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Der Israelit · 1911-12-28 · Heft 52 (28.12.1911) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 52 (28.12.1911)
Date
1911-12-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 12. ftt S2. Recht nicht verkümmern lassen, ganz nach eigenem Ermessen zu prüfen und zu^entscheiden, ob man einer Gemeinschaft, einem Verband oder einer Organisation angehören soll oder nicht, ob eine Trennung sich empfehle, oder gar eine gesonderte Organisation. Wir möchten sogar behaupten, daß die Orthodoxen im allgemeinen viel langmütiger sind, wenn in einer Organisation gegen ihre Grundsätze und Ansichten regiert wird. Man vergleiche das Verhalten der Jto und des Misrachi, um auf einen Vorgang aus der jüngsten Zeit zu exemplifizieren. Und die A. I. U. ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, um die ganze Hohlheit der Steinhardtschen Theorien zu erweisen. Hat sie nicht wirklich in ihrer Art Großes geleistet? Kann sie nicht Erfolge aufweisen, wie kaum eine andere Organisation? Und doch konnte sie es durch die bekannten Maßnahmen dahtnbringen, daß Männer von „liberaler" Gesinnungsart mit dem Austritt drohen, trotzdem doch deren Ausstellungen an der Tätigkeit der Alliance zu einem Nichts zusammenschrumpfen gegenüber den Beschwerden der Orthodoxen!' Was sie an der religiösen Erziehung der ihr anvertrauten Jugend des Orients gesündigt, läßt sich doch nur andeuten. Und daß sie ihren gewaltigen Einfluß mißbraucht, um durch ihre Vertrauensmänner Hamm Nahum und Antebi die Juden eines großen Reichs gewaltsam unter ein „liberales" Regime zu beugen, wer hat das vergessen? Müssen da wirklich nur die Orthodoxen in einer solchen Gemeinschaft ausharren und weiterkämpfen? Bei den deutschen Verbänden liegen die Verhältnisse fast genau so. Die Männer an der Spitze führen zwar die Redensart von der religiösen Unparteilichkeit im Munde, aber das hindert sie nicht, liberale Politik, so oft es ihnen paßt, zu treiben. Wir erinnern uns, daß erst vor wenigen Monaten auf der Generalversammlung einer großen und angesehenen Organisation der Vorsitzende sich sehr viel auf deren religiöse Unparteilichkeit zugute tat. Er mußte aber sofort auf das Vorhalten eines orthodoxen Delegierten kleinlaut zugeben, daß die Bureaubeamten eben dieser Organisation am Tage vorher den Sabbat entweiht, um den Sonntag frei zu haben. Es ist klar, daß alle diese Beamten nichts weniger als gesetzestreu waren, und es wäre naiv, zu glauben, daß bei der Auswahl von Lehrern und Direktoren der Anstalten, die jener Organisation unterstellt sind, nach anderen Grundsätzen verfahren wird als bei der der Bureaubeamten. Und diese Beamten, diese Lehrer und Direktoren bestimmen den Geist, der in den Verbänden herrscht. Bei einer anderen großen Organisation, die auch in Deutschland domiziliert ist und deren Majorität wahrscheinlich sogar der gefetzestreuen Richtung angehört, war die Sabbatentweihung zur ständigen Einrichtung geworden. Ist da wirklich viel gewonnen, wenn auf einen energischen Protest hin vorübergehend Remedur geschaffen wird? Wird der unjüdische Geist der Verwaltung nicht überall zum Vorschein kommen? Darf man sich selbst auf das Wohlwollen verlassen, das den Wünschen der gesetzestreuen Mitglieder zutveilen entgegengebracht wird? So kennen wir eine andere Organisation, an deren Spitze ein Mann steht, der nach allgemeiner Annahme das aufrichtige Bestreben hat, religiöse Unparteilichkeit zu wahren. Von vier Lehrern aber, die von jener Organisation an eine Schule des Orients gesandt wurden, hatten drei so ziemlich alles abgestreitt, was spezifisch jüdisch ist und an jüdisch-religiöses Leben erinnert. Ob das Verhältnis anderswo bester ist, wir müssen es bezweifeln. Es kann eben niemand aus seiner Haut heraus und so lange die Verwaltung der Verbände fast ausschließlich in den Händen von Männern liegt, die in Lehre und Leben dem traditionellen Judentum entfremdet sind, verstärken wir durch unseren Beitritt nur die Machtmittel unserer religiösen Gegner, wir haben aber nicht die geringste Gewähr dafür, irgend eine Der Israelit. von unseren berechtigten Forderungen durchzusetzen. Der Rat, den unser Gegner uns gibt, in die Verbände einzutreten und hier für unsere Ideen zu werben, ist zwar von seinem Standpunkt aus ganz verständlich, für uns ist aber der vorgeschlagene Weg nicht gangbar. Wir müßten uns von