Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1898)
- Date
- 1898-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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20 Weise hierfür der Gesichtspunkt ins Auge gefaßt, daß die jüdischen Lehrer durch die geringe Zahl der Vakanzen weil später als christliche Lehrer ins Amt und somit auch später in den Genuß der staatlichen Alterszulagen treten. ** Bautzen, 27. Dez. Auf Grund eines eingeholten Gutachtens des evangelischen SchulauSschufseS hatte der hiesige Stadtrath erklärt, daß er auf den von den Stadtverordneten gestellten Antrag: „Anordnungen zu treffen, daß jüdischer Religionsunterricht in einem evangelisch - lutherischen Schulgebäude Bautzens nicht mehr ertheilt werden darf", nicht eingehen könne. Infolge dieser Erklärung wurde der Beschluß der Stadtverordnetenschast dahinabgeändert, daß 1. das Kollegium eine rechtliche Verpflichtung der evangelischen Schulgemeinde, die Räume für israelitischen Religionsunterricht zu beschaffen, nicht anzuerkennen vermöge, und 2. daß das Kollegium den Stadtrath ersuche, dahin zu wirken, daß unter Vorbehalt des Widerrufs anderweitige geeignete Räume für Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichts der israelitischen Religionsgesellschaft überwiesen werden. Aus Baden. Herr Löb Kahn, vor mehreren Jahren mit seinen verheiratheten Kindern von Muggensturm bei Rastatt, wo er Jahrzehnte lang als pflichttreuer Gemeindevorsteher waltete, nach Baden-Baden verzogen, feierte vor einigen Tagen, umgeben von einer zahlreichen Nachkommenschaft (Kindern, Enkeln und Urenkeln) sein neunzigjähriges Wiegenfest. Der Vorstand der israelitischen Genleindc brachte im Namen der dortigen Glaubensgenossen die herzlichen Glückwünsche dar. Ebenso liefen von allen Seiten Gratulationsdepeschen ein, welche der Jubilar noch ohne Brille zum Vortrag brachte. Derselbe ist überhaupt noch gesund und rüstig, betet alljährlich noch am iwdt das n^n-Gebet vor, er gehört noch zu den alten, guten, jüdischen D'ro Am Schluffe der gemeinsamen Mahlzeit betete er das Tischgebet mit einer solchen Kraft und Deutlichkeit vor, daß mancher Jüngere sich sagen mußte, dieser Greis kann es, ungeachtet seiner neunzig, die er hinter sich hat, besser, wie ich. Originell ist eine Familienphotographie, welche diesen Greis, deffen Sohn, Enkel und Urenkel in männlicher Linie, also vier avriD enthält. Möge der Jubilar noch lange sich des Lebens mit steter Gesundheit erfreuen. M. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Nikolsburg 2. Jan. Die Principien der sociatdemokratischen Partei fassen bei der mährischen Judenschaft immer mehr und mehr festen Boden und diese in Oesterreich erst im Entstehen begriffene Partei zählt unter unseren Glaubensgenossen bereits eine namhafte Summe von Anhängern. Und dieses ist auch kein Wunder. Welcher Partei sollten sich denn auch die Juden anschließen! Die deutsch-liberale Partei, von welcher man einst in Oesterreich mit Begeisterung sprach, hat längst aufgehört das zu sein, was sie zu werden versprach, ihre Grundsätze führen sie nur noch im Munde, ihre Versprechungen den Juden gegenüber, mit welchen sie besonders zur Zeit einer Wahl recht freigebig sind, haben selbst bei den Leichtgläubigsten jeden Glauben verloren, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß ihre Thaten gerade oft das Entgegengesetzte von ihren Worten sind; denn letztere bleiben ihnen nur Theorie und werden niemals in praktische Handlungen umgesetzt. Aber auch unter die Fittige der slavischen Völkerschaften können sie sich nicht bergen, denn auch von diesen hat der Jude nicht viel zu erwarteu und wie die jüngsten Ausschreitungen in Böhmen gelehrt haben, verstehen cs auch die Tschechen recht wacker auf die Juden loszuhauen, dieselben ihres Vermögens zu berauben und ihre Häuser zu verwüsten. Um jedoch der Wahrheit die Ehre zu geben, muß bemerkt werden, daß die Slaven in Oesterreich von den Juden fast allerorten in politischer Beziehung bekämpft werden, da die Juden überall dort, wo sie das Zünglein an der Waage bilden, wie dies beispielsweise in vielen Wahlbezirken Mährens der Fall ist, das Gewicht immer zu Gunsten der Deutschen in dw Waagschale werfen; ferner machen auch die Czechen nicht so viele Versprechungen und sind auch daher den Juden gegenüber zu nichts verpflichtet. Die Verfolgungen der Juden in slavischen Ländern gehören zu den seltensten Erscheinungen und die letzten Verfolgungen sind nur auf die hochgradige Erregung der Menge jurücfzuführeu. Aber eine merkwürdige Thatsache, die bei den Ausschreitungen in Böhmen zu Tage trat, dürfen wir doch nicht vergessen anzuführen. Um nämlich die Orthodoxen zu bekämpfen haben die Reformjuden die Behauptung aufgestellt, daß man sich nur dadurch vor Zurücksetzungen und vor Verfolgungen schützen kann, wenn man in seinem ganzen Auftreten den Juden nicht hervorkehrt, wenn man die jüdischen Sitten und Gebräuche nicht öffentlich ausübt, sondern sich zurückzieht, und wenn man sich nicht scheut mit Andersgläubigen und bei Andersgläubigen zu speisen und zu trinken. Wie sehr diese Behauptung Schiffbruch gelitten, haben die Vorfälle in Böhmen gezeigt, wo sich die Wuth des Pöbels gegen Juden gerichtet hat, die keinen Funken Judenthums in sich haben und die alles abgestreift haben, woran etwas „Jüdisches" erinnern konnte und die auch nicht verschmäht haben mit geheucheltem Heißhunger die Kost bei ihren christlichen Mitbürgern zu genießen. Da denkt denn leider so mancher Jude: Was bleibt anders übrig als der Anschluß an die Socialdemokraten, die wenigstens heute vor der Welt keinen Unterschied zwischen