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Der Israelit · 1911-12-28 · Heft 52 (28.12.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 52 (28.12.1911)
Date
1911-12-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 52 bas „Fsraelit". euilleton Hiittmrvrcde«. Roman von Sch. (2. jortfrtzung.) „Unb wo schlofft? Unsereins muß auch sei Ruh Ham. Draußen is kee Wetter nit für die Walzbrüder, ist naß und hundekalt, un hier uff de Bank oder am Haustor kimmt dir die verdammte Pickelhaube an den Leib un bringt dich ane Stell, wo man dei ganz Register vom Mutterleib o uffrollt un obedrein Dir noch ein paar hübsche photographische Aufnahme gratis und franko liefert ... So dümmliche Bagasch . . Er ballte wieder die Faust und fuchtelte drohend noch allen Richtungen . . . „Wird sich schon finden" versuchte Maslow den Mann abzuschütteln. „Finden?" lachte dieser, „Nichts findst, wenn kein Geld hoft. Jammerschad is' es, wären sonst zur Katrine gangen, wo ich noch Freund Edi den leeren Schädel einschlagen muß. Aber nu Hot der Jammermensch kei Geld nit. Do bleibt nur die Herberg übrig". Einmal im Schwünge, setzte der Mann, der in fremden Zungen sprach, seine Redeschwall, ohne sich vom dumpfen Schweigen seines Opfers irre machen zu laßen, fort: „Is, weißt, nit mei Ideal, die Herberg, wo man für a Patzen eine Wassersuppe oder nen frommen Milchbrei bekimmt, un für denDurscht Gänsewein bester Sorte, un statt'nen herzhaften Tropfen 'n Dutzend Paternoster. Is nischt für meinen Magen un auch nit für die Dauer für unsereins. Nn arbeiten muß ma obedrein auch, wenn man's Nachtlager nit blechen kann. Aber so zum Vorübergeh' und zum Zeitvertreib, wenn man gar «ff meh anders Hot und weiß, geht es auch emol . . . Hier sein wir schon am Fürschtehof, do der Paradeeingang! Loß dir gut sein bei Waffersupp und Milchbrei und Katerines Malzkaffee. Ich geh' zu meine Katerine . . . Hab noch abzurechnen, mit dem Edi nämlich . . ." Maslow atmete befreit auf, als sich jetzt der unheimliche Mensch mit heftigem Händedrucke wankenden Schrittes von ihm entfernte und er blieb nne Weile unentschlossen, halb ängstlich, halb neugierig, vor dem schmalen Hofeingange, in dem sich ein lebhaftes Treiben abspielte, stehen. Einem Beshamedrasch sah dieses rote Steinhaus mit dem großen Schilde, auf dem mit großen Buchstaben „Herberge zur Heimat" geschrieben stand, freilich nicht ähnlich, und die große Petroleumlaterne am Eingänge sah unheimlich genug darein. Allein so viel begriff der fremde Jüngling, daß hier ein billiges Nachtquartier zu haben war. Und wie sagte doch vorhin sein zudringlicher trunkener Begleiter? „So im Vorübergehen, wenn man gar nichts mehr hat und nichts mehr weiß ..." Er kramte in seinem Sacke. Dort waren in ein Leinwandtüchlein, das ihm die Mutter am Abend vor der Abreise eigens zu dem Zwecke genäht, einige Silber- und Nickelmünzen, die er am Bahnschalter in der Abfahrtstarion herausbekommen hatte, außerdem mehrere harte Kupferstücke russischer Währung. Ein eigentümliches Gefühl überkam ihn, als er jetzt das Leinwandsäckelchen in der Hand hielt. Er hatte während der ganzen Fahrt nicht an die Mutter gedacht. Die neuen Eindrücke, die so gewaltsam auf ihn einstürmten, waren stärker als die alten . . . Jetzt sah er die alte runzelige Frau am rauchenden Lämpchen