vornherein auf einen aussichtslosen Kampf gefaßt machen gegen eine Uebermacht, die — wir sehen das am deutlichsten bei dem D. I. G. B. — um Mittel und Wege nicht verlegen ist, unbequeme Gegner unschädlich zu machen und ihren Willen auch gegen starke Minoritäten, zuweilen sogar gegen eine Majorität durchzusetzen. Und Weil wir der Uebcrzeugung waren, baß im Lehrerverband der Geist der Mäßigung und der Rücksichtnahme auf die religiöse Ueberzeugung der gesetzestreuen Minorität gerade im entscheidenden Moment noch viel weniger vorhanden war als bei den anderen Verbänden, deshalb haben wir in dem „Bund" eine Gegenorganisatton geschaffen, die schon durch ihr bloßes Vorhandensein mäßigend auf den Neberciser der radikalen Elemente im Verband wirkt. Und weil wir wissen, daß sich bisher an dieser Sachlage gar nichts geändert hat, darum ist in unserer Mitte auch nicht die allergeringste Neigung vorhanden, der Aufforderung unseres Gegners zu folgen und uns mit dem Verband zu verschmelzen. Wir kämpfen nach bestem Können für die Interessen der jüdischen Schule und des Lehrerstandes und tragen so unser redlich Teil dazu bet, daß es^mit beiden aufwärts gehe. Wer aber das tut, der stellt sich nicht „außerhalb der Gesamtheit", sondern er sieht recht in ihrem Mittelpunkt, auch wenn er nicht der größeren, sondern der kleineren Organisation angehört. (Schluß folgt.) Zprecdsaal. Die Teuerung. Das Interesse an dem Zustandekommen einer Ersatzkaffe hat die Sorge für Las Nächstliegende vollständig zurückgedrängt, Eine außerordentliche Teuerung hat eingesetzt uno die Preise für die notwendigsten Lebensbkdürsnisse ganz enorm in die Höhe getrieben. Fast alle Körperschaften, wie Staat und Gemeinden, größere gewerbliche Unternehmen, ja sogar einige jüdische Grotzgemeinden, haben ihren Beamten Teuerungszulagen gewährt oder ihr Gehalt dauernd erhöht. Nur für den jüdischen Beamten auf dem Lande regt fich keine Hand. Er aber bedarf der Hilfe gerade am dringendsten. Ueber feine traurige wirtschaftliche Lage in normalen Zeiten ist schon so viel geschrieben und grklagt worden, daß es überflüssig erscheint, noch ein Wort darüber zu verlieren. Unsere Landgemeinden find an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt und nicht imstande, noch weitere Opfer zu bringen, um so weniger, da ih.e Mitglieder nicht nur selbst unter der Teuerung leiden, sondern auch durch die säst vollständige Lahmlegung des BtehhandelS ihre Erwerbsquelle versiegen srhen. Mehr oder weniger macht fich dieser Notstand tn fast allen Landgemeinden geltend. Während aber der Privatmann sich neue Erwerbsquellen erschließen und den Einnahmeausfall auf der einen durch erhöhte Tätigkeit auf der anderen Seite nusgleichen kann, ist dem jüdischen Lehrer auf dem Lande die Möglichkeit genommen, sein Einkommen zu erhöhen. Ja, es erfährt gegenwärtig sogar noch eine wesentliche Verringerung, denn da ein Teil unseres Einkommens aus freiwilligen Gaben, sogenannten Rachmonusgeldern, besteht, deren Höhe fich ganz nach ten Erwerbsverhä.tntssen regelt, so ist es einleuchtend, daß bei solch schlechten Zeiten der Lehrer am meisten leidet. Rachmonusgelder! Es ist ein Rachmonus, wenn man darauf angewiefen, ist und sie nicht hat! Man glaube auch nicht, daß auf dem Lande die Lebensmittel billiger seien als in der Stadt. Es ist leicht, rechnerisch nachzuweisen, daß das Gegenteil der Fall ist. Sogar Milch, Butter, Eier und Gemüse und besonders die Kolonialwaren, muß der Landlehrer teilweise teurer zahlen als sein Kollege 'in der Stadt, abgesehen davon, daß es beispielsweise schwer ist, Milch überhaupt zu bekommen, worüber ja auch unsere christlichen Kollegen klagen. An das Märchen von dem billigen Landleben glaubt heute kein Mensch mehr. Wohl sind unsere Ansprüche an das Leben geringer als die deS Städters und wir kennen viele Bebürfniffe nicht, die jener als unumgänglich notwendig anfieht, aber wir und unsere Kinder müssen doch essen und uns kleiden, und es ist schlimm, sehr schlimm, wenn das Einkommen nur eben für das 28. Dezember 1911 Extstenzmtnimum ausreicht und eS treten Preissteigerungen von 20—30 Prozyrt für alles ein, was wir zur Fristung deS nackten Daseins brauchen. Der Stallschweizer meines Nachbarn, eines reichen Bauern, erhält bei freier Verköstigung einen Wochenlohn von 18 Mark, und ich hole mir allmonatlich bei unserem Rechner bare 5 0 Markalles Uebrige find