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Der Israelit · 1911-12-28 · Heft 52 (28.12.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 52 (28.12.1911)
Date
1911-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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SS. DezemS-r 1911 Der 9*i<teiü ft* 52. «eite 3 geschieht erst auf unser bringendes Verlangen fett ganz kurzem, nachdem die Jca im Interesse der Organisation uns wiederholt ersucht hat, den empfohlenen Emigranten in keinem Falle auf der Durchreise Unterstützung zu gewähren, andererseits aber häufig Emigranten eintrafen, die auch nicht einen Heller in der Tasche hatten und doch von unS unterstützt werden mußten. GS wird nun von uns genau auf den Heller jedem Emigranten das herauSgezahlt, was zu seinen Gunsten aus Rußland mehr etngeschickt wurde, als -er Nettopreis der ermäßigten Fahrkarte ausmacht. Wenn Sie genauere Daten vorüber wünschen, legen wir Ihnen ein Verzeichnis der seit dem 1. November von uns an Emigranten herausgezahlten Beträge bei. Die Kosten -er Expedition durch unseren Diener am Bahnhof, sowie die Spetsemarken, die wir armen, hier vorübergehend zum Aufenthalt gezwungenen Emigranten bewilligen, werden natürlich auf unsere Rechnung genommen. Die „Geschäfte", die wir mit dem russischen Hilfswerke machen, gehen aus unserem Jahresberichte hervor, in welchem die Kosten der russischen Aktion pro 1S10 mit K. 46650,21 ausgewiesen sind, welcher Summe gegenüber die Rückvergütungen oder Einzahlungen weniger als die Hälfte ausmachen. 3. ES ist eine direkte Unwahrheit, daß der Rubel für die Emigranten mit K. 2,5v berechnet wird. ES werden im Gegenteil die Auswanderer vor Ausbeutung ihrer Unerfahrenheit unter anderem dadurch geschützt, daß wenn sie Rubel einzuzahlen haben, diese bet uns zum genauen Tageskurs, und zwar zu K. 8,54 übernommen werden. Uevrigens hat dies nichts mit den von den Jca-Komttees empfohlenen Emigranten zu tun, da für diese daS Geld in der Regel mittels eines Schecks durch eine Bank überwiesen wird, wobei wir das Geld in Wien in Kronen erhalten. 4. Die Reise nach Basel kostet im Gruppentransport bet einer Agentur 20 K., bei der anderen 19 K. und dem Emigranten wird genau das berechnet, was netto für ihn aufgegeben wurde. ES sei nebenbei bemerkt, daß jeder von den Jca- KomtteeS empfohlene Emigrant, wenn er nach Wien kommt, bereits die Hälfte der Bahnkosten von -er russischen Grenze ab durch eine besondere Vergünstigung erspart hat, welche wir zugunsten der armen Emigranten, die mit LegtttmattonSkarten unserer Allianz auSgestattet sind, erwirkt haben." Jnbezug auf die im „Fraind" gegen die Alliarrz erhobene und von uns wiedergegebenen Anklage wegen schlechter Behandlung der Emigranten wird in der Erwiderung bemerkt, daß auch dies auf unrichtigen Informationen beruhe, da sich jeder, der das Bureau besuche, überzeugen könne, mit welcher Höflichkeit, Ruhe und unerschöpflichen Geduld die Verhandlungen mit den Emigranten geleitet werden, wenn auch an den Tagen eines großen Emigrantenandranges zur Ausrechterhaltung der Ordnung häufig die Anwesenheit eines Sicherheitswachmannes erforderlich sei. Avisierte Familien werden auch regelmäßig am Nordbahnhofe (zumeist um 5 Uhr früh) erwartet und mit erheblichen Kosten für die Zeit eines