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Der Israelit · 1911-12-21 · Heft 51 (21.12.1911) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 51 (21.12.1911)
Date
1911-12-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Leuilleton-Beilage M Nr. 5\ des „)sraelit". Feuilleton. tage der not. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stein. (Schluß.) Das war der Spruch. Herr Erasmus Gelltschin winkte gnädig dem Primas zu und um des Priors Lippen spielte ein wohlwollendes Lächeln. Der kaiserliche Richter war stumm hinausgeeilt und schickte die wartenden Zwanzig heim- „Frei, frei!" waren die einzigen Worte, die er sagte. Dann gab er noch die Weisung, daß die Gebrechlichen unter den Aeltesten, Hirschl, Gyppen und wer sonst nicht fähig sei, den schweren Sack zu tragen, nach Notwendigkeit und Wunsch durch die Diener abgelöst würden. Die nicht am Schinderberg des kommenden Schaustücks vergebens harrten, — denn der jämmerliche Tod der Soldaten war nur ein wenig sehenswertes Vorspiel gewesen, dem nicht einmal die Angst des Juden einen höheren Genuß gab, weil er wider Recht fehlte — entschädigte der Zug durch die Stadt. Wirr war der Lärm, der sich vom Hause des Gubernators über die steile Gaffe zur Moldau hinab, durch die Brückentürme auf die Altstadt und durch deren schmale Häuserreihen zum Rathhaus wälzte. Es war ein Tosen und Schreien, ein Johlen und Balgen, ein Hetzen und Spötteln und Lachen ohne gleichen. Die am wenigsten sahen, schrien am lautesten und drohten gegen die Soldaten, dte eS wagten, die Juden vor dem Volke zu schützen. Die nahe standen und die Last sahen, unter der die Träger sich bückten, warfen Steine in den Weg und taumelten vor Freude, wenn da oder dort einer fiel. Es war ein Weib in der Menge, das sinnlos schrie und tobte, und ein junger Bursche, der sich als Jude gab und um das verlorene Geld weinte und bebteeiner, der die Arme wild schwang und auf der Brüstung der Brücke stehend, viel Volk um sich sammelte, verlangte, das Judengeld, schrie sich heiser in wüsten Schimvsworten und erntete den lautesten Beifall unter denen, die sich an diesem Tage hervortaten. Ihm zu Dank, vertrat ein Haufe den Juden den Weg. Doch wurde das Ziel nicht erreicht, da die Soldaten Miene machten, mit ihren breiten Fäusten und schweren Klingen sich ein blutiges Weglein zu bahnen. So blieb es beim guten Willen, was viele bedauerten. Als die Juden endlich nach langem und hartem Gehen aus dem Rathause kamen, war ihnen der Heimweg ins Ghetto durch eine Menge versperrt, wie sie nur an hohen Festen, an Kirchweih und am Tage des heiligen Johann sich zufammenzufinden Pflegte. So mutzten die Soldaten wacker in die wilden Reihen stoßen, bis das Ghettotor sich hinter den Juden schloß und seine eisenfesten Türen jeden Ansturm wie tausend Soldatenfäuste abwehrten. Während noch lange ein wüstes Schreien ans Ghetto schlug, zog der Primas mit den Soldaten zurück auf die Kleinseite, um Joses Thein aus der finsteren Zelle des Gefangenenhauses zu holen. Zwar kam er glücklich schon um die zweite Nachmittagsstunde hin und fand den Geretteten bereits seiner Ketten ledig. Doch der Weg ins Ghetto war durch das heißbegehrende, erregte Volk verlegt, und so lehr die beiden auch heimverlangten und Joses mit allen Sinnen nach Weib und Kindern brannte, bis zum Abend mußten sie in dem schmalen Gange des Gefängnisses stehen und die Augenblicke wie endlose Stunden fühlen ... Gelbfunkelnde Sterne glänzten über ihnen, als sie über den Kleinseitner Ring kamen. Stumm wies Josef ins dunkle Blau der Nacht, in das ein weißes, leeres Galgenholz hineinragte, während ringsum schwarze Formen sich unklar abhoben. Die beiden wandten sich ab nnd rascher eilten ihre Schritte dahin, bis sie vor dem Tore standen, hinter dem die Heimat, der Frieden und jubelnde Menschen-sie erwarteten. Die Sabbatnacht, in der Josef heimkam, war hell wie der Tag Moses Lemele öffnete ihm die kleine Pforte und war der erste, der dem Geretteten schluchzend um den Hals fiel. Solange er lebte, rühmte er sich mit freudigem Stolze dieser Umarmungdenn tausend Männer taten nach ihm das gleiche und tausend Herzen freuten sich daran. Man drängte und stieß sich und wich lachend aus, wenn ein neuer Schwarm froh bewegter Menschen aus einer Seitengasse hervorbrach, um auf Josef zuzuellen, ihm die Hand zu schütteln und ihm herzliche Worte zu jagen. Langsam ging es vorwärts, Josef hielt Gütl im Arm und hatte seine Kinder um sich, die Dwerl und Schmerl Katzew herbeigebracht hatten, damit er sie in seine Arme schließe. Wie ein Sieger und Held, den das Volk kränzt mit blühendem Laub und Blumengewinden, so zog er einher, nahm Zirl aus den Arm uud drückte Moscheles Lockenkopf an sich, weinte und lachte und jubelte mit den Augen. Sie kamen auf den Platz. Dort standen im Dunkel der Häuserschatten zwei Menschen: Schmul und Rest. Seit der Heimkehr der Zwanzig wußte das ganze Ghetto, durch welchen Plan Rebb Josef gerettet worden war. Lange hatte man