Nevenbezüze! Woher aber soll uns Hilfe kommen? Der einzelne Lehrer kann fich vielleicht dadurch helfen, daß er eine so schlecht bezahlte Stelle ausgibt und fich um eine besser dotierte bewirbt. Und wenn alle Stricke reißen, dann nimmt er einen Posten als VlÜV oder löfTIV an und hängt den Lehrer an den Nagel, denn es ist leider eine traurige Tatsache, die durch einen Blick tn dm Annoncenteil einer jüdischen Zeitung bestätigt wird, baß jene Stellen viel besser bezahlt werden ald die eines Religionslehrers, der aber, wohlgemerkt, ja auch tfn und Schoch et sein und zuweilen nolens voJens auch 'jene Dienste ver- . richten muß, die anderwärts dem Shnagogendtener zufallen. Aber abgesehen davon, daß Lehrer tn vorgerücktem Alter — die Grenze liegt schon &itm 45. Lebensjahre — bei der Bewerbung um jeden einigermaßen auskömmlichen Posten vollständig ausschetden, was soll aus unseren Landgemeinden werden? Und vor allem, wie soll dem augenblicklichen Notstand begegnet werden? Vielleicht ließe fich in Oöerhessen dadurch Abhilfe schaffen, daß die Beiträge zur LandjudenschaftS kaffe um etwa 5 Prozent erhöht und den Beamten in den Landgemeinden daraus Teuerungszulagen gewährt werden. Auch in dem früheren Kurhrssen bestehen ähnliche Kassen, die den wenig zahlreichen Religionslehrern des Regierungsbezirks Kassel bet einigem guten Willen ganz kräftig unter d.e Arme greifen könnten. Auch in anoeren deutschen Stützten und Provinzen werden sich Mittel und Wege finden, um wenigstens übcr die jetzige schwere Zeit htnüberzuhelfen. Aber E i l e t u t n o t! M. Nachschrift der Redaktion: Dem Appell unseres Kollegen an das öffentliche jüdische Gewiffen haben wir kaum etwas anzufügcndie Sache spricht für sich. Trotzdem bezwe fein wir, -ob er mit fr inen BorschlägkN Erfolg haben wird. Unsere maßgebenden Stresse find den Klagen der Lehrer gegenüber sehr unempfindlich. Es herrscht diesen Zuständen gegenüber noch zu sehr die Politik deS laisser aller, Jaisser faire und bts man fich zur Hilfe entschließt, wird es zu spät sein und die Landgemeinden aus dem Aussterbeetat stehen. Unsere chlsstltchen Kollegen in Hessen kämpsösi gegenwärtig für eine Erhöhung ihres Gehaltes (Höchstgehalt inklusive der Vergütung für den Fortbildungsunterricht und der WohnungSgeldentschädigung ca. 3700 M. für jede definitive Schulstelle), das dem jüdischen Religionslehrer als das Ideal einer Besoldung vorschwevt, und sie veröffentlichen Woche für Woche deraittiette Haushaltungspläne, um nachzuweisen, daß sie mit der gegenwärtigen Gehaltsskala nicht auSkommen können. Diese Pläne werden den Landtagsabgeordneten unterbreitet und unterliegen einer strengen Nachprüfung, und für den Kenner der Verhältnisse unterliegt eS kemem Zweifel, daß ste der strengen Wirklichkeit entsprechen. Bei dem Durchlesen derselben empfinden wir stets ein schmerzliches Gefühl. Wenn hier überzeugend nachgewiesen wird, daß man vei einem Durchschnittseinkommen von 2000 Mark kaum auSkommen kann, wie groß muß die Not in den jüdischen Lehrerfamtlien sein, die aus die bekannten Hungerlöhne angewiesen find? Briefkasten. S in F Mit dec betreffenden Stelle ist m. W. die Schechtta in einer Gcslügeimästtrei verbunden, die zwar recht einträglich ist, wo aber — der Besitzer ist Eyrift — an den Schochet zuweilen Zumutungen herantreten, die ihn iu einen schweren Gewissenskonflikt bringen müssen. Ein nicht semmarisch gebildeter Lehrer verzichtete schon nach zwei Monaten aus die Stelle und sie ist so oft ausgeschrieben, daß man jedem Kollegen abraten mutz, sich darum zu bewerben. Bei dem zuständigen Rabbinat wird der Beamte kaum Unterstützung finden, ganz abgesehen davon, daß eine wirksame Einwirkung auf den Besitzer behufs Herstellung einer zuverlässtgen Schechita nicht ganz leicht ist. Hands off! Dreimal umgezogen ist bet dkm jüdischen Lehrer und den großen Entfernungen sogar noch schlimmer als einmal abgebrannt. Einen solchen Stellenwkchsel soll man nur vornehmen, wenn die Verhältnisse ganz unhaltbar geworden find und das sind sie bei Dir doch G. L. nicht. Atnicus. Wir in Hessen müssen nach wie vor danach streben, daß tte Kollegen in die staatliche Fürsorgekaffe eingekaust werden, da diese bei Pensionierung nach den Grundsätzen der staatlichen Beamtenversorgung der- K. Die Beiträge sind nur um ein Geringes höher als ür die Prtvatbeamtenverstcherung.

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