Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1911)
- Date
- 1911-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Cfette 2. Nr. 32 »er Mraeltt 28. Dezember 1911. Tempels und noch früher zurück. So lange die Richter Israel leiteten und das Volk rn Gottesfurcht lebte, war der jüdische Staat mächtig und angesehen, und er verlor sofort seine Machtstellung, als sich Götzenglaube und Religionslosigkeit in der richterlosen Zeit. ausbreiteten und die Führung innehatten. Welche Epoche der jüdischen Geschichte war dagegen glänzender und kraftvoller als die unter David und Salomo, die in Gottesfurcht regierten, in den Lehren Mosis wandelten und das Volk der Ueberlteferung erhielten! Als dann der jüdische Staat sich m zwei Reiche, in Israel und Juda teilte, welche Verworrenheit und Schwäche zeigte das Reich Israel, das zumeist von höchst „aufgeklärten" Königen regiert wurde, und welche Kraft und weise StaatÄeituug bas Reich Juda, namentlich unter seinen durch Frömmigkeit ausgezeichneten Königen Affa, Josaphat, Chiskija, Josija u. ll. Daher kam es auch, daß dieses Reich sich fast 200 Jahre länger hielt als Israel und auch nur unterging, weil seine Leiter zuletzt den Weg des Abfalls beschritten. Aber selbst auf die Beweiskraft dieser offenbaren Tatsachen können wir verzichten, wenn wir kurz die Zeit des zweiten Tempels skizzieren. Wir wollen da nicht besonders auf die Juden Babyloniens Hinweisen, die unter der Aegide des Toragesetzes und der Leitung ihrer Exuarchen aus dem.Hause David ein fast selbständiges Staatsgebiide schufen und es fast 1800 Jahre mit wenigen Ausnahmen in Glanz erhielten. Wie sah ' es in Palästina aus! Als nach der Rückkehr der Exilierten wieder ein neuer jüdischer Staat geschaffen wurde, war er zur Ohnmacht und Verkümmerung verurteilt, so lange dort das Tvragesetz nicht in alt hergebrachter Weise gelehrt und geheiligt wurde und an der Spitze des Volkes Männer standen, die ihm „im Unrecht gegen das Gottesgesetz den Weg zeigten." Erst als Esra, der fromme Schristgelehrte, nach Palästina kam und für die Gotteslehre eiferte, als mit ihm der ebenso tatkräftige wie überlieferungstreue Nehemia sich verband, und beide vereint für ein Leben nach Gottes geheiligter Lehre tätig waren, als durch ihre Initiative in allen Städten des jungen jüdischen Reiches Gerichtsbehörden einaesetzt wurden, die für Recht und Gesetzestreue sorgten, als an die Spitze die Männer der großeü Versammlung gestellt wurden, die durch ihre Tätigkeit die Einheitlichkeit der jüdischen Lehre wahren und ihre Kenntris in die Herzen des Volkes 'pflanzten, da erhob sich der S:aat aus seiner NiedrigkeiteS mehrte sich der Wohlstand, und es wuchs sein Ansehen. Jerusalem wurde zu einer blühenden, volkreichen Stadt, und im ganzen Lande erhoben sich blühende Städte. Wer l e i t e te w chh - rend dieser ganzen Zeit dasVolk? Es waren dir im großen Synhedrium vereinigten Thoragelehrten, Pharisäer, und mit ihnen der Hohepriester, der fest in der Ueberlieferung wurzelte. Es kamen dann die Kriegswirren unter Alexander dem Großen und die Kämpfe unter seinen Feldherrennaturgemäß hatte auch Palästina viel zu leiden und es mußte seine Treue zu seinem Herrscherhause damit bezahlen, daß Ptolemäus 100.000 Juden aus Jerusalem nach Egypten fortführte. Wer war aber damals dem unglücklichen Volke Stab und Stütze, wer heilte die Wunden, die ihm geschlagen waren und hob es wieder zur Höhe empor? Es war der fromme Hohepriester Simon, der Gerechte, dieses echte UrbtlddesPharisäertums. Bezeichnend sind die Worte, mit denen Josua ben Sirach diesen pharisäischen Hohepriester zu besingen beginnt und feiner politischen Tätigkeit gerecht wird : Das Haupt seiner Brüder und der Stolz seines Volkes War Simon der Sohn Jochanans, der Gottespriester Zu seiner Zeit besserte er das Gotteshaus aus Und in seinen Tagen befestigte er den Tenkpel Zu seiner Lebzeit wurde die Mauer gebaut Mit Eckzinnen wie ein Königspalaft In seinen Tagen der Teich gegraben Ein Wasserbecken wie ein Meer mit seiner Fülle Der für sein Volk sorgte gegen die Räuberei Und seine Stabt befestigte gegen Belagerung Wie herrlich war er, wenn er vom Volke umringt Hinter dem