die Zwei gesucht, denen man danken wollte, und hatte sie nicht gefunden. Die waren in einem Winkel gesessen, in einer leeren kahlen Stube, und hatten den Raum mit den goldenen Träumen der Zukunft, mit dem Glück ihrer Herzen erfüllt. Als es Nacht geworden war, waren sie auf den Ghettoplatz gegangen und hatten dort in der ttefen Sabbatandacht den großen Plan zurechtgeschmiedet, der sie zu ihrem Ziele führen konnte. Frellich, arm waren sie und hatten beide nicht mehr als die Kraft ihrer Hände, doch Liebe im Herzen und Glauben und Hoffnung in der Seelei Und wenn eS Jahre dauern mochte, bis sie unter die Chuppe treten konnten, was lag daran? „Siehst Du die Sterne, die ftmkelndeu, glänzenden, aus denen Gott blickt mit gütigen Augen? Sie leuchten in gleicher Pracht sett aller Welten Anfang und sterben nie! Gott hat sie geschaffen, wie er das Glück in unser Herz legte, unser Gott, der überall ist, um uns und in uns! Und hörst Du das milde Atmen der Nacht, das Frieden den Menschen bringt? Breit' die Arme aus, Resele, nimm den Frieden in Dein Herz! Er ist Dein und mein für alle Lebenszeit!" So flüsterte Schmul. Da erhob sich rings der frohe Lärm deS Ghettos. Sie kamen herangezogen, die Glücklichen, Leidbefreiten, und hingen Arm in Arm. Nur der Primas und Dwerl gingen abseits und die Worte der Alten waren ernst und eindringlich. Als der Primas nickte und ihr die Hand drückte, hatte Dwerl güttge, freudige Augen. Sie war cs, die die beiden im Dunkel erblickte. „Dort, dort!" rief sie und blieb dann zurück. Rebb Abraham Tausfig kam mit raschen Schritten auf Schmul und Rest zu. Aus dem Schatten, in dem sie standen, zog er sie ins weiße Licht des Platzes. „Ihr beiden," rief er, während die Menge stillstand und atemlos horchte, „Ihr habt Euch heute unseren Dank erworben! Euere Tat wird man nicht vergeffen, die Herzen, die heute hier schlagen, werden sie von Kind zu Kind weltertragen in die Zukunft! Doch in Eueren Auge« selbst steht ein Wunsch . . . Schmul, ich kann Euch in meinem Hause brauchen. Wollt Ihr zu mir kommen und bei mir diesem Mädchen, das sich um Euch und uns alle verdient hat, ein Heim erwerben? So will ich selbst Euer Brautführer sein und die Hochzeit rüsten auf Purim! Schlagt ein, schlagt ein!" Und jubelnd klang es über den Platz: „Glück und Segen! Glück und Segen!" Dann ging er heim. Bis tief in die Nacht klangen die Gläser und Schmul und Rest, Joses und Gütl, Dwerl und der Bocher, Schmerl Kazew und Rebb Henoch saßen bet einander, erzählten und horchten den Kindern, die die frohen Sabbatlieder sangen, bis ihnen die müden Augen lächelnd zufielen. Draußen lag friedlich die enge Gaffe und horchte auf das Weben der Welt. Leid und Not, Freude und Glück war das Zeichen der Geschlechter, die in kleinen Häusern hinter Toren wohnten, unfrei und ttesgedrückt von den Mächtigen der Erde. Doch wie der Vogel auch hinter Kafigstäben singt und trillert, weil der Gesang in seiner Kehle steckt, wie er — in armer Gefangener — mit süßen Lauten Freiheit und Gottes schöne Welt besingt, so sang das Ghetto durch alle Zeiten trotz harter Oual und vieler Not fein altes, an geerbtes Lied, daS hohe, hehre Lied der Liebe. c«tt«e»rche». Roman von Elch. I. Es war ein trüber Nachmittag, als Samuel Maslow aus dem raucherfüllten Wagen vierter Klaffe, in dem er volle 48 Stunden, zwischen feilschenden, zankenden und lärmenden Menschen eingekeilt, geweilt hatte und quer durch den Nordosten des Deutschen Reiches gereist war, in das bunte, rauschende Leben des Bahnhofes trat. Müde und zerschlagen an allen Gliedern wie er war, zog den stillen Jüngling aus dem litauischen Städtchen das bunte, schreiende Leben doch mächttg an, und er vergaß für eine Weile Müdigkeit, Hunger und Sorge. Dann aber überkam ihn ein plötzliches Angstgefühl vor all dem Großen und Unbekannten, als könnte dieses jagende, stoßende Leben ihn, den kleinen, fremden Jungen, erdrücken, und er flüchtete so eilig, als es der Menschenandrang möglich machte, aus der Bahnhofshalle. Eine Stunde später irrte er ziellos und weltverloren in den nebelgrauen Straßen der Großstadt umher. Eigenttich war dies alles höchst intereffant und auch anziehend, diese klingelnden gelben Wagen, die, von unsichtbarer Hand geleitet, die breiten, sauberen Straßen durchzogendie so eilig drängenden, festlich geputzten Menschendie blanken Glaswände, hinter denen sich so mannigfaltige Kostbarkeiten verbargen, der Riese in den weißen Handschuhen und mit der gelben blitzblanken Turmspitze auf dem Kopfe, der mit gemeffenen Schritten mitten in dieser reißenden Menschenflut aus und ab ging und den die Leute „Herr Schutzmann!" anredeten. All dieses war neu und höchst sonderbar, und Maslow mußte daran denken, daß nur eine dieser vielen bunten Erscheinungen imstande wäre, sein ganzes Heimatstädtchen auf die Beine zu bringen und dort für ewige Zetten von sich reden zu machen. Freilich dort in den buckeligen, ungepflasterten, ganz von

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