismus oder Radicalismus schuldig zu sein glaubten, der Erinnerung daran, was sie als Juden ihm zu verdanken hätten, keinen Einfluß auf die Haltung ihrer Organe ihm und seiner Politik gegenüber zu gestalten. Anvererseits habe er auch manchen Zug jüdischer Dankbarkeit erlebt. So habe er, als er noch in Pommern sein Gut bewirthschaftet habe, wie alle dortigen Grundbesitzer seinen Hofjuden gehabt. Eines schönen Tages sei derselbe in Concurö gerath<n und sei zu ihm gekommen, um ihn zu bitten, er möge eine Forderung, die er an ihn habe, nicht mit anmelden, dann käme er ohne Bestrafung davon. Er (oer Fürst) habe es ihm versprochen und seine Forderung ausfallen lasten. Der alte Mann habe sein Dankbarkeit später so geäußert, daß er, nachdem er sich in seinen Verhältnissen erholt gehabt habe, ihm alljährlich Abzahlungen gemacht hätte, zu denen er kaum noch verpflichtet gewesen sei, und dies so lange fortgesetzt habe, bis er (der Fürst) aus der Gegend weggezogen sei und ihm gesagt habe: „Nun ist es genug, streichen wir den Nest." Zeitungsnachrichten und Correspondenze« Oesterr.-Ungar. Monarchie. ** Wien, 31. Dez. Seit den czechischen Krawallen in Böhmen hat sich in der czechischen Oeffentlichkeit eine Discussion über das Verhältniß der Czechen zu den Juden entwickelt. Den Anlaß dazu gab die Thatsache, daß bei diesen Krawallen nicht nur Deutsche und deutsche Juden, sondern auch czechische Juden vom czechischen Pöbel angegriffen wurden, so daß die Krawalle nebenbei ganz den Charakter einer Judenverfolgung annahmen. Manche Illusionen wurden dadurch plötzlich zerstört, die von den czechischen Juden seit Jahrzehnten gehegt worden waren. Vor etwa zwanzig Jahren gab es czechisirte Juden so gut wie noch gar nicht. Die Juden, die seit unvordenklichen Zeiten, mindestens seit den Zeiten der Markomannen, also ebenso lang wie die Czechen selbst und entschieden länger als die Deutschen, als Kaufleute in Böhmen ansässig sind und nicht nur in Städten, sondern auch im flachen Lande unter der czechischen Bauernschaft leben, hielten es in früheren Zeiten immer mit den Deutschen, deren Sprache und Kultur sie sich völlig zu eigen gemacht haben. Im politischen Kampf haben die Juden Böhmens in früheren Jahrzehnten den Deutschen ganz hervorra» gende Dienste geleistet, die freilich keine dauernde Anerkennung fanden. Das Anwachsen des theoretischen Antisemitismus auf deutscher, der nationale Aufschwung auf czechischer Seite haben allmählich dieses Verhältniß verändert. Während der im deutschen Sprachgebiet Böhmens wohnende Theil der böhmischen Juden alten antisemitischen Anfeindungen zum Trotz an der Seite der Deutschen blieb, ging ein anderer Theil der jüngeren Generation der böhmischen Juden im letzten und vorletzten Jahrzehnt allmählich zu den Czechen über. In der czechischen Umgebung, in der sie lebten, wurden sie mitczechisirt. Sie schickten ihre Kinder in die öffentlichen czechischen Schulen, ihre eigenen deutschen konfessionellen Schulen gaben sie auf, im Gottesdienst, soweit er früher in der deutschen Sprache abgehalten wurde, und in der Amtirung der jüdischen Kultusgemeinden führten sie die czechische Sprache ein. Schließlich bethätigten sie sich auch in der Politik zu Gunsten der Czechen, und gar mancher von den czechischen Wahlerfolgen der letzten zwei Jahrzehnte beruhte großentheils auf der Mithilfe der czechisirten Juden. Die czechisirten Juden, die über eine eigene politische Organisation verfügten, erfuhren in der czechischen Oeffentlichkeit eine freundliche Behandlung, die von den antisemitischen Reden und Gewohnheiten oer deutschen Landesgenosten oft sehr vortheilhaft abstach. Mit Stolz rühmten die Czechen, daß ihr Volk, toleranter als das deutsche, keinen Antisemitismus kenne, und daß sie als Unterdrückte für alle Unterdrückten und für jegliche Gleichberechtigung kämpfen. Die czechischen Juden glaubten das um so eher, als die jungczechische Partei, die im letzten Jahrzehnt das czechische Volk vollständig für sich erobert hatte, auf der ganzen Linie den „Freisinn" predigte, den sie auch in ihren offiziellen Namen („Freisinnige nationale Partei") ausgenommen hat. Die große Wendung, welche die jungczechische Politik in den letzten zwei Jahren unter Badeni genommen hat, führte die Partei allerdings immer mehr aus dem Lager des Freisinns in das des Rückschrittes und der Intoleranz. Schon diese Schwenkung hätte die czechischen Juden bedenklich machen müssen. Die czechischen Revolten nach dem Sturze Badeni'S machten vollend« jedem Zweifel ein Ende. Gegen so brutale Thalsachen kommt man mit Raisonnements nicht auf. Wohl versuchte der politische „Verband der czechischen Juden Böhmens" die czechischen Juden zu beruhigen. Er erließ zu diesem Zweck einen Aufruf und hielt eine Versammlung in Prag ab. Doch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.