Vorhänge des Hauses heraustrat. Nicht lange nach dem Tode. Simons beginnt der Verfall, und er nimmt seinen Anfang, als der feinem frommen Vater so unähnliche Omas die Hohrpriesterwürde übernahm. Zu seiner Zeit kommt der Steuerpächter Josef zu Reichtum und Macht, und um ihn gruppiert sich jene kleine-, aber finanzkräftige und einflußreiche Klique, die sich von der Religion Israels entfernte und durch ihre maßlose Herrschsucht unnennbares Weh über Israel brachte. Es waren dies die sogenannten „H e l l e n i st e n" oder „die Abtrünnigen," wie sie das Makkabäerbuch benennt, und es muß hier besonders betont werden, daß nach den Quellen und unumstößlichen Beweisen, die Haewy in seinem Doroth-Harischonim erbracht hat, sie allein es waren, die den Staat dem Untergange nahe brachten. Sie waren es, die von Antiochus Epiphanes die Hohepriesterwürde erkauften und mit unwürdigen, unfrommen Elementen (Jason, Menelaus) besetztensie waren es, die den ihnen gefügigen fremden Herrscher herbeirtefen, als das empörte Volk sich erhob und den verhaßten Hohepriester verjagtesie waren es endlich, die den Fremden veranlagten, der jüdischen Religion den Vernichtungskrieg zu erklären. Aber noch lebte in dem Volke, das durch die Aleine» Feuilleton. Berliner Plauderei. (Schluß). Am Vorabend der Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Juden", während die Herren Delegierten die Resolution berieten und vom Gemeindevorstaud ivendierte Brödchen aßen, saß ich in Eharlottenburg in der Knesebeckstrafte 5, Hochparterre, um ebenfalls belegte Brödchen zu essen, aber solche, die von Herrn Regiernngsbaumcister F rank e l gespendet waren. Warum Herr Frankel mir Bröddteit spendierte? Nun, das tat er nicht nur für mich allein, sondern es war ein Kreis illustrer Leute deS Berliner indischen Lebens und dazu noch die Ehargierten der jüdischen Tcndenzverbindungen, die sich Braten und Wein re. p. v. dort sehr wohl-- schmecken lüften, (Kalt es ja, das „jüdisch.' 2 lüde n t e n - lind I n g e n d h .° i tu " einzuwejhen, an dessen Errichtung anfter Herrn Frankel und einigen anderen Herren, vor allem der in tveiten jüdischen Kreisen gekannte und geschähe Schristtsteller Herr Dr. Arthur Kahn sich beteiligt hatte, dieser alte jovial? Herr, der mit solcher Rüstigkeit sich um alte jüdisch?» Interessen kümmert, daß man es garnicht glauben mag, er sei schon über die Sechzig. Das Heini selbst, das zu billigen Preisen Mittag- UNd Abendessen bietet, ist sehr günstig (durch gute, schnelle Fährverbindungen nach allen Stadtteilen) gelegen und nett und gemütlich eingerichtet. Besonders das Lese- und Schreibzimmer ist sehr hübsch. All? jüdischen, auch ausländischen Jeitnngen li.'gen dort auS und auch eine kleine Bibliothek steht den Besuchern zur Verfügung. Dann war der „große" Sonntag. Von der Bersailimlirng bei Kroll haben Sie schon ausführlich gelesen. Leider durfte man am Abend nicht zuhause sitzen und sich ansruhen. Man mußte in den Klind- >vorth-Scharloenka^aal wandern, wo Herr Joseph m b r u n n aus München, wie jemand treffend bemerkte „JioniSinnS deklamierte". Oder richtiger gesagt: Zionismus schrie. Er wollte voraussichtlich damit die Stühle erweichen, ans die niemand trotz der größten Anstrengungen der Berliner Jionisten reflektiert hatte. ES lvar wirklich ein verlorener Abend! Und nur der Vortrag der letzten drei Balladen, die er schlicht und sacht, ohne tragischen Assektpomp rezitierte, könnt? uns ein wenig heiterer stimmen. . Montag war wahrhaftig ein anstrengender Tag. Versammlungen fast ein Dutzend. Man horchte hier ein tvenig und da ein wenig. Und inan sali und hörte wieder, wie viel ans allen möglichen jüdischen (bedielen getan wird, und man glaubte unwillkürlich einen Moment lang, wir lebten im Paradiese. Nur in der Allianceversammlung kam man nicht in die Verlegenheit, derlei zu meinen. ES war ein ohienbetäubender Lärm. Herr Dr. F r i e d e m a n n von der (D. C. G, dessen Arbeit inan nur anerkennen und schätzen kann, hatte sich nämlich die Mitglieder der zionistischen Verbindung „Hasmonäa" hinbestell l, damit sie alle . seine Schlagwörter betrampelten und beklatschten und den Gegner möglichst liinansschorrten. Aber