etwaigen Aufenthaltes in Wien unterbracht. Man wird diese Mitteilungen in der jüdischen Oeffentlichkeit, sobald sie, wie wir hoffen, von maßgebenden Faktoren nach Prüfung an Ort und Stelle bestätigt werden, mit großer Genugtuung aufnehmen. Me kick Sie Welt in rufiifdten DiplomafeH-Käpfen malt Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, einen hohen Petersburger Diplomaten, der während der Weihnachtsfeiertage in Wiesbaden weilte, zu sprechen und befragte ihn über den Konflikt zwischen Rußland un - Amerika. Der Diplomat äußerte sich ungefähr wie folgt : „Wir würden, wenn auch nicht mit großem Vergnügen, so doch ohne jede Beschränkung und ohne Konfessionsvisum amerikanische Juden hereinlassen, es sind meistens arme polnische „Schnorrer", die früher in unserem Reiche wohnten, recht bescheidene Leute, die drüben zwar ihren Kaftan verloren, aber noch keine Dollarmilliarden gewonnen haben - Leute, die sich um Politik nicht kümmern und denen jeder Tfchinowntk ihre Afra ansieht, auch wenn sie nicht im Visum verzeichnet steht. Die kann man, wenn man will, auch leicht mit anderen gesetzlichen Mitteln hinausweiseu. Sie holen hier irgend einen Verwandten ab, besuchen die Gräber ihrer Toten und reisen meistens unter Hinterlaffung einiger hundert Dollar für ihre Eltern oder Geschwister bald wieder ab. Aber, wenn wir sie hereinlaffen, dann müffen wir auch englische, deutsche und französische Juden auf unbeschränkte Zeit aufnehmen und das tun wir, ich gestehe es, äußerst ungern. Denn diese sind äußerlich von den anderen Westeuropäern nicht kenntlich, viele von ihnen bekunden aber meistens eine derartig radikale Gesinnung, daß wir sie durchaus nicht allzulange hier behalten wollen und die Türklinke des hinauskomplimentierenden Pförtners nur ungern aus Händen geben. Gewiß kommen auch eine große Zahl gutgesinnter sehr respektabler Westjuden zu uns, aber wir können sie doch nicht aussuchen und um nicht noch mehr Gärpilze in unser ohnehin schon überschäumendes Faß zu gießen, müffen wir auch manchen neutralen Stoff zurückweisen. Konnte doch jüngst sogar ein jüdischer Freund des Kaisers nicht hereinkommen und mußte erst die allerhöchste Intervention anrufen. Es ist auch wahr, daß die westeuropäischen Nichtjuden oft aus denr?gleichen Holz geschnitzt sind, aber sie sind nicht o beweglich und verkehren nicht so viel mit Zeitungsleuten und zuletzt: was können wir gegen diese tun?" Der Diplomat versicherte noch, daß dem modernen Russen jede Religionsverfolgung fernliege und bedauerte nur/ daß mit dieser Verleumdung den Amerikanern so viel moralischer Entrüstungssturm in die Segel geblasen würde. Diese Aeußerung bietet ein getreues Spiegelbild von der Verwirrung, die eine jahrzehntelange Politik der Ausrottung auch in den Köpfen der Gebildeten, der geistigen Oberschicht im Zarenlande angerichtet hat. Der Herr Diplomat gibt ja zunächst auf Umwegen zu, daß unzählige Juden, die Not und Hunger über das große Waffer getrieben, in Amerika bei einiger Bewegungsfreiheit und vollem staatlichen Rechtsschutz sich mit gutem Erfolg auf verschiedenen Gebieten betätigen und zu einigem Wohlstände gelangen konnten. Trotzdem scheint er, wenn er auch Amerika gegenüber einlenkett möchte, von der Notwendigkeit einer Maßnahme, die eine Rückkehr jener „Exschnorrer" nach