fitzen und mit zitternden Fingern nähen,- jeden Stich begleitete eine leise Träne und ein Wort, das als Gebet, als Ermutigung gedacht war, sich doch auch nebenbei wie eine bittere Anklage ihres Schicksals anhörte. „Nun, mein Sohn, gehst auch du . . . Ich bin allein. Gott stehe dir bei . . . Dein guter Vater ist von ihm zu sich genommen und finster ist es in allen Ecken des Hauses. Was kann eine arme Witwe tun für ihr Kind, das in weite Ferne geht? . . . Deines Vaters Verdienst begleite dich. Wirst deine alte Mutter, die außer dir nichts mehr auf der Welt hat, nicht vergessen!" — So hatte die alte Frau gesprochen und genäht und geweint und weiter geftichelt mit müden bebenden Fingern am Beutelchen und — „Rin, als rin in die gute Stube!" . . . Ein Trupp juiiger Burschen war es, der singend und johlend daherkam und in den Hofeingang tretend Maslow mit hineinriß. Fast willenlos folgte er den Gesellen in die Herberge.' II. In der Herberge Hub mit beut Vorrücken der Nachtstunde ein lebhaftes Treiben an. Immer neue Gesichter tauchten auf. Müde, von Alter und Laster gebrochene Gestalten mit düsterem, scheuem Blicke, und junge rotwangige Burschen, von frischer Hoffnung auf die Suche nach dem Glücke gedrängt. Die einen duckten sich in eine Ecke und warteten mit dumpfem Gleichmut der Schlafenszeit, die anderen schnürten ihre Ränzlein auf und zu. In einer Ecke entwickelte sich ein schwunghafter Handel mit alten Kleidern, die ein baumlanger Geselle, nachdem er sie gestohlen oder erbettelt, hier mit Hilfe eines buckeligen Männchens, eines angeblichen Schneiders, der die Sachen taxierte, lobte und sofortige Vornahme jeder nötigen . Ausbesserung und Aenderung versprach, gut an den Mann brachte. Auf dem Buffet, hinter dem ein kleiner gedrungener Mann mit der grimmigen Miene eines Tierbändigers in scharfem Kommando das Regiment führte, dampften mehrere bauchige Schüsseln und riesige Kannen, umringt von vorgeschnittenen Bro^ rationen, allerlei Backwerken und großen Platten. Nur wenige Bevorzugte konnten sich diesem Dorado der kulinarischen Genüffe nähern, um sür einige Nickel eine warme Suppe, ein Schüsselchen Kaffee oder eine Scheibe Brot zu erstehen. Die meisten kauerten stumpf und dumpf auf einer Bank oder schwirrten unruhig in der schlecht beleuchteten Gaststube umher, schreiend, feilschend, zankend, bis der finstere Mann hinter dem Wirtstische den einen oder anderen mit drohendem Blicke in die Schranken der Hausordnung wies. Ganz hinten in der Ecke zwischen Türe und Wirtstisch hatte sich Maslow plaziert und sah, selbst unbeachtet, halb ängstlich, halb interessiert auf das bunte Treiben hin. Er mühte sich, die unterbrochenen Gedanken an die Mutter, iyr Leinwandbeutelchen und ihre Tränen und Worte jetzt wieder aufzunehmen und fortzuspinnen, was ihm aber nicht mehr gelingen wollte. So oster in der Phantasie den Heimatboden berührte, stieß ihn irgend eine der vorüberrauschenden fremden Erscheinungen wieder jäh und brutal aus dieser Welt der Erinnerungen, und sie schien jetzt immer ferner, immer ferner zu rücken . . . Er hatte sein letztes Brot, das auf der Reise bretterhart und trocken geworden war, um die Mittagszeit im Zuge verzehrt. Er kalkulierte, ob die Kupfer- und Ntckelmünzen im Beutelchen sür eine Brotscheibe neben dem Schlafgelde ausreichen