interessant war die Versammlung immerhin. Oder ist es nicht interessant, wenn hintereinander sechs Redner auftrcten, von denen jeder feine Eigene, Jahrhunderte lange Leitung seiner Toragelehrten stark gemacht worden war, eine unverwüstliche Kraft. Unter der Führung der gesetzestreuen Hasmonäer erhob es sich zu jenen gewaltigen Kämpfen, die einzig an ihrer Art in der Weltgeschichte dastehen und die zur Niederwerfung des Antiochus und seiner Helfershelfer und zur Wiederweihe des Tempels führten. Die Thorafremden hatten den Staat an den Rand des Verderbens gebracht, die Frommen den Staat gerettet. (Schluß folgt.) KochrurMscha«. i.» «. Die Emigranfenfiirsorge öer HJiener „Israelififdien flllianj". Zu unserem in der Wochenrundschau der letzten Nummer unter obigem Titel veröffentlichen Artikel geht uns vom Bureau de»„Jsraelitischen Allianz zu Wien" eine längere Erwiderung zu, die alle Anschuldigungen zurückweist und sie in der Hauptsache als Stimmungsmache von seiten der Agitatoren für den der „Allianz" (wie übrigens auch uns. D. Red.) nicht gerade sympathischen Emigrattonskongreß bezeichnet. Eine von „Allianz" dem „Frainde" und jüdischen Wiener der Zeitungen zugegangenen, von diesen aber nicht aufgenommene Berichtigung lautet folgendermaßen : „1. Es ist richtig, daß durch unseren Verein weder am Sabbat, noch an jüdischen Feiertagen Emigranten expediert werden. Dies geschieht auch nicht an den vorhergehenden Tagen, da das Komitee tn Basel fich mit Entschiedenheit dagegen verwahrt, daß dort Emigranten, welche von einem jüdischen Verein gesandt werden, an einem Sabbat rder Feiertag eintrefsen. Wtr glauben, daß es nicht nur nach den Begriffen der westeuropäischen Juden, sondern auch im Sinne der weitaus größten Masse der Juden in Rußland eine grobe Pflichtverletzung wäre, viele würden es geradezu als „Chillul haschem" betrachten, wenn ein jüdischer humanitärer Verein, noch dazu einer, der für unsere überwiegend doch noch religiös gesinnten bedrängten Glaubensgenossen wirkt, in seinem Wirkungskreise die Religionsgesetze abschassen würde. Als vor mehreren Jahren einmal, während der starken Emigration, eine Emigrantengruppe in einer westeuropäischen Stadt an einem Sabbat eintraf und weilerveförderl wurde, hat dies mit Recht unter den Juden eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen. 2. Daß von den rusfischenKomttees für die von ihnen empfohlenen Emigranten 2 bis 3 Rubel mehr pro Person für die unvorhergesehenen Ausgaben gesandt werden immer entgegengesetzte Meinung hat, von der er auch nicht um ein Jota abgchen will, und dann jeder dieser sechs Redner mit'dem einschmeichelnden Wort? beginnt: Ich habe die Absicht, zuNl Frieden zu reden - - Nein, es kommt so schnell nicht in dem Alliance- und in den vielen anderen Problemen, die die Inden augenblicklich bewegen, zum Frieden, höchstens, über Bücher- und Preßdiskussionen hinweg, nur ans Momente, ivenn man j?ch bei gesellschaftlichen Veranstaltungen trifft. Nun freilich werden in Berlin die Gelegenheiten, luo sich die jüdische Gesellschaft zusaininenfittdet, immer seltener. Bislang lvar das Wvtzltäligkeitssen, das der „ B e r e i n z u v B ekleid n n g j ü bischer K i n d e r " zu Anfang der Saison in den Gesamträumen der Phil barmonie veranstaltet, ein geseltschastliches Ereignis. Doch es hat sich überlebt. Kanin nach beim ersten Teile, dem Künstlerkvn zert, sieht man Berliner Persönlichkeiten. Vollends beim Ball geivahrt man keinen. ES scheint in der Tat so zu sein, daß die Ehess die BiUets (zu wohltätigem Jweck ist eS ja) kaufrn und sie dann ihren Angestellten schenken. So tvnrde ans dein Berliner Gesellschaftsball ein „Konsektions ball". Und das sieht inan schon an der Art des TanzenS. Man glaubt in irgend einem Tingel-Tang.'l z» sein. Um wieviel schöner war es ein Tag vorher im Montesivrenverem'. Wie lustig ging es zu und wie doch — echt jüdisch. Die Rede Dr. Sitberbcrgs die extra für den Abend verfaßte Theaterstück „Die Mcseritzer" n. s. s. Jüdische Witze hörte man, und doch jüdische Witze, die zufälligerweise (ob sich das Liberale wohl denken können?!) nicht antisemMsch waren! Ja, ja/es gibt noch Jüdisches, das den