Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1898)
- Date
- 1898-01-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21 Glauben und Glauben machen und denen man bis jetzt nicht Nachweisen konnte, daß sie ihren Grundsätzen untreu geworden sind. Ob dies auch so sein wird, wenn sich diese Partei mit Hilfe der Juden zu einer Macht emporschwingen wird, das wollen wir freilich nicht behaupten und man wird es uns verzeihen, wenn wir nach all den schlimmen Erfahrungen etwas mißtrauisch geworden sind. Auch in unterer Gemeinde zählt die sozialdemokratische Partei eine ziemliche Anzahl von Anhängern und der Führer H. Gustav Kohu hielt jüngst in einer Volksversammlung eine sehr inhaltsreiche Rede, in welcher er des Wirkens des Ministeriums Badeni und seines Anhanges in nicht sehr zärtlichen Worten gedachte. Auch sagte er, daß dies die einzige Partei in Oesterreich ist, welche aufrichtig den Frieden zwischen den einzelnen Confessiouen und Nationalitäten anstrebe. In der hiesigen Altschul fand am ersten Tage des Chanukkafestes eine recht erhebende Feier statt, an welcher die hiesigen Volks-, Bürger- und Gymnasialschüler, sowie ein zahlreiches Publikum theilnahmen. An der Hand des Verstheiles o*.fren tt lmyn ome« nt?« fpin hielt Herr Dr. David Feuchtwang n eine sehr gediegene Rede, in welcher ihm der Vergleich des Charakters von Joseph und seinen Brüdern mit den Makkabäern vollkommen gelang. Rußland. ** Petersburg. Hierselbst wurde vor Kurzem das neue Gebäude für die Schulen (für Knaben und Mädchen) der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden in Rußland eingeweiht. Reden hielten die Gehilfen des Volksaufklärungsministers Geheimrath Anitschkoff, des Lehrbezirkskurators GeheimrathKapustin und desPräsidenten der Stadtverwaltung Geheimrath Ratkoff-Roschnoff. Alle Drei drückten ihre Freude über die Fortschritte der jüdischen Bildung aus und wünschten ihren „Mitbürgern mosaischer Religion" die besten Erfolge sowohl in gesellschaftlicher als staatlicher Beziehung. Zur Zeit werden zusammen 330 Schüler (18O Knaben und 150 Mädchen) unterrichtet. Die Schulräume sind ungefähr auf 000 Kinder berechnet. Die Baukosten beliefen sich auf ungefähr 130,000 Rubel, die alle aus freiwilligen Spenden zusammengebracht waren. Dänemark. Kopenhagen, 2. Jan. Vergangenen Sabbat den 23. Kislew ist nach kurzem Leiden Herr Rabbiner Dr. Wilhelm Stern b'D verschieden. Am 2l. Januar 1826 zu Tachau in Böhmen als ältester zweier Söhne von durch Frömmigkeit und Tugend ausgezeichneten Eltern geboren und schon in frühestem Alter für seinen nachmaligen heil. Beruf bestimmt, ging er, kaum 17 Jahre alt, nach Prag, wo er sich eifrig dem Thorastudium unter den gottseligen großen Talmudgelehrten Rappaport, Samuel Freund, Simon Lasch und Abraham Muneles hingab. Hiezu beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium profaner Wisienschaften, hörte die Vorträge an der philosophischen Fakultät und erlangte den Doktorgrad sowie die Nabbinatsbefähigung. Kurz nach Antritt seines ersten Amtes im Tempel zu Prag ehelichte er die Tochter seines hochgeschätzten Lehrers Abraham Muneles, dessen nachgelasiene Manuscripte seines leider durch frühzeitiges Hinscheiden unvollendet gebliebenen Werkes über den Aruch in Rabb. Dr. Alex Kohut's großem Werke ausgenommen ». in der Vorrede zu demselben rühmend anerkannt worden sind. Im Jahre 1860 nach Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, wo noch vor 1848 kein Jude wohnen durfte, berufen, entwickelte er in dieser jungen, aber rasch aufblühenden Gemeinde eine vielseitige und segensreiche Wirksamkeit. Er organisirte die Gemeindeschulen. introducirte regelmäßige Kanz-lvo: träge, gründete eine Chewra Kadiscba und einen Fcamnverein zur Unterstützung von jüdischen Kranken und Wöchnerinnen. Von der Negierung zum Seelsorger der isr. Sträflinge an der Strafanstalt Suben eingesetzt, war er unablässig für deren sittliche Hebung bemüht, wie er auch für ihre religiösen Bedürfnisse und die Beobachtung der jüdischen Speisegesetze Sorge trug. Als Mitglied des kais. königl. Landesschulrathes arbeitete er erfolgreich für die obligate Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an den Volksschulen und höheren Unterrichtsanstalten und verlangte als Religionslehrer an den Real- und Gymnasialschulen völlige Gleichstellung mit den übrigen Professoren dieser Lehranstalten. Seinem persönlichen Einflüße und seiner liebevollen Freundlichkeit gegen Jedermann ward es zugeschrieben, daß in dieser Metropole des Ultra- Catholicismus das glücklichste Einvernehmen zwischen Juden und Andersgläubigen herrschte, wie auch der als ultra-elerical bekannte damalige Bischof Rüdiger den freundschaftlichsten Verkehr mit dem Rabbiner pflegte. Mehrere seiner bei öffentlichen Veranlassungen gehaltenen und in Druck erschienenen Predigten wurden von Sr. Majestät dem Kaiser Franz Joseph gnädig ausgenommen und in böchstdeöselben Privatbibliothek einverleibt. Im Jahre 1873 erwarb die jüdische Gemeinde zu Liverpool in England seine Dienste, wo er bereits nach Verlauf von 6 Monaten in englischer Sprache predigte. Auch hier bethätigte er das eifrigste Interesse für den Unterricht der Jugend in unserer heiligen Religion, nahm sich der in immer größerer Zahl einwandernden armen Glaubensgenossen aus Rußland und Polen hilfreich an, und erwarb sich auch hier durch seinen persönlichen Character, sein reiches Wissen und bescheidenes Wesen allgemeine Achtung und Liebe innerhalb seiner Gemeinde und außerhalb in der großen Bevölkerung. Die philosophische Ge-