Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1911)
- Date
- 1911-12-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ood Leb« Piiyj|w|>> Belly Jimlif Vj I Organ des Bundes geseftesfreuer jüdischer hehrer Deutschlands. Friedens wrschläge? (Fortsetzung.) Aber nicht nur der Selbsterhaltungstrieb verbietet ihm, dem Bunde Gleichberechtigung zuzuerkennen, sondern auch die S e l b st a ch t u n g! „In den Satzungen -es Bundes befindet stch eineBesttmmung/wonach niemand ihm angehören darf, der auch Mitglied des Verbands ist. Es liegt in dieser Bestimmung eine derart kränkende upb beleidigende Herausforderung der Verbandsmitglieder, daß, so lange sie fortbesteht, unser Ehrgefühl es uns verbieten muß, überhaupt mit dem Bunde uud seinen Lettern in irgend welche Beratung zu treten." Nach dieser Auffassung scheinen die HH. Peritz und Dingfelder eine viel geringere Dosis von Ehrgefühl zu besitzen als der Obergewaltige an der Elbe. Wir wären ihm aber recht dankbar, wenn er uns mtttetlen wollte, worin denn eigentlich das Kränkende und Herausfordernde dieser Bestimmung liegt. Ist es ihm denn vielleicht unbekannt, daß der große Bayerische Lehrerverein, ebenso wie der Hessische Landeslehrerverein — wahrscheinlich auch noch viele andere deutsche Lehrervereine — fast genau dieselbe Bestimmung als Schutzparagraphen in ihre Statuten ausgenommen haben, um es denjenigen Mitgliedern der gegnerischen katholischen Leyrervereine, die gern auf zwei Schultern tragen, unmöglich zu machen, beiden Vereinen anzugehören. Jener Paragraph, der angeblich ein so großer Stein des Anstoßes ist, sollte einmal verhindern, daß sich uns aus materiellen Gründen Mitglieder an-- schlössen, die nicht voll und ganz auf dem Boden unseres Programms stehen und anderseits Elemente von uns-fernhalten, die, als eifrige Parteigänger des Verbands, einen Keil in unsere Bereinigung treiben konnten oder wollten. Daß durch diese Schutzmaßregel eine ganz große Anzahl von Kollegen ausgeschlossen ist, deren Mitgliedschaft uns sonst von höchstem Werte wäre, gesteht jedermann zu, und ebenso wenig wird bestatten, daß diese Maßregel gerade um dieser Ursache willen den Beifall vieler unserer Gesinnungsgenossen nicht besitzt. Das ist aber eine interne Angelegenheit des Bundes, und sein Verhältnis zum Verbände würde um kein Jota gebessert werden, wenn der betreffende Paragraph heute oder morgen fiele. Ihn dahin aufzufassen, daß Mitglieder des Verbands nicht' würdig seien, dem Bunde anzugehören, — und nur in diesem Falle wäre er kränkend — dazu gehört eine Voreingenommenheit, um die wir niemand beneiden. Das Gerechtigkeitsgefühl endlich hindert zwar denLehrerverband nicht, seinen zahlreichen gesetzestreuen Mitgliedern eine Vertretung im Geschästsführenden Ausschuß zu versagen, es verbietet aber unserem Gegner, uns die Gleichbe- » . - -- rechtig ung zuzugestehen. Er ist zwar recht ausführlich an dieser Stelle, und es fehlt keineswegs an' den schmückenden Beiwörtern „hyperorthodox" und „fanatisch", aber wir konnten mit dem besten Willen nicht in die Tiefe seiner Geistesgänge eindringen und herausfinden, wieso sein Gerechtigkeitsgefühl dem entgegenstehe. Ach, wir legen absolut keinen Wert darauf, ob er und andere uns die Gleichberechtigung zuerkennen oder versagen, aber wir sind mit Lesstng ein großer Freund von Klarheit, und klar ist unS auS der in Frage stehenden Abhandlung nur das eine geworden, daß hier die alte Verdächtigung aufewärmt wird, ein recht großer Teil der Bunesmitglieder folge nur der Weisung, die von Fulda ausgegeben wird. Es ist noch nie die Spur eines Beweises dafür erbracht worden, daß H. Provinzialrabbiner Dr. Cahn auch nur die geringste Beeinflussung des Bundes seit seiner Gründung versucht hat, aber was schadet das? Die Verdächtigung macht immer Eindruck auf die Leser der „Bl. für Erz. u. U." und sie ist ein paffender Uebergang für die „Gegenvorschläge" oder vielmehr für die „positiven Gegenschläge", zu denen ein boshafter Druckfehlerteufel sie verunstaltet hat. Die Friedensvorschläge! Wir können sie unmöglich ernst nehmen, weder nach der subjektiven