Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1898)
- Date
- 1898-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. M I Der Israelit. Ein Eentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. XTefjtmum in X&taini. Montag, den 3 Januar 5858 (1898). Leitender Artikel. -K-! Rückblick. * Mainz, 2. Januar. Ein Jahrgang unseres Blattes liegt mit G. H. wieder abgeschloffen vor uns. Bevor wir den stattlichen Band zu der Reihe seiner Brüder stellen, durchblättern wir noch einmal das beredte Buch, erfreuen uns nochmals an manchem belehrenden, begeisternden oder ermahnenden Aufsatz. Vornehmlich aber fesseln untere Aufmerksamkeit die Berichte und Beurtheilungen von Tagesereigniffen, die zusammengenommen uns ein Bild der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens in den zwölf Monaten des verflossenen bürgerlichen Jahres darbieten. Bei einem solchen Ueberblick werden uns oft überraschend deutlich die geistigen Kräfte sichtbar, welche die vornehmlichsteu Geschehnisse veranlassen. Wenig wird von denselben gesprochen, noch weniger geschrieben. Jedoch, wie der gleichmäßige Gang eines Werkes uns auf die gleichartigen Triebfedern hinweist, die selbst von schützenden Hüllen verdeckt, es in Bewegung setzen, so zeigt uns eine gewisse Gleichmäßigkeit mancher Vorgänge im Judcnthume während der jüngsten Zeit, daß in den weitesten Kreisen unserer Glaubensgenoffen immer mehr ein und derselbe Gedanke Platz gegriffen hat, dessen Mahnungen Folge gebend, man unsicher tastend nach den verschiedenartigsten Mitteln greift. Dieser gemeinsame Gedanke spricht sich in der allgemeinen Ueberzeugnng ans, daß die inneren und äußeren Verhältniffe des Judenthums es gebieterisch verlangen, daß es so schnell wie möglich anders, besser werde, in unserem Kreise. Man hat allenthalben das oft noch dunkle Gefühl, daß es ein Fehler war, die Gesetze unserer heiligen Religion verlaffen zu haben, man weiß, daß das einzige Heilmittel in der Rückkehr zum alten, unverfälschten Judenthum liegt, man traut sich aber nicht die Kraft und die Fähigkeit zur völligen ehrlichen Rückkehr zu. Uns ist es, wenn die wechselvollen Gestaltungen an unserem geistigen Auge vorüberziehen, als hörten wir jenes Festgedicht des Versöhnungstages, in welchem die Aufforderung zur Rückkehr wiederholt durch den angstvollen Ruf nsnw "pxi „Und wie können wir zurückkehren!" unterbrochen wird. Wir glaubten mehrmals gar den abtrünnigen Achör zu erblicken, der am Sabbat und Versöhnungslage an den Ruinen des Tempels vorüberreitend, von der Stätte des Heiligthums aus die Aufforderung zur Rückkehr vernimmt, und im Bewußtsein seiner erdrückenden Schuld, neben dieser väterlichen Mahnung, das schreckliche va« prs hört. „Alle mögen zurückkehren, nur Achör nicht." Das neunzehnte Jahrbundert, es lehrte die Völker und Fürstell, daß alle Entdeckungen und Erfindungen, daß der hohe Stand der Wissenschaft nicht die Kraft hat, die Menschen besser und glücklicher zu machen. Während das junge Jahrhundert sich iticht genug thun konnte im Verspotten und Verhöhnen der Religion, während viele Jahrzehnte hinditrch ein jeder Gebildete, der sich religiösen Sinn bewahrt hatte, gegen den allmächtigen Zeitgeist vergebells anzukämpfen schien, sehen wir am Ausgang des Jahrhunderts diejenigen, die durch Macht und Wissen führende Stellungen einnehmen, sich angstvoll bemühen durch den Ruf nach "Religion die verzweifelte, enttäuschteMenschheit wieder aufzurichten und. zu beglücken. Die Juden besonders haben es anr eigenen Leibe erfahren müffen, daß die Fortschritte aus vielen Gebieten den Menschen nicht besser und edler gemacht haben. Sie, die Repräsentanten der Schwachen und Wehrlosen inmitten der Völker, welche man in einem Augenblicke edler Wallung aufgebört hatte zu knechten und zu erniedrigen, empfinden es doppelt schmerzlich am Abend des Jahrhunderts, daß der Tag nicht gehalten hat, was der Morgen so lichtvoll verheißen. Daß der Schwache immer noch rechtlos ist, daß man