würden. Indessen hatte die Frage eine rein theoretische Bedeutung sür ihn, nur soweit sie seinem Gehirn eine kleine Beschäftigung und Ablenkung in diesem beängstigenden Wirrwarr bot. Denn er fühlte sein Herz viel zu beladen und beklommen, um Hunger zu verspüren. Da ertönte hinter dem Schanktische eine Glocke, lang und laut und eindringlich. Die Anwesenden richteten sich auf, und es trat feierliche Stille im Raume ein. Ein junger Mensch, der' aus irgend einer Türe von innen her gekoutmen war, verteilte mit wichtiger Miene kleine schwarzgebundene Büchlein und setzte sich dann vor einen Kasten, eine Art Rollpult, dessen weißblitzende Zähne Maslow sehr interessierten. Von irgend woher tauchte auch eine dicke behäbige Gestalt mit vollem glattrasierten Gesichte auf und postierte sich an ein Pult im Hintergründe. Die Anwesenden falteten die Hände, und manch einer bemühte sich unter verhaltenem Kichern und geheimen Püffen seines Nebenmannes, ein ernstes Gesicht zu schneiden. Ein Akkord aus acht Harmoniumvfeifen brauste durch den Raum, und dann erhob sich ein Gesang, wie ihn Maslow noch nie gehört. Mechanisch sah er ins Buch, konnte aber, wiewohl des Lesens kundig, den Zusammenhang der von mächtigen Tonwellen getragenen Worte nicht finden. Es wurde ihm schwer und immer schwerer zu Mute. Es saß ihm etwas in der Kehle und er glaubte zu ersticken. Ganze Berge neigten sich über ihn, reißende Fluten stürzten dröhnend daher, immer näher, immer näher ... Es war ihm klar, daß er das fremde Buch weit von sich werfen müßte und davon eilen, laufen, so weit ihn die Beine trugen. Aber seine Energie war gelähmt. Vornüber gebeugt mit scheuen! Blicke, so stand er da mit linkisch gefalteten Händen, als würde er vom Fieberfroste geschüttelt und wagte es nicht, sich zu rühren, sich umzusehen ... - Geräuschvoll setzten sich die Betenden wieder nieder, die Klänge verstummt waren und der dicke Glattrasierte hinter dem Pulte Hub mit sonorer Bauchstimme etwas zu reden an. Er las einen Satz, der Maslow bald so nahe und bekannt, bald aber ihn wie eine Stimme aus fernen, ftemden Welten anmutete. Dann sprach er vom Elternhause, von der Mutter, die jetzt wohl an ihr Kind in der Fremde denke, vom Lohne der Tugend und Redlichkeit und dann von allerlei Dingen, deren Sinn Maslow wiederum nicht erfaßte und schloß darauf mit dem Satze der Einleitung, der gleichzeitig so nah und so fern klang . . . Wiederum schlugen die Register an und die Gäste erhoben sich zum Gesänge. Die ganze Zeremonie hatte kaum eine Viertelstunde gedauert. Aber Maslow schien es jetzt, als sei er eben aus einer anderen Welt, in der er eine ganze Generation in Angst und Not verlebt hatte, erwacht. Scharf kontrastierte zu dem salbungsvollen Tone des Predigers die schneidende Stimme des Verwalters, der in das Menschengewirr hineinkommandierte : „Nummern vortreten!" Maslow verstand den Sinn dieses Kommandorufes nicht, aber willenlos folgte er den anderen an den Tisch und erhielt nach langem Warten, erst nachdem das Drängen äufgehört hatte, als letzter gegen Erlegung der nötigen Nickelftücke seine Nummer: eine münzarttge Blechmarke. „Bis Nr. 10 antreten!" dröhnte wieder ein Befehl in den Saal, worauf sich eine Gruppe in den Hof begab. (Fortsetzung folgt.)

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