Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1898)
- Date
- 1898-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 ihn auch heute noch ungestraft an Ehre und Gut schädigen darf, das beweisen seit einer Reihe von Jahren mehr und mehr die Zeitungsberichte, wenn sie von der Behandlung der Juden in vielen Theilen der sogenannten Kuliurwelt erzählen. Und welche Opfer hat gerade ein großer, leider zu großer Theil des jüdischen Volkes gebracht, um den Tanz um die vermeintlich glaubenzerstörende Wissenschaft und Kultur mitmachen zu können! Ihre Erstgeburt, die darin besteht, die Hüter und Wahrer des Gotteswillens zu sein, haben viele um das Linsengericht des möglichsten Anschmiegens an die sie umgebenden Völker und Religionen verkauft. Und selbst das, was ste weit über seinen Werth bezahlten, wird ihnen höhnisch vorenthalten. Die schwer Getäuschten erinnern sich, daß die Väter und Mütter die lange Zeit der Verfolgung hindurch für alle Roth reichen Ersatz fanden, in der freudigen Erfüllung der Gebote unseres heiligen Gesetzes. Die Epigonen haben jedoch viele Jahrzehnte hindurch die Uebung der Gesetz', verlernt. Nicht mehr können sie es über sich gewinnen am Sabbat und Feiertagen die Arbeit ruhen zu lassen, die Tugend der Enthaltsamkeit in Bezug auf verbotene Speisen verstehen sie nicht mehr zu üben, ja es gibt Viele, welche die süße Macht der Gewohnheit dahingebracht hat, daß sie ohne Orgelspiel und Damensang, ohne deutsche Gebete und sonstige Reformen sich keinen jüdischen Gottesdienst mehr denken können. Der Ruf zum alten Judenthum erschallt; ein rcnr: 7W „Wie können wir zurückkehren!" ist Die Antwort. Sollen wir auf den langgewohnten Gewinn der Sabbatarbeit wieder verzichten, sollen wir unseren nichtjüdischen Zechgenossen das beschämende Geständniß machen, daß wir sündigten, als wir früher ohne Wahl mit ihnen aßen und tranken? Ist es denkbar, daß wir der orthodoxen Minorität den Triumph gönnen, daß sie in ihrem Recht war, als sie vor Orgel und verbotenem Singsang warnte? Da greift man denn zu halben Mitteln. Dem Worte nach läßt man das Judenthum neu aufleben, die That entspricht aber nicht dem Wort und wie es natürlich ist, wird mit den halben Mitteln nichts erreicht. Der Unwisienheit auf dem religiösen Gebiete soll gesteuert werden, als Hilfsmittel greift man zum obligatorischen Religionsunterricht für die Jugend und zu den Vortragsabenden in den Literaturvereinm für die Erwachsenen. Im Religionsunterricht werden oft von unwisienden Lehrern den unschuldigen Kindern Dinge gelehrt, die mit den heiligsten Ueberlieserungen unserer Religion in Widerspruch stehen, in den Literaturvereinen besteigen häufig Männer dieiRednerbühne, die durch Anschauung und Lebensführung denl Judenthum entfremdet sind und die hehren Gestalten unserer Geschichte und Literatur mit den Augen des Unglaubens sehen und sie so ihrem Publikum vorführen. Schadet solcher Unterricht nicht weit mehr, als er nützt? Und dann, ist die Zeit, die dem jüdischen Wissen gewidmet wird in der Jugend und im reifen Alter nicht viel zu gering, als daß eine reichliche Ernte zu erwarten wäre? Und was die Literaturvereine betrifft, dienen sie nicht mehr der Unterhaltung, als dem ernsten Studium? Die geistigen Führer des Reformjudenthums, ihre Rabbinen, legen den Stolz ihres Unglaubens ab, suchen in allgemeinen Rabbinerverbänden Annäherung an ihre strenggläubigen Amtsgenossen, die sie noch vor Kurzem über die Achsel angesehen. Einige der gesetzestreuen Rabbiner sind gutmüthig genug, trotz vieler Bedenken, in die angebotene Hand einzuschlagen. Und dem darob erstaunten Publikum wird von Reformhelden mitgetheilt, daß die religiöse Kluft zwischen den Juden, sagen wir Deutschlands, ausgefüllt sei. — Ach, wie weit gähnt sie noch heute, diese traurige Kluft? Warum entschließt man sich nicht, durch vollkommene, aufrichtige Rückkehr zur Thora die einzige Brücke zu schlagen, die in Wahrheit über diese Kluft hinüberführt. Einen drastischen Beweis, daß man durch die Politik halber Mittel nichts erreichen kann, zeigt das Bemühen der jüdischen Gemeinde in der Reichshauptstadt, für die konservativen Gemeindemitglieder einen konservativen Rabbiner zu suchen, der zugleich ehrenwerther College radikalster Reformgeistlicher sein sollte. Sie suchten den ganzen verflossenen Jahrgang hindurch. Keine Notiz zeigte uns an, daß sie den Richtigen gefunden. — Werden sie ihn finden? Die Halbheit im anderen Lager erscheint fast lächerlich, besonders wenn sie von Zeit zu Zeit einer geärgerten Reaktion Platz macht, welche die Liebeswerber von gestern, heute ihren Unmuth über „die Fortschritte des Rückschritts" Luft machen läßt. Bei einigem guten Willen kann man aber immerhin darin doch einen ganz kleinen Schritt zur Besserung sehen. Ernster, ja sehr traurig wirkt es jedoch, wenn man sehen mußte, daß die Lauheit in den Gesinnungen und die Halbheit im Wissen hier und dort auch in unserem eigenen Kreise fühlbar wird. Die tiefe Beunruhigung, die darob viele echtjüdische Männer bewegt, tritt wenig an die Oeffentlichkeit, hat aber doch im vergangenen Jahre in diesen Blättern einen schwachenIWiederhall gefunden. An die weiteste Oeffentlichkeit hat sich vor Kurzem eine romantische Partei gedrängt, die ein phantastisches Mittel gefunden "zu haben glaubt, das ohne Religion und auch ohne jedeWalbheit die Noth und die Schäden des Judenthums heilen soll. Wir meinen die Zionisten und ihren Traum von der Gründung eines modernen Judenstaates. Auch sie haben im Zwielicht des zu "Neige gehenden Jahrhunderts Anhänger gesunden. In einer Zeit,^wo man die vierte Dimension und die Kunst der Magnetiseure mit ernster