Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1898)
- Date
- 1898-01-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XLLIX Jahrgang. Erste Seilagr;>l M 2 des JtenuUt“. Leitender Artikel. FM jSistnoult ll»d »kr 3Utiftmittsmus. Wien, 3. Januar. Ein süddeutscher Politiker, der bei einem der letzten Aufenthalte des Fürsten Bismarck in Kissingen die Ehre hatte, in der oberen Saline zur fürstlichen Tafel gezogen zu werden, hat sich Aufzeichnungen über die damals geführten ^ktoräiunei-Gespräche gemacht und überließ der „Neuen Freien Presse" daraus den nachfolgenden Passus, der Aeußerungen des Fürsten Bismarck über den Antisemitismus wicdergibt: Das Gespräch kam auf die antisemitische Agitation und auf die Judenfrage überhaupt. Der Fürst beschränkte sich zunächst auf einige kurze Bemerkungen, die durchblicken ließen, daß ihm die Stöckerei unsympathisch und politisch unbequem gewesen sei, ging aber dann, als ein Herr der Tafelrunde ein hartes Urtheil über die Juden und ihre Eigenschaften fällte und die Frage streifte, ob es doch nicht zweckmäßig gewesen wäre, wenn der damalige Reichskanzler den ihm in den Achtziger-Jahren überreichten antisemitischen Resolutionen irgendwie Folge gegeben hätte, eingehender auf das Thema ein und äußerte sich dabei nach meinen Rotirungen, die wenn auch nicht den Wortlaut, so doch den Sinn mit einiger Genauigkeit wiedergeben, folgendermaßen: Er halte die Beimischung des jüdischen Elementes zu dem germanischen für nützlich. Es stecke in den Juden etwas drin, was wir nicht hätten. Sie gäben der Bevölkerung, namentlich der großen Städte, ein Mousseux, das sonst fehlen würde, Antriebe und Beweglichkeiten, die sonst kaum in dem Maße vorhanden wären. Und dann sehe er auch, abgesehen von allen Erwägungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, keinen Weg, auf dem die Ziele der Antisemiten zu verwirklichen wären. Wenn man sie nach der Ausführung ihrer Pläne in der Wirklichkeit fragt, so ginge es ihnen ähnlich wie den Social-Demokraten, sie wüßten nichts praktisch Ausführbares vorzuschlagen; ihre Recepte seien im heutigen Staatsorganismus nicht anwendbar. Was könne man überhaupt machend Maßregeln wie die Bartholomäusnacht oder die sicilianische Vesper würden die Antisemiten kaum selbst in Vorschlag zu bringen wagen. Ausweisen könnten wir die Juden auch nicht, ohne unseren Nationalwohlstand schwer zu schädigen. Andere Maßregeln, wie etwa die Ausschließung der Juden von richterlichen und anderen Staatsstellen, würde das Uebel, das die Antisemiten beseitigen zu müssen glaubten, nur verschärfen; denn dann würde sich diejenige jüdische Intelligenz, welcher sich die staatliche Carriere verschlösse, auch auf diejenigen Gebiete werfen, auf denen das Uebergewicht der Juden von den Antisemiten schon jetzt als unerträglich bezeichnet werde, nämlich auf die geschäftlichen. Der Fürst führte dann aus, daß seiner Ansicht nach die Judenbewegung in der Hauptsache weniger religiösen und auch nicht so sehr Raceninstincten entspränge, sondern doch mehr wirthschaftlichen Gründen. Er bezeichnete es als Thatsache, daß die Juden im Gelderwerb anderen Elementen der Bevölkerung vielfach überlegen seien. Die Ueberlegenheit beruhte auf Stammeseigenschaften, die, ob sie uns nun gefielen oder nicht, dnrch staatliche Mittel nicht zu beseitigen seien. Die Juden wären in Folge natürlicher Veranlagung in Geldsachen meist klüger und geschickter als die Christen. Auch wären sie, wenigstens so lange sie noch nicht zu Vermögen gelangt seien, wenn auch vielleicht nicht arbeitsamer, so doch genügsamer und sparsamer als ihre christlichen Mitbewerber. Dazu komme, daß der Jude, um einen geschäftlichen Vortheil zu erlangen, leichter einmal etwas riskire und in der Anwendung seiner Mittel zum Zwecke mitunter auch wohl etwas weitherziger verfahre als sein christlicher Concurrent. Das Alles gäbe ihm geschäftlich einen Vorsprung, der sich gesetzlich nicht beseitigen lasse. Auch die Antisemiten hätten bisher nichts vorzuschlagen gewußt, was diesen Vorsprung und dessen Wirkung auf das wirthschaftliche Leben der Nation paralysire. Was sie bisher vorgeschlagen hätten, wäre unwirksam, und es würde sich keine Regierung finden, die das ausführen könnte. Es sei auch dmchaus widerräthlich, dem jüdischen Triebe nach Erwerb und Vermögensbildung von staatlicher Seite Hindernisse in den Weg zu legen, denn dadurch würden die übrigen Bevölkerungs-Elemente ebenso betroffen, und der Nationalmohlstand würde zurückgehen. Man brauche sich die Juden deßhalb nicht über den Kopf wachsen zu lassen oder sich finanziell von ihnen in einein Maße abhängig zu machen, wie dies in manchen Staaten der Fall sei. Bei seinen eigenen Beziehungen zur Raute tmauee als Minister sei immer diese, niemals er der verpflichteteETHeil gewesen. Nach einer Abschweifung auf ein anderes, mit der Judenfrage im Zusammenhänge stehendes Gebiet, das hier nicht intereffirt, kam der Fürst wieder auf das -ursprüngliche Thema zurück u. resumirte sich gleichsam selbst in etwa folgender Weise: Erhalte die Juden für nützliche Mitglieder des heutigen Staates und finde es unklug.