noch nach der objektiven Seite hin. Sie müssen jedem Unbefangenen als eine Verbrämung für die Angriffe auf den „Bund" erscheinen. Wir halten, nebenbei gesagt, den Schriftleiter des Verbandsorgans auch nicht für die geeignete Persönlichkeit, um als Parlamentär zu wirken,' dazu ist er viel zu viel leidenschaftlicher Parteimensch. Wer mit der rechten Hand Steine nach dem Gegner wirft und die linke zum Frieden darretcht, spielt, gerade herausgesagt, eine komisch wirkende Figur. Und wer dem Gegner zumutet, er solle seine feste Burg, als die wir doch ohne Zweifel unseren „Bund" ansehen können, verlassen und auf schöne Worte bauend in das gegnerische Lewer übergehen, der ist mindestens sehr naiv. Dümmer als die Fische in der bekannten Fabel find wir noch lange nicht. Er ist ja so gütig, uns nach dem Vorbild der Jugendvereine einen Schußparagraphen und eventuell sogar innerhalb des Verbands eine orthodoxe Vereinigung zu konzedieren, aber das kann uns wahrlich nicht verlocken, eine durchaus gesicherte Stellung aufzugeben und uns nach seinem Vorschlag mit dem Verband zu verschmelzen. Aber um eines einzigen wahren und richtigen Wortes willen, das seine beiden Artikel enthalten, wollen wir seine Gegenvorschläge nicht, wie wir im ersten Augenblick beabsichtigten und wie sie es verdienten, brüsk zurückweisen, sondern einer sachlichen Prüfung unterziehen. Er schreibt: „Will man die Dinge recht verstehen, so muß man die ganze Situation innerhalb der deutschen Judenheit, von welcher'die Vorgänge innerhalb der Lehrerschaft nur eine Tetlerfcheinung sind, zu würdigen wissen." Sehr richtig! Wenn man weiß, aus welchen Gründen ein erheblicher Teil der Gesetzestreuen den großen Organisationen fernbleibt und manche ihrer Maßnahmen energisch bekämpft, dann wird man auch unsere Stellungnahme dem Lehrerverbande gegenüber verstehen. Unsere Leser werden uns das Zeugnis nicht versagen, daß. wir uns stets auf unser ureigenstes Gebiet, die Vorgänge in Schule und Gemeinde, beschränkt und uns nicht an den Parteikämpfen beteiligt haben, die sich um uns herum abspielten, obwohl sie — man denke nur an das Gebetbuch des badischen Oberrats — zuweilen auch in das Gebiet der Schule hinüberspielten und obwohl sich unser Gegner diese Reserve nicht auferlegte, sondern gar nicht selten in „hoher Politik" machte, immer natürlich nur „unparteiische". Wenn wir heute von unserer Gepflogenheit abgehen nnd kurz unsere Stellung zu den großen Organisationen präzisieren, so geschieht es auch schon aus dem Grunde, weil unser Gegner in seinem zweiten Artikel mit Phrasen um sich wirft, die, wenn sie unwidersprochen bleiben, leicht Verwirrung in unreifen Köpfen anrichten können.*) Da find all die bekannten Schlagwörter, die für unsere Gegner so bequem sind, so lange sie sich selbst in der Mehrheit befinden, an die sie sich aber nicht mehr kehren, wenn sie unterliegen. „Ich kenne die Weise, ich kenne den Text usw." Was soll man zu Sätzen wie die folgenden sagen: „Wollen unsere Orthodoxen — einerlei, ob sie Lehrer, Rabbiner oder Private sein mögen — für ihre Ideen werben, so dürfen sie sich nicht außerhalb der Gesamtheit stellen. Wer sich außerhalb einer Gesamtheit stellt, hat das Recht verwirkt, in irgend welchen jüdischen Dingen, feien sie auch nur materieller Art, mit den anderen noch zusammen zu arbeiten." Wer also den Verbänden nicht Beitritt, oder gar einen eigenen Verband gründet, der stellt sich außerhalb der Gesamtheit und wer aus einer Gemeinde oder aus einem Verbände austritt, der scheidet aus der jüdifchenGemeinschaft! Damit ist allen Separatgemeinden das Urteil gesprochen, frrttichauchder deutschen Konferenzgemeinschaft, wenn sie es stch bestallen läßt, der Alliance den Rücken zu kehren und sich auf eigene Füße zu stellen, wozu sie augenscheinlich große Lust hat. Damit aber fällt das ganze luftige Gebäude unseres Gegners in ein Nichts zusammen. In Wirklichkeit sind es nämlich gar nicht die bösen „Hyperorthodoxen" allein, dir sich das *) Wir sehen dabei von prinzipiellen Befichtspunkten ganz ab und vertreten hier nur den Praktischen Standpunkt.! am