der früheren Heimat verhindert, felsenfest überzeugt zu sein. Das ist bezeichnend, denn würde dieser Herr nicht russisch diplomatisch denken, sondern allgemein logisch und dazu ein wenig wirtschaftspolttisch, so müßte er sich doch sagen, daß der Wohlstand des jüdischen Neuamerikaners leicht dem Lande und seinem tief darniederliegenden Wirtschaftsleben hätte zu Gute kommen können, wenn man sich in Petersburg einmal von der Politik der Engherzigkeit zu einer solchen des Rechtes, zur Schaffung von menschenwürdigen Bedingungen auch für die Juden emporringen könnte. Wie wenig der Herr Diplomat im übrigen die Juden kennt, zeigt zur Evidenz seine in Verbindung mit dem unvermeidlichen Märchen von der „jüdischen Revolution" geäußerte Meinung, daß die Westjuden, auch die deutschen, französischen und englischen Juden, einen Gärstoff innerhalb der Bevölkerung ihrer Heimatländer bilden. Der gute Mann weiß nicht, daß im englischen Oberhause die Juden parteipolitisch zu den Konservativen zählen und daß in Deutschland der Gedanke eines von jeder antisemitischen Beimischung freien Kulturkonservativismus .in weiten jüdischen Kreisen mit Freude begrüßt wurde. Geradezu lächerlich mutet aber die Angst des Diplomaten (die er allerdings mit der „Nwoja- Wremja" und anderen führenden Blättern in Rußland teilt) an, eine Aufhebung der Paßmaßregel würde eine Judeninvasion aus Europa und Amerika zur Folge haben. Nein, so lange seine Diplomaten so denken und sprechen, braucht sich Rußland in dieser Beziehung wahrlich nicht beunruhigen zu lassen. Juden verbliebe« ist, das so hoch steht, das; antisemitische Rohheit und Frechheit es nie erreichen kann. Auch jüdische Witze gehören dazu, meine werten Liberalen! H. E—my. Zenteitaarfeitr der Synagoge zu Huricb. Win 15. und 16. September d. Fs. war es der Auricher Synagogengerneinde vergönnt gewesen, gleichzeitig mit dein Einzüge in die neurestaurierte Synagoge auch das Jahrhundertfest dieses ehrwürdigen Hauses durch eine gottesdienstliche Feier zu begehen. (Hcnt hätte die Verwaltung an diese religiöse Feier eilt gemütliches Fest angeschlossen, allein sie mutzte damals in Rücksicht auf die Nähe der B'fcTVDn D'IS' von der Begehung eines solchen absehen und eine geeignetere Zeit abwarten. Der Vorstand der Geineinde hat darum mit den Vorständen der Vereine in einer besonder?« Sitzung das Chanukasest zur Abhaltung dieser Festlichkeit bestimmt, das nun am 2. Abende gefeiert wurde und eine»; glänzenden Verlauf nahin. -Gegen 9 Uhr abends versammelten sich die Mitglieder nn Saale des „Manischen Gartens", wo zunächst Frt. Gelt» Wolsss einen Prolog sprach, der das Ehanukasest verherrlichte. Sodann begrüßte unser hochverehrter Synagogeiworsteher Herr v. Dyk die Erschienenen, wies in trefflichen Worten auf die Bedeutung unseres Gotteshauses für die Gemeinde hü» und ermunterte namentlich die Jugend zum Verharren t»r Frömmigkeit und Wvhltun. Herr Lehrer und Kantor Pfifferling zündete dann die Chanukalichter an und die Gemeinde fang WJEP ‘TJX npv- Dannach betrat der erste Lehrer der Gemeinde B. Wolfs bas Podium, um in kurzen Strichen die EnlwirklungSvcrhältnifs.' der Synagogengemeinde Aurich von ihren Anfängen bis zum Jahre 1811 zu schildern. Ten interessanten Ausführungen folgten die Anwesenden mit Spannung. Längere Zeit verweilte der Redner bei dem Bau der Synagoge und deren Einweihung vor hundert ^Jahren. Er führte etwa folgendes ans: In der preußischen Zeit, also vor 1806, besaß die Gemeinde kein eigenes Gotteshaus; der Gottesdienst wurde in einem Hinterranme eines Hauses in der heutigen Wilhelm strafte abgehallen, wo der Landparnaft Beer wohnte. Nachder für Preußen so unglücklichen Schlacht bei Jena und Auerstadt »var König Friedrich Wilhelm III. gezwungen, »nit Franke nch den Frieden zu Tilsit zu schließen. In diesem Frieden riß Napoleon auch Lstfriesland an sich. Für die Juden unserer Heimat begann nun eine bessere Zeit. Tie Begünstigungen, die ihnen unter französisch-holländischer Herrschaft zuteil wurden, bewogen unsere Vorfahren eine eigene Synagoge zu bauen, wozu sie schon im Jahre 1609 die ersten Vorkehrungen trafen. Sie tvurden dabei durch eine Subvention, die ihnen regierungsseitig gewährt wurde, unterstützt, und arlch die nichtjüdischen Bürger Aurichs steuerten gn dem Bar», was aus einer Danksagnng hervorgeht, die unterm 22. August 1810 im . Courant voor het Departement Oost-Vreeslaml" erschien.. Die lautet: „Der uns so werten Stadt Aurich und insonderheit allen denieiligen, »vetche uns so milde, so liebreich zum Bau unseres der Verehrung und Anbetung des Ewigen, unseres gemeinschaftlichen Gottes, Vaters und Erhalters gewid»»teten Hauses, Beiträge zu schenken beliebt haben, statten wir die Endesgenannten Deputierten der hiesigen Israelitischen Gemeinde namens derselben den gehorsamsten und verbindlichsten Dank ab. Hatten wir gleich zu der »vohltätige»» Unterstützung der sich von jeher so freigebig beiviesenen Stadt Aurich das gerechteste Bertraiten bei der Eröfsnung unserer Kollekte, so »übertrisst sie bei dem Drange der Zeiten alle unsere Erwartungen? Sie erfüllt daher unsere Herzen mit den größten und gerühretsten Empfindungen! Ps. 115, 12—18. Namens der Israelitischen Gemeinde Joikas Abraham Wolsss. Wolf Meyer Ballin. Aron schwabe. Mores Ballin. Jos. Tawid Ballin." Im Sommer des Jahres 1811 war das Gebäude vollendet und sollte am 13. September seiner Bestiminung übergeben werden. Vorher aber sahen sich die Deputierten der jüdischen Gemeinde zu einer öffentlichen Bekanntmachung veranlaßt, in der sich die Stimmung der Bürger am deutlichsten wiederspiegelt; „Einem hochverehrten Pnbliko tvird von de»» uirterzeick-neten Deputierten der hiesigen jüdischen Gemeinde ergebenst angezeigt, daß a»n Freytage, den 13. d. M. die neuerbaut?, an der Kirchstraße llieselbst stehend.' Synagoge mit grosser Feyerlichfeit eingeweihet, und damit Morgens 9 Uhr Anfang gemacht iverden soll. Um hierbey aber vor einem Ueberlauf von Menschen gesichert zu seyn, ist eine Billetten Anstheilung nöthig erachtet »vorder». Jede Person, welche am besagten Tage dieser Foyer in der neuen Synagoge Veyzuwohüen tvünscht, zahlt also für ein Bittet 18 Stieber po cour. Auch sind diese Biltaten vorläufig bey - dem Kaufmann Jacob Joseph Ballin zu haben. 'Aurich, 1. September 18ll. Die Deputierten." Die Einlveihungsfeirr ist denn auch offenbar unter Beteiligung aller Kreise der Einwohnerschaft vor sich gegangen, »vas aus einer weiteren Danksagullg der jüdifchen lvcmeinde zu entnehmet» ist